Schluss mit frei verkäuflich

Arzt warnt: Ibuprofen ist viel gefährlicher als Morphium

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Viele haben Ibuprofen & Co. auch für unterwegs dabei - falls sich Schmerzen ankündigen.

Ibuprofen für drei Euro, Paracetamol für gerade mal zwei Euro: Warum es gefährlich ist, Arzneien frei zu verkaufen – und am Ende sogar zum Tod führen kann.

Wen ab und an eine heftige Migräneattacke plagt, der greift gern mal zu einer Schmerztablette. Wenn dies allerdings häufiger auftritt, ist Vorsicht geboten. Bei chronischen Schmerzen muss man gezielter behandeln, fordert Palliativmediziner und Schmerzexperte Sven Gottschling.

Schmerzmediziner warnt: So gefährlich sind Ibuprofen & Co. für Laien

Für ihn stellen die frei verkäuflichen Arzneien eine große Gefahr dar – schließlich unterschätzen Laien mögliche Nebenwirkungen, zum Beispiel infolge von Überdosierungen. "Viele Patienten schlucken ASS, Ibuprofen oder Diclofenac so unbekümmert wie Smarties – viel zu oft und viel zu lang. Und keiner denkt an die langfristigen Schäden. Es gibt Leute, die nehmen jahrzehntelang Ibuprofen gegen chronische Gelenkschmerzen. Sie riskieren Magen- und Darmblutungen, Nierenschäden und haben ein hohes Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall", erklärt der Facharzt gegenüber Focus Online.

In seinem Buch "Schmerzlos werden: Warum so viele Menschen unnötig leiden und was wirklich hilft" zeigt der leitende Arzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Universitätsklinikum des Saarlands auf, warum die Schmerzbehandlung hierzulande völlig falsch läuft – und wie es richtig geht.

Seine Zahlen schockieren: So sollen allein rund 4.000 Menschen jährlich durch innere Blutungen infolge von Schmerzmittelgebrauch sterben. "Das sind mehr Todesopfer als durch Verkehrsunfälle", so Gottschling. Aber auch während der Schwangerschaft kann ein Missbrauch von Paracetamol, zum Beispiel gegen Kopfschmerzen, gravierende Folgen für das Ungeborene haben. Es drohe ADHS, Asthma, Allergien und eine Unterentwicklung der männlichen Sexualorgane.

Schmerzmediziner appelliert: Frei verkäufliche Arzneien nur noch auf Rezept herausgeben

Daher fordert der Schmerzmediziner: Ibuprofen & Co. ab sofort nur noch auf Rezept. Zudem sollten sich mehr Ärzte in wirksamer Schmerztherapie weiterbilden, spezialisierte Schmerzmediziner gäbe es in Deutschland nämlich gerade mal 1.000. "Die meisten Ärzte und Patienten haben aber eine Heidenangst vor Opioiden gegen Schmerzen." Dennoch glaubt er, dass Morphium bedeutend ungefährlicher sei als etwaige frei verkäufliche Arzneien. "Ich plädiere dagegen für einen viel häufigeren Einsatz von Morphin und ähnlichen stark wirkenden Schmerzstillern. Morphin ist für Patienten auf Dauer weniger gefährlich als Ibuprofen oder Diclofenac. Ein Opioid können chronisch Kranke ein Leben lang ohne gesundheitliche Folgen nehmen, die Schmerztabletten eher nicht."

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Wer allerdings Angst habe, von Morphium abhängig zu werden, den kann Gottschling beruhigen. "Von den sechs Kriterien für Anhängigkeit trifft auf Schmerzpatienten nur eines zu, nämlich Entzugserscheinungen beim prompten Absetzen des Wirkstoffs. Aber Kontrollverlust, das Bedürfnis nach höheren Dosen oder die Unfähigkeit, Alltagsaufgaben zu erfüllen, habe ich nie beobachtet. Voraussetzung für eine Schmerzbehandlung mit Morphin-Präparaten ist allerdings eine gute Therapiesteuerung durch einen erfahrenen Arzt", so der Fachmediziner. Heißt das also, dass wir künftig nun ganz selbstverständlich Morphin statt Aspirin im Badezimmerschrank verstauen können?

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Morphium für chronische und Ibuprofen für akute Schmerzen anwenden?

Nein, meint Gottschling. Wer akute Schmerzen hat, wie zum Beispiel Spannungskopfschmerzen oder eine Sportverletzung, kann weiterhin zu gängigen Schmerzmitteln greifen. Allerdings sollten diese keine Dauerlösung und nicht länger als drei bis sieben Tage eingenommen werden. "Wer regelmäßig an mehr als fünf Tagen Medikamente gegen Schmerzen braucht, sollte weg von den frei verkäuflichen Mitteln. Dauern Schmerzen länger oder drohen chronisch zu werden, darf man durchaus auch auf Opioide schauen. Das ist natürlich dann definitiv kein Fall für Selbstmedikation mehr", schließt er.

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jp/Video: Glomex

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