Der Bandscheiben-Gau

Bandscheibenvorfall: Ist diese spezielle OP-Technik die Lösung?

+
Neue Mini-OP für den Rücken - Biegsame Hightech-Fräse mit Anti-Schmerz-Sonde.

Jährlich erleiden etwa 180.000 Menschen in Deutschland einen Bandscheibenvorfall - ist dann der endoskopische Eingriff die beste Lösung?

Sie sind gerade mal fünf bis 20 Millimeter dünn. Die 23 Bandscheiben wirken wie hochelastische Stoßdämpfer für die Wirbelsäule – aber wehe, wenn auch nur eine von ihnen den Geist aufgibt! Wie schmerzhaft das sein kann, bekommen jedes Jahr allein in Deutschland etwa 180 000 Rücken-Patienten zu spüren: Sie erleiden einen Bandscheibenvorfall. Je nachdem, welchen Schätzungen und Statistiken man Glauben schenken möchte, legt sich etwa ein Drittel der Betroffenen unters Messer, vielleicht sogar jeder zweite.

Als unstrittig gilt unter Experten: Es wird zu viel operiert! Denn in den allermeisten Fällen würde die Erkrankung auch unter einer konservativen Therapie ausheilen, beispielsweise mit entzündungshemmenden Tabletten und Spritzen sowie mit Krankengymnastik und anderen physiotherapeutischen Behandlungen. „80 Prozent der Bandscheibenvorfälle müssten eigentlich nicht zwingend operiert werden“, bestätigt der erfahrene Münchner Wirbelsäulenspezialist Dr. Michael Schubert vom Apex-Spine-Center an der Dachauer Straße.

Doch in manchen schwierigen Fällen bleibt den Patienten kaum eine andere Wahl als eine OP. Dann nämlich, wenn sich die Beschwerden auch nach wochen- beziehungsweise monatelanger konservativer Therapie einfach nicht lindern lassen oder bei neurologischen Ausfällen. Solche Beschwerden quälten auch Stefan N.

Er hatte sich einen derart massiven Bandscheibenvorfall zugezogen, dass sich Lähmungserscheinungen immer weiter ausdehnten –und zwar in seiner gesamten unteren rechten Körperhälfte. „Ihm drohten bleibende Schäden an wichtigen Nerven“, berichtet Dr. Schubert, der den 31-Jährigen mit einer speziellen Operationstechnik wieder auf die Beine brachte. „Mir ging’s bereits kurz nach der OP sehr viel besser“, berichtet Stefan N. – und sein Arzt erklärt, wie die sogenannten endoskopischen Eingriffe funktionieren.

Der Bandscheiben-GAU: "Ich konnte weder sitzen noch stehen"

Es passierte ausgerechnet im Urlaub, Stefan N. war mit seiner Familie für ein paar Tage ins Allgäu gereist. „Dort habe ich eine falsche, ruckartige Bewegung gemacht, und dabei ist’s mir ins Kreuz eingeschossen“, erinnert sich der 31-Jährige. „Die Schmerzen waren so heftig, dass ich weder sitzen noch stehen konnte.“ Diagnose: Bandscheibenvorfall – und was für einer!

Patient Stefan Nusser nach seiner Bandscheiben-OP.

„Herr N. hatte einen Massenprolaps. So nennt man einen besonders großen Vorfall, bei dem extrem viel Gewebe aus dem Bandscheibenkern austritt“, erklärt Dr. Michael Schubert. Der genaue Befund erwies sich als in dieser Form selten und alarmierend: Zwischen dem fünften Lendenwirbel und dem ersten Steißbeinwirbel – Mediziner sprechen vom Segment mit der Abkürzung LW5/S1 – war der Faserring um die Bandscheibe aus Knorpel- und Bindegewebe aufgebrochen, sozusagen die äußere Ummantelung leckgeschlagen. Dadurch gelangte das gallertartige Gewebe aus dem Bandscheibenkern in den Wirbelsäulenkanal.

Soweit nicht ungewöhnlich, denn in diesem Bereich der unteren Lendenwirbelsäule geschehen die meisten Bandscheibenvorfälle. Aber bei Stefan N. hatte sich gleich so viel Gewebe in den Wirbelkanal geschoben, dass wichtige Nervenbahnen massiv eingeengt wurden. Die störende Masse, die rein äußerlich an Krebs- oder Krabbenfleisch erinnert, hatte sich auf einem acht Zentimeter langen Abschnitt ausgebreitet. Zum Vergleich: Bei gewöhnlichen Vorfällen misst der ausgetretene Gewebestrang allenfalls drei bis vier Zentimeter.

Entsprechend bedrohlich fühlte sich dieser Bandscheiben-GAU für Stefan N. an: „Die Beschwerden strahlten ins ganze rechte Bein aus. Meine Wade, mein Fuß und meine Zehen wurden taub. Auch die Kraft in den Muskeln ließ nach, ich konnte weder auf den Zehenspitzen noch auf den Fersen stehen. Es war unerträglich.“

Auf Anraten seines Orthopäden fuhr der Lehrer aus dem Bodenseeraum nach München ins Apex-Spine-Center. Dort hat sich Dr. Schubert auf die sogenannte endoskopische OP-Technik spezialisiert, diese weiterentwickelt und mit seiner speziellen Methode bereits rund 8000 Patienten behandelt.

Im Gegensatz zu einer klassischen offenen Operation kommt das Verfahren ohne Vollnarkose und größere Hautschnitte aus. Während sich der Patient – ähnlich wie bei einer Darmspiegelung – in einer Art Dämmerschlaf befindet, schiebt der Arzt mit Hilfe einer Nadel ein dünnes Röhrchen bis zur betroffenen Stelle an der Wirbelsäule vor. In dessen Inneren kann er filigrane Instrumente zum Einsatzort schieben – etwa Mini-Fräsen, winzige Zangen oder Laserfasern, um den Bandscheibenvorfall herauszulösen. Der Einstichdurchmesser für das Röhrchen misst gerade mal sieben Millimeter.

Anders als bei den meisten endoskopischen Operationen an der Wirbelsäule verwendet Dr. Schubert einen speziellen Zugang. „Er erfolgt von der Seite her, durch die Nervenaustrittslöcher, die sogenannten Foramen“, erläutert der Spezialist. „Auf diese Weise lassen sich Schädigungen an den Nervenstrukturen und Bändern zur Stabilisierung der Wirbelsäule vermeiden. Auch Verwachsungen und andere Verletzungen sind nahezu ausgeschlossen.“

Ein weiterer Pluspunkt: Weil nur sehr wenig Gewebe verletzt wird, erholen sich die Patienten in der Regel sehr schnell von dem Eingriff. „Ich habe hinterher keinerlei Schmerzmittel gebraucht und konnte noch am OP-Tag ohne größere Beschwerden aufstehen“, berichtet Stefan N. Nach zweiwöchiger Schonfrist kann er mit der ambulanten Physiotherapie beginnen, einen stationären Reha-Aufenthalt braucht er nicht: „Für mich hat sich die etwas weitere Anreise nach München auf jeden Fall gelohnt.“ Denn unterm Strich hat sich seine Leidenszeit durch die OP wohl erheblich verkürzt.

Alle Infos zum Eingriff

  • Wie läuft der Eingriff ab?

Der Patient wird in einer Dämmerschlafnarkose seitlich auf dem Operationstisch gelagert. Unter örtlicher Betäubung führt der Arzt das Endoskop – ein dünnes Röhrchen mit verschiedenen Arbeitskanälen – durch die Haut ein und schiebt es bis zur Wirbelsäule vor. Bei der exakten Platzierung hilft ihm ein mobiles Röntgengerät. Zudem liefert eine Mini-Kamera am Ende des Endoskops, die sogenannte Optik, permanent Bilder auf einen Monitor. Dadurch weiß der Operateur immer, wo genau er mit seinen Instrumenten gerade zu Werke geht. Der Eingriff dauert 30 bis 45 Minuten. Danach verbringt der Patient etwa zwei Stunden in einem Aufwachraum.

  • Wie lange ist der Patient nach der OP außer Gefecht? 

In der Regel muss er zwei Nächte im Krankenhaus bleiben. Für zwei Wochen trägt der Patient – bei Eingriffen an der Lendenwirbelsäule – ein Korsett, um den Rücken zu entlasten. Er sollte etwa zwei Wochen lang nicht zur Arbeit gehen – bei stärkerer körperlicher Beanspruchung vielleicht auch etwas länger daheim bleiben. „Nach ungefähr drei Wochen darf man wieder schwimmen oder radeln, andere Sportarten und schweres Arbeiten sind nach circa sechs Wochen wieder drin“, informiert Dr. Schubert.

  • Wie sind die Risiken einzuschätzen?

„Weil kaum Gewebe zerstört wird, ist der Eingriff vergleichsweise wenig belastend und das Komplikationsrisiko gering.“ Die Infektionsrate liege bei 0,01Prozent ,und die OP-Narbe sei kaum zu sehen. Wie bei jeder OP gilt: Zwischenfälle wie die Bildung eines Blutgerinnsels (Thrombosen oder Embolien) sind sehr selten, aber nicht hundertprozentig auszuschließen.

  • Für welche Patienten kommt die OP infrage? 

Bei einem weichen Bandscheibenvorfall – so nennt man einen relativ frischen Defekt, nicht älter als einige Monate – ist eine endoskopische OP möglich. Und zwar sowohl an der Lendenwirbelsäule als auch an der Halswirbelsäule. Dagegen können harte Vorfälle (hier ist das ausgetretene Gewebe bereits stark verwachsen oder verknöchert) nur in einer klassischen OP entfernt werden. „Auch bestimmte Stenosen an den Nervenaustrittslöchern lassen sich endoskopisch behandeln“, berichtet Dr. Schubert. „Bei zentralen Stenosen, also Einengungen des zentralen Wirbelkanals, geht es nicht.“

Rückenschmerzen sind mittlerweile die Volkskrankheit Nummer 1 unter den Deutschen: Laut einer Bertelsmann-Studie legen sich auch immer mehr Rücken-Patienten auf den OP-Tisch.

Von Andreas Beez

Die häufigsten Rücken-Irrtümer

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.