„Man kann darin aufgehen“

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Altenpfleger Martin Spengler vor der mit einem neuen Design versehenen Autoflotte der Bad Hersfelder Diakoniestation.

Ein paar Jahre lang hat Martin Spengler aus Mecklar nur Autos gepflegt. Nicht, dass es ihm keinen Spaß gemacht hätte, kaputte Lichtmaschinen zu reparieren.

Aber irgendwo in seinem Hinterkopf waren da immer die Gedanken an sein Praktikum im Krankenhaus und das gute Gefühl, das er bei der Arbeit gehabt hatte. Also fing der gelernte Kfz-Elektriker noch mal von vorne an und tauschte die Männerdomäne Werkstatt gegen die frauendominierte Pflegebranche aus.

Wenn man den aktuellen Trend auf dem Arbeitsmarkt verfolgt, hat der heute 33-Jährige einen der unattraktivsten Berufe überhaupt. Überall in Deutschland fehlen die Pflegekräfte, auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg wird sich der Mangel in den kommenden Jahren verschärfen. Wer an Alten- und Krankenpflege denkt, kommt oft bei unterbezahlten und überforderten Kittelgestalten an. Keine Zeit, keine Anerkennung, warum sollte sich ein vernünftiger junger Mensch also in diese Branche verirren?

Hat sich verändert

Auch Martin Spengler hat die Erfahrung gemacht, dass sich sein Beruf verändert hat. Dass vor lauter Verwaltungs- und Schreibarbeit keine Zeit für die Patienten bleibt und Menschen in Krankenhausbetten nur noch als Nummern wahrgenommen werden.

Trotzdem fühlt sich Spengler in seinem zweiten Arbeitsleben angekommen. „Wenn mehr Leute wüssten, wie viel Dankbarkeit man erfährt, würden sich auch mehr für den Beruf interessieren“, sagt er. Seit einem Jahr arbeitet der zweifache Vater als einziger Mann in der mobilen Pflege der Diakonie im Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Um die elf Personen besucht Martin Spengler jeden Tag zu Hause. Er kennt nicht nur die pflegebedürftigen Körper seiner Patienten, er erfährt auch das, was sie auf dem Herzen haben, ob sie einsam sind oder was sie hinter sich haben.

Auch für Angehörige ist der mobile Pfleger oft Ansprechpartner. Es ist nicht ganz einfach zu akzeptieren, wenn man nicht mehr allein für einen geliebten Menschen sorgen kann. „Die Menschlichkeit macht den Beruf besonders“, sagt Martin Spengler. „Man kann darin richtig aufgehen.“ Der 33-Jährige weiß, dass er Glück hat. Die Diakonie bezahlt ihre Angestellten nach Tarif, sodass er seine vierköpfige Familie gut ernähren kann. Seine Arbeit wird inklusive aller Wege bezahlt, keine Selbstverständlichkeit bei manchen privaten Pflegediensten.

Stolz auf die Arbeit

„Ich bin stolz auf meine Arbeit“, sagt er. „Wenn die Bedingungen überall so wären und das auch alle wüssten, würden mehr Menschen den Beruf ergreifen.“ Vor seiner Einfahrt an der Bundesstraße 62 steht sein Diakonie-Dienstwagen, den er mit nach Hause nehmen darf. Er steht so, dass ihn alle sehen sollen.

Manchmal fehlt ihm die Arbeit sogar, wenn er drei Wochen Urlaub hat. Inzwischen kann sich Martin Spengler nicht mehr vorstellen, an Autos herumzuschrauben. Zu viel hat ihn in seinem neuen Beruf schon berührt. Zum Beispiel die Patientin, von der er sich in ein paar freie Tage verabschiedete. „Wir sehen uns aber wieder?“ fragte die alte Dame ängstlich. „Natürlich“, beruhigte sie Spengler. Doch als er in den Dienst zurückkam, war sie gestorben.

„Man kommt einfach mit allen Phasen des Lebens in Berührung“, sagt Martin Spengler. „Das sind die Momente, die hängen bleiben.“ Und die Momente, die man nicht erlebt, wenn man Autos repariert. (Von Saskia Trebing)

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