Warten auf die Mobilitätsidee der Zukunft

Schon seit über 40 Jahren tüfteln Mechaniker am perfekten Stadtauto. Doch die meisten Ideen waren bisher ihrer Zeit voraus.

Für Verbraucher sind neben kompakten Maßen, einer guten Wendigkeit und der Rundumsicht vor allem der Spritverbrauch und die Emissionen wichtig. Kleinstwagen, Hybridfahrzeuge, Elektroautos oder Carsharing – wer macht das Rennen? Startups glauben, die Antwort gefunden zu haben.

Wie würden unsere Innenstädte nur aussehen, wenn der französische „Minima“ von Victor Bouffort 1973 in Serie gegangen wäre? Der Vorläufer des Smarts bestach mit einer leichten Kunststoff-Karosserie, Schiebetüren, einem kleinen Gepäckfach und einem 30-PS-Motor, der es immerhin auf 120 Stundenkilometer brachte. Da Parkplatznot schon seit Ende der 60er-Jahre kein Fremdwort mehr war, sollte der Zweitürer wie sein moderner Nachfolger quer einparken können. Visionär Bouffort ging sogar noch einen Schritt weiter und wollte das Auto für kostenloses Carsharing nutzbar machen. Doch die Idee war ihrer Zeit voraus – es blieb bei einem Einzelstück.

Erst 20 Jahre später wurde das Konzept von Smart wieder aufgegriffen. Bis Anfang 1994 existierten allerdings lediglich zwei Designstudien. Doch 2003 verkaufte Smart dann bereits 125.000 Fahrzeuge, 2016 waren es sogar 145.000. Die Gründe für den Kauf des Fortwo liegen auf der Hand: Niedriger Verbrauch, wenig Unterhaltskosten, geringe Reparaturkosten und kaum Parkplatzprobleme in der Stadt – trotz eines hohen Sicherheitsstandards. Dennoch war der Vertrieb des Kleinstwagens lange ein Verlustgeschäft. Der Smart sei eigentlich das perfekte Modell, meinten Kritiker damals. „Nur sind die Kosten viel zu hoch.“

Stattdessen liefen Elektroautos dem Smart den Rang ab. Inzwischen gilt der 2010 auf den Markt gekommene Nissan Leaf mit 228.000 verkauften Exemplaren als meistverkauftes Elektroauto der Welt. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Luxuslimousine Tesla Model S (130.000 Stück) und der aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff hergestellten BMW i3 aus München (50.000 Stück). Doch obwohl Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Absatz von Elektrofahrzeugen bis 2020 auf eine Million steigern will, sind bisher erst 25.000 in Deutschland zugelassen. Elektroautos werden sich wohl erst durchsetzen, wenn sie in puncto Preis und Reichweite mit Verbrennungsmotoren mithalten können.

Was macht also das perfekte Stadtauto aus? Laut einer Umfrage des Automobilclubs ADAC spielen neben kompakten Maßen, einer guten Wendigkeit und Rundumsicht vor allem Spritverbrauch und Emissionen eine herausgehobene Rolle. Diese Eigenschaften haben die am meisten verkauften Kleinwagenmodelle VW Polo, VW Up!, Opel Corsa, Skoda Fabia und der Mini alle gemeinsam. Unterschiede gibt es allerdings bei der Kfz-Steuer. So kostet der Polo V 1.2 beispielsweise nur 72 Euro pro Jahr. Der Polo V 1.6 TDI ist dagegen mit 180 Euro fast doppelt so teuer. Und beim Polo IV 1.9 TDI müssen sogar jährlich 316 Euro für die Kfz-Steuer berappt werden.

Natürlich lassen sich jedoch auch heute schon mit Hybridfahrzeugen, also einer Mischung aus Elektro- und Verbrennungsmotor, beim Stadtauto Kosten sparen. Der Hersteller Kia will die Konkurrenz dieses Jahr mit dem Picanto angreifen, den es unter anderem als LPG-Modell mit Autogas gibt. Eine weitere Alternative sind natürlich Carsharing-Anbieter, die es mittlerweile in allen großen Städten gibt. Mit einem neuen Gesetz der Bundesregierung Ende letzten Jahres soll es zukünftig auch kleineren Städten und Gemeinden ermöglicht werden, Carsharing-Stellplätze im öffentlichen Straßenraum rechtssicher einzurichten. Mittlerweile sind nach Branchenangaben bereits 1,2 Millionen Kunden registriert, die sich 16.000 Fahrzeuge von 150 Anbietern teilten.

In Wien gibt es darüber hinaus ein Projekt, in dem nur jede zehnte Wohnung einen Parkplatz zur Verfügung hat. Trotz dieser Entscheidung gab es innerhalb weniger Tage 10.000 Bewerber auf die 250 Wohnstätten. Um dennoch mobil zu sein, werden den Anwohnern E-Bikes, kostenlose Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr und vom Bauträger subventioniertes Carsharing angeboten. Durch den Verzicht auf eine Tiefgarage wurden beim Bau 8000 Euro pro Stellplatz gespart. Dieses Geld konnte im Gegenzug für einen Kindergarten, eine Sauna, einen Fitnessraum, eine Waschküche und einen Gemeinschaftsraum verwendet werden.

Vielleicht liegt die Zukunft des perfekten Stadtautos allerdings auch in Schweden. Dort hat das Start-up Uniti ein Elektroauto speziell für Menschen zwischen 20 und 35 Jahren entwickelt, die das Auto nicht mehr als Statussymbol sehen, in Großstädten leben, viel Fahrrad fahren und Carsharing-Anbieter nutzen. Eine mechanische Lenkung gibt darin nicht: Das Elektroauto steuert elektronisch, "wie ein Düsenjet", erklärt Uniti-Chef Lewis Horne. In München hat das Start-up Sono Motors ebenfalls ein E-Auto entwickelt, dessen Akkus durch Solarzellen aufgeladen werden können. Kleinere Reparaturarbeiten soll der Kunde sogar selbst ausführen können. Das einzige Problem: Im Gegensatz zu Victor Boufforts Minima gibt es bisher noch nicht einmal ein fertiges Auto.

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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