Kampf gegen Antikörper

Neue Therapie: Blutwäsche gegen Alzheimer?

Wenn das Gedächtnis versagt - Alzheimer gilt bis jetzt als unheilbar. Doch möglicherweise gibt es bald ein wenig Hoffnung. Berliner Ärzte forschen an einer neuen Therapie.

Eine Blutwäsche kann möglicherweise einmal gegen Alzheimer helfen. Verschiedene Versuche aus Berlin lassen ganz vorsichtig hoffen.

Antikörper im Visier

Sind manche Formen von Alzheimer möglicherweise durch eine Autoimmunkrankheit hervorgerufen, bei der sich der Körper irrtümlich gegen das eigene Abwehrsystem richtet?

Auf diesem neuen Pfad suchen Berliner Forscher vom Uniklinikum Charité und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) nach Ansätzen, um der Alzheimer-Erkrankung und anderen Demenzformen zu begegnen. Unabhängig voneinander fanden sie im Blut von Erkrankten verschiedene Antikörper aus einer fehlgeleiteten Immunantwort des Körpers. In beiden Fällen bewirkte eine spezielle Blutwäsche, die demente Patienten von diesen Antikörpern befreite, eine deutliche Besserung, zum Beispiel bei der Gedächtnisleitung. Doch bislang wurden erst ganz wenige Patienten behandelt.

Prominente, die ihr Gedächtnis verloren 

Alptraum Alzheimer: Der ehemalige Fußballspieler des FC Bayern München, Gerd Müller leidet an einer Alzheimer-Erkrankung. Wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag am 3. November bitten der deutsche Fußball-Rekordmeister und die Familie des Weltmeisters von 1974 um Verständnis, dass es keine öffentlichen Auftritte anlässlich des Jubiläums geben werde. © dpa
Karheinz Böhm
Der große Schauspieler Karheinz Böhm starb am 29. Mai 2014 im Alter von 86 Jahren. Erst im Februar 2013 war Böhms Alzheimererkrankung bekannt geworden. Sein Sohn Michael wollte nicht länger über den Gesundheitszustand seines Vaters schweigen. Karlheinz Böhm wurde an der Seite von Romy Schneider in Sissi ein Star. Böhm setzt sich seit 1981 für hungernde Menschen in der Sahelzone ein (Archivfoto vom 2.05.2011). © dpa
Der ehemalige Schauspieler Karlheinz Böhm, der seit 28 Jahren die Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen" leitet, und seien Ehefrau Almazs besichtigen das Wiederaufforstung-Projekt "Sheikh Abdi Erosionsgraben" in Äthiopien (Aufnahme aus dem Jahr 2006).
Der ehemalige Schauspieler Karlheinz Böhm leitet seit 1981 die Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen" . Die Aufnahme aus dem Jahr 2006 zeigt, wie Böhm mit seiner Ehefrau Almazs  das Wiederaufforstung-Projekt "Sheikh Abdi Erosionsgraben" in Äthiopien besichtigt. © dpa
Rudi Assauer
Rudi Assauer und die furchtbare Diagnose Alzheimer erschütterte ganz Deutschland. Seine Ehrlichkeit macht betroffen. © dpa
Schalke-Manager Rudi Assauer
In einem TV-Auftritt spricht der Fußballmanager Rudi Assauer Anfang des Jahres 2012 erstmals offen von seinem Leiden. Und der Prominente ist mit seinem schweren Schicksal nicht allein. © dpa
Ronald Reagan
Der frühere US-Präsident Ronald Reagan (1911-2004) erkannte eines Tages seine Frau Nancy nicht mehr - nach mehr als 40 Jahren Ehe. © dpa
Ronald Reagan Alzheimer
"Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt..." - 1994 bekannte sich der ehemalige Präsident in einem Brief als Alzheimer-Patient. Dadurch entstand erstmals ein öffentliches Bewußtsein für die Krankheit.   © dpa
Gunter Sachs Selbstmord
Er machte sich in Europa einen Namen als Fotograf, Kunstsammler und Playboy: Gunter Sachs. Doch aus Angst vor Alzheimer beging im Alter von 78 Jahren Suizid (7.05.2011). © dpa
Margret Thatcher
Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher gilt als unnachgiebig und brachte ihr den Spitznamen "Die Eiserne Lady" ein.  © dpa
Peter Falk
US-Schauspieler Peter Falk als Inspektor "Columbo" in seinem typischen Outfit, dem Trenchcoat - und mit einer Zigarre in der Hand brauchte am Ende Vollzeit-Betreuung. Er leidet bis Sommer 2011 an Demenz und Alzheimer. © dpa
Annie Girardot
Die französische Schauspielerin Annie Girardot starb im Alter von 79 Jahren (28.02.2011) an Alzheimer. © dpa
Charlton Heston
Der an Alzheimer leidende Charlton Heston starb im Alter von 84 Jahren. Der US-Schauspieler wurde bekannt für das Filmepos "Die Zehn Gebote" Moses. Für seinen Judah in " Ben Hur" hatte er 1959 den Oscar als bester Hauptdarsteller bekommen. © dpa
Bubi Scholz
Immer wieder kämpfte sich Bubi Scholz trotz mehrerer Schlaganfälle ins Leben zurück. Die ehemalige Box-Legende litt auch an Alzheimer und starb im Alter von 70 Jahren in Berlin (21.08.2000). © dpa
Country-Star Glen Campbell wollte trotz seiner Diagnose Alzheimer im Herbst 2011 noch ein letztes Mal auf Tour gehen und sich mit mehreren Live-Auftritten von seinen Fans verabschieden. © dpa
Der Schauspieler Fred Delmare zählte zu den bekanntesten DDR-Schauspielern. Zuletzt stand Delmare in der ARD-Serie "In aller Freundschaft" als Opa Friedrich vor der Kamera. 2005 zog er sich aus dem Berufsleben auch wegen seiner Alzheimererkrankung zurück, wo der Mime 2009 verstarb. © dpa
Helmut Zacharias
Der Violin-Virtuose Helmut Zacharias komponierte 400 Stücke, arrangierte 1400 Titel und verkaufte 13 Millionen Platten. Zuletzt verschwand er aus dem Blick der Öffentlichkeit. Der Musiker litt unter der Alzheimer-Krankheit und lebte bis zu seinem Tod im Alter von 82 Jahren (28.02.2002) in einem Sanatorium in der Nähe seines Wohnortes Ascona in der Schweiz. © dpa
Roberto Blanco
Roberto Blanco und Sodom rocken gemeinsam für einen Spot der Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Mit viel Humor macht der Sänger auf die Krankheit aufmerksam. © obs
Eine Büste des Hirnforschers Alois Alzheimer
Eine Büste des Hirnforschers Alois Alzheimer: Als der Psychiater am 3. November 1906 in Tübingen erstmals "Über einen eigenartigen schweren Erkrankungsprozess der Hirnrinde" referierte, werteten Kollegen seine Entdeckung als Kuriosität. 100 Jahre später ist Alzheimers Name einer der bekanntesten weltweit, von der nach ihm benannten Hirnkrankheit sollen allein in Deutschland 700.000 bis eine Million Menschen betroffen sein. © dpa

„Das ist ein sehr spannender und auch neuer Ansatz“, kommentiert Richard Dodel (Universität Marburg) von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie die Berliner Veröffentlichungen. Allerdings sei es noch zu früh und die vorgelegten Daten - auch im Längsschnitt - noch zu gering, um Hoffnungen bei Patienten auf eine sofort zur Verfügung stehende Therapie zu schüren. Weitere Studien sind notwendig.

Mehr Studien sind notwendig

„Die Fallzahlen sind noch sehr klein“, räumt auch Marion Bimmler vom MDC ein. Nur eine Handvoll Patienten konnten bislang behandelt und sechs bis zwölf Monate beobachtet werden - allerdings mit gutem Ergebnis. Ein handfester Nachweis gelang dem Forscherteam, zu dem auch Experten einer kleinen Berliner Biotechfirma gehören, jedoch im Tierversuch: Erstmals konnte nachgewiesen werden, dass bestimmte fehlregulierte Abwehrstoffe des Immunsystems Blutgefäße im Gehirn definitiv beschädigen (Journal „PloS ONE“).

Bei den Abwehrstoffen des Immunsystems handelt es sich um fehlregulierte Antikörper, die den eigenen Körper angreifen, sogenannte Autoantikörper. Mit Hilfe der Kernspintomographie wiesen Bimmler und Kollegen bei Ratten nach, dass sich diese Autoantikörper an bestimmte Oberflächenproteine (alpha1 adrenerge Rezeptoren) von Blutgefäßzellen binden - und dadurch die Gefäße des Gehirns schädigen. Der Grund: Sie verursachen eine Dauerstimulation des Rezeptors und bewirken dadurch mittelbar eine Verdickung der Gefäßwände.

„Durch schlecht durchblutete Gefäße können auch keine Schadstoffe, etwa Plaques, abtransportiert werden“, erläutert Bimmler. Deshalb wurden in Zusammenarbeit mit einer Geriatrischen Klinik der Charité Patienten mit Alzheimer und durchblutungsbedingter (vaskulärer) Demenz einer speziellen Blutwäsche unterzogen. „In den sechs bis zwölf Monaten seit der Behandlung verbesserten sich die Gedächtnisleistungen und Alltagsfertigkeiten der behandelten Patienten deutlich. Der Zustand von anderen, die die Behandlung abbrachen, verschlechterte sich dagegen dramatisch“, sagt Bimmler.

Das potenzielle Einsatzgebiet des Verfahrens wäre möglicherweise groß: „Etwa die Hälfte der Patienten mit Alzheimer oder vaskulärer Demenz hat derartige Antikörper“, sagt Bimmler. Allerdings fehlen auch hier noch Belege über die klinische Relevanz und Zahlen aus größeren klinischen Studien.

Einen etwas anderen Weg beschreitet das Team um den Charité-Neurologen Harald Prüß. Zwar geht auch Prüß davon aus, dass Demenzerscheinungen durch ein gestörtes Immunsystem hervorgerufen werden können - und als Begleiterscheinung einer Autoimmunerkrankungen therapierbar sind (veröffentlicht in „Neurology“). Allerdings sucht das Charité-Team nach anderen Antikörpern, nämlich solchen, die fälschlicherweise gegen einen bestimmten Ionenkanal im Gehirn (NMDA) gebildet werden und somit Nervenfunktionen schädigen.

Auch hier hatten die speziellen Blutwäschen einen ähnlich guten Effekt, aber die Patientenzahlen waren ebenfalls noch sehr klein. Eine große Studie soll in Kürze zeigen, wie hoch der Anteil der - potenziell behandelbaren - NMDA-Antikörperträger bei Patienten mit Alzheimer, aber auch Creutzfeldt-Jakob-Krankheit oder Parkinson ist. „Ich kann noch nichts Konkretes verraten, aber soviel, dass ihr Anteil relevant ist“, sagte Prüß.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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