Demenz-Forscher mit brisanter These

„Gute Plaques“ im Gehirn entdeckt: Studie zeigt auf, warum Alzheimer-Medikamente Gedächtnisverlust beschleunigen können

Eine Demenz führt zu Gedächtnisverlust.
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Eine Demenz führt zu Gedächtnisverlust.

Forschern zufolge begünstigen schädliche Ablagerungen im Gehirn eine Demenz, „gute“ Plaques dagegen zeigen positive Effekte auf die Hirngesundheit.

In Deutschland leben der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg zufolge aktuell rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Die meisten von ihnen seien von der Alzheimer-Krankheit betroffen. Die bisher unheilbare Störung führt dazu, dass Nervenzellen im Gehirn absterben, was zu Vergesslichkeit, Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit führt. Werden Betroffene nicht frühzeitig behandelt, verlieren sie mehr und mehr die während ihres Lebens erworbenen Fähigkeiten.

Eine Demenz ist nicht heilbar, es gibt kein Medikament, das den Fortschritt der Krankheit verhindern könnte. Die Symptome lassen sich allerdings mit Medikamenten vorübergehend hinauszögern. Um eine ursächliche Therapie gegen Alzheimer zu finden, forschen Wissenschaftler weltweit an neuen Behandlungsansätzen – unter anderem ein Team um Greg Lemke vom Molecular Neurobiology Laboratory am Salk Institute for Biological Studies im US-Bundesstaat Kalifornien. In einer Studie konnten die Forscher eine bahnbrechende Entdeckung machen: Im Gehirn gibt es zwei Arten von Plaques, die als Hauptursache der Demenz angesehen werden – eine schädliche und eine für die Hirngesundheit förderliche Variante.

„Gute Plaques“ im Gehirn gegen Demenz: „Wenn es weniger von ihnen gibt, nehmen die Zellschäden eher zu“ 

Bei Plaques handelt es sich um Protein-Ablagerungen im Gehirn, die das Absterben von Hirnzellen fördern, weil sie den Hirnstoffwechsel negativ beeinflussen. Das Forscherteam um Neurobiologie-Experten Lemke konnte im Mäuseversuch nachweisen, dass diffuse Ansammlungen des Amyloid-Beta-Proteins für Gehirnzellen tödlicher sind als Plaques mit dichtem, kompaktem Kern. Letztere entstehen, wenn das körpereigene „Aufräum-Kommando“ die diffusen Ablagerungen gleichsam zusammenkehrt und so weniger schädlich macht, wie das Wissenschaftsportal scinexx.de informiert.

Ein Studienergebnis, dass für Aufruhr sorgt. Denn bisher hatte man angenommen, dass beide Plaque-Formen von selbst entstehen und dann ihre schädliche Wirkung entfalten. „Wir konnten zeigen, dass die Plaques mit dichtem Kern nicht spontan entstehen. Stattdessen werden sie von den Mikroglia-Zellen als Schutzmaßnahme gebildet – man sollte diese Plaques daher lieber in Ruhe lassen“, zitiert Scinexx Seniorautor Greg Lemke. Sein Kollege Youtong Huang ergänzt scinexx.de zufolge: „Wenn es mehr diffuse Plaques gibt, dann häufen sich dystrophische Neurite – Nervenzellausläufer, die neuronale Schäden anzeigen“, erklärt Huang :„Die dichten Plaques scheinen dagegen weniger schädlich zu sein: Wenn es weniger von ihnen gibt, nehmen die Zellschäden eher zu.“ 

Neue Alzheimer-Therapien: Plaques nicht aufbrechen

In Hinblick auf die Demenz-Therapie könnte das Vorhandensein „guter Plaques“ immense Auswirkungen haben. So schlussfolgern Lemke und Team aus ihrer Studie, dass einige gegen Alzheimer getestete Arzneimittel wenig wirksam sind – oder sogar schaden können, wenn sie die dichten Amyloid-Plaques angreifen und zerstören. „Es sind verschiedene Antikörper in Zulassungstests, deren Hauptwirkung die Verringerung der dichten Amyloid-Plaques ist“, so Lemke: „Aber unseren Erkenntnissen nach könnte das Aufbrechen dieser Ablagerungen nur noch mehr Schaden anrichten.“ Das Fazit der Forscher: künftige Therapien sollten nicht darauf ausgelegt werden, Hirn-Plaque zu zerstören, weil bestimmte Formen dieser Ablagerungen schützende Wirkung auf Hirnzellen entfalten. (jg)

Zur Studie

Mehr Quellen: https://www.alzheimer-bw.de/fileadmin/

Weiterlesen: Alzheimer-Forschung: Alterserkrankung breitet sich wie Infektion aus.

Prominente, die ihr Gedächtnis verloren

Alptraum Alzheimer: Der ehemalige Fußballspieler des FC Bayern München, Gerd Müller leidet an einer Alzheimer-Erkrankung. Wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag am 3. November bitten der deutsche Fußball-Rekordmeister und die Familie des Weltmeisters von 1974 um Verständnis, dass es keine öffentlichen Auftritte anlässlich des Jubiläums geben werde. © dpa
Karheinz Böhm
Der große Schauspieler Karheinz Böhm starb am 29. Mai 2014 im Alter von 86 Jahren. Erst im Februar 2013 war Böhms Alzheimererkrankung bekannt geworden. Sein Sohn Michael wollte nicht länger über den Gesundheitszustand seines Vaters schweigen. Karlheinz Böhm wurde an der Seite von Romy Schneider in Sissi ein Star. Böhm setzt sich seit 1981 für hungernde Menschen in der Sahelzone ein (Archivfoto vom 2.05.2011). © dpa
Der ehemalige Schauspieler Karlheinz Böhm, der seit 28 Jahren die Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen" leitet, und seien Ehefrau Almazs besichtigen das Wiederaufforstung-Projekt "Sheikh Abdi Erosionsgraben" in Äthiopien (Aufnahme aus dem Jahr 2006).
Der ehemalige Schauspieler Karlheinz Böhm leitet seit 1981 die Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen" . Die Aufnahme aus dem Jahr 2006 zeigt, wie Böhm mit seiner Ehefrau Almazs  das Wiederaufforstung-Projekt "Sheikh Abdi Erosionsgraben" in Äthiopien besichtigt. © dpa
Rudi Assauer
Rudi Assauer und die furchtbare Diagnose Alzheimer erschütterte ganz Deutschland. Seine Ehrlichkeit macht betroffen. © dpa
Schalke-Manager Rudi Assauer
In einem TV-Auftritt spricht der Fußballmanager Rudi Assauer Anfang des Jahres 2012 erstmals offen von seinem Leiden. Und der Prominente ist mit seinem schweren Schicksal nicht allein. © dpa
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"Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt..." - 1994 bekannte sich der ehemalige Präsident in einem Brief als Alzheimer-Patient. Dadurch entstand erstmals ein öffentliches Bewußtsein für die Krankheit. © dpa
Gunter Sachs Selbstmord
Er machte sich in Europa einen Namen als Fotograf, Kunstsammler und Playboy: Gunter Sachs. Doch aus Angst vor Alzheimer beging im Alter von 78 Jahren Suizid (7.05.2011). © dpa
Margret Thatcher
Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher gilt als unnachgiebig und brachte ihr den Spitznamen "Die Eiserne Lady" ein. © dpa
Peter Falk
US-Schauspieler Peter Falk als Inspektor "Columbo" in seinem typischen Outfit, dem Trenchcoat - und mit einer Zigarre in der Hand brauchte am Ende Vollzeit-Betreuung. Er leidet bis Sommer 2011 an Demenz und Alzheimer. © dpa
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Die französische Schauspielerin Annie Girardot starb im Alter von 79 Jahren (28.02.2011) an Alzheimer. © dpa
Charlton Heston
Der an Alzheimer leidende Charlton Heston starb im Alter von 84 Jahren. Der US-Schauspieler wurde bekannt für das Filmepos «Die Zehn Gebote» Moses. Für seinen Judah in «Ben Hur» hatte er 1959 den Oscar als bester Hauptdarsteller bekommen. © dpa
Bubi Scholz
Immer wieder kämpfte sich Bubi Scholz trotz mehrerer Schlaganfälle ins Leben zurück. Die ehemalige Box-Legende litt auch an Alzheimer und starb im Alter von 70 Jahren in Berlin (21.08.2000). © dpa
Country-Star Glen Campbell wollte trotz seiner Diagnose Alzheimer im Herbst 2011 noch ein letztes Mal auf Tour gehen und sich mit mehreren Live-Auftritten von seinen Fans verabschieden. © dpa
Der Schauspieler Fred Delmare zählte zu den bekanntesten DDR-Schauspielern. Zuletzt stand Delmare in der ARD-Serie "In aller Freundschaft" als Opa Friedrich vor der Kamera. 2005 zog er sich aus dem Berufsleben auch wegen seiner Alzheimererkrankung zurück, wo der Mime 2009 verstarb. © dpa
Helmut Zacharias
Der Violin-Virtuose Helmut Zacharias komponierte 400 Stücke, arrangierte 1400 Titel und verkaufte 13 Millionen Platten. Zuletzt verschwand er aus dem Blick der Öffentlichkeit. Der Musiker litt unter der Alzheimer-Krankheit und lebte bis zu seinem Tod im Alter von 82 Jahren (28.02.2002) in einem Sanatorium in der Nähe seines Wohnortes Ascona in der Schweiz. © dpa
Roberto Blanco
Roberto Blanco und Sodom rocken gemeinsam für einen Spot der Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Mit viel Humor macht der Sänger auf die Krankheit aufmerksam. © obs
Eine Büste des Hirnforschers Alois Alzheimer
Eine Büste des Hirnforschers Alois Alzheimer: Als der Psychiater am 3. November 1906 in Tübingen erstmals "Über einen eigenartigen schweren Erkrankungsprozess der Hirnrinde" referierte, werteten Kollegen seine Entdeckung als Kuriosität. 100 Jahre später ist Alzheimers Name einer der bekanntesten weltweit, von der nach ihm benannten Hirnkrankheit sollen allein in Deutschland 700.000 bis eine Million Menschen betroffen sein. © dpa

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