Inkontinenz – (K)ein Tabuthema

Inkontinenz
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Inkontinenz – in den meisten Fällen ist durch eine gezielte Behandlung eine Heilung oder zumindest deutliche Besserung möglich

Im Beckenbodenzentrum Nordhessen (BBZ) hilft ein Spezialisten-Team bei Inkontinenz

Bundesweit sind über neun Millionen Menschen inkontinent, allein in Nordhessen leiden etwa 100.000 Männer und Frauen unter unkontrolliertem Harn- oder Stuhlabgang. Sie leiden vielfach stillschweigend, weil Inkontinenz immer noch als unabwendbare Folge des natürlichen Alterungsprozesses und als nicht heilbare Krankheit angesehen wird. Das ist falsch. Denn jede Altersgruppe ist betroffen – neben Senioren auch Kinder, junge Frauen und Männer oder sogenannte Best Ager. Gleichwohl ist es leider immer noch ein Tabu-Thema. Viele der Betroffenen schämen sich, fühlen sich unrein, mauern sich deshalb ein. Still leiden vielfach auch die vielen Millionen Frauen und Männer, die durch Hämorrhoiden, Fissuren oder andere Erkrankungen im Analbereich oder Enddarm in hohem Maße beeinträchtigt werden. Und ebenso jene Frauen, bei denen sich aufgrund einer Beckenbodensenkung die Gebärmutter und andere Organe aus ihrer normalen Position verschieben und schlimmstenfalls sogar aus dem Körper rutschen („problabieren“). All diese Erkrankungen werden meist als peinlich empfunden; darüber spricht man nicht – obwohl die Störung den Betroffenen oft nicht nur den Schlaf, sondern auch ein Stück Selbstwertgefühl und Lebensqualität raubt. „Das ist sehr bedauerlich, denn in den meisten Fällen ist durch eine gezielte Behandlung eine Heilung oder zumindest deutliche Besserung möglich“, sagt Prof. Dr. Thomas Dimpfl, Direktor der Frauenklinik am Klinikum Kassel und Leiter des dort angesiedelten Beckenbodenzentrums Nordhessen (BBZ).

Dieses fachübergreifende Zentrum wurde von Dimpfl bereits 2008 gegründet. „Weil wir alle hohen, von führenden medizinischen Fachgesellschaften gestellten Anforderungen erfüllten, wurden wir schon 2012 als erste Einrichtung dieser Art in Hessen zertifiziert“, so Dimpfl. Denn die am BBZ Nordhessen beteiligten Mediziner – es sind mehr als 100 Spezialisten – verfügen allesamt über spezielle Kenntnisse, Erfahrungen und wissenschaftliche Expertise: Hier arbeiten Gynäkologen, Urologen und Chirurgen auf hohem Niveau nach festgelegten Qualitätsstandards Hand in Hand. „Das enge Zusammenspiel der unterschiedlichen Fachrichtungen ist für eine kompetente und optimale Behandlung unerlässlich“, sagt auch PD Dr. Kia Homayounfar, Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie und Mitglied im BBZ-Team. Beispiel Stuhlinkontinenz, unter der rund 5 Millionen Menschen leiden – „meist völlig unnötig“, so Homayounfar. „Denn bei 80 Prozent der Patienten können wir im BBZ mit konservativen Methoden erreichen, dass sie wieder ein nahezu normales Leben führen können“. Lediglich in 20 Prozent der Fälle ist ein operativer Eingriff erforderlich. Generell gilt dabei im BBZ Nordhessen, dass risikoarme und unproblematische Behandlungsformen vor allen invasiveren und insbesondere operativen Therapieformen Vorrang haben. 

Prof. Björn Volkmer, Direktor der Klinik für Urologie und ebenfalls im BBZ-Team, hält die enge Kooperation verschiedener Mediziner für unerlässlich: „Es gibt auf diesem Feld ein sehr breites Spektrum von Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten, auch deshalb ist eine enge Vernetzung der Ärzte wichtig für eine optimale Behandlung. Durch die enge, interdisziplinäre Verzahnung, die Bündelung des vorhandenen Know-hows, den intensiven Austausch mit niedergelassenen Ärzten ist also eine optimale Behandlung von Menschen mit Harn- oder Stuhlinkontinenz und anderen tabuisierten Erkrankungen in diesem Bereich gewährleistet. Damit einher geht meist eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Wichtig auch: Im BBZ werden die Patientinnen und Patienten durch spezialisierte Ärztinnen und Ärzte nicht nur beraten und behandelt, sondern während der Therapie auch begleitet. Diese Botschaft ist bei vielen Betroffenen offenbar schon angekommen: Pro Jahr kommen inzwischen rund 1.300 Patientinnen und Patienten in das BBZ. „Und wir stellen sehr häufig schon beim ersten Gespräch fest, dass die Menschen einen schweren, aber völlig unnötigen Leidensweg hinter sich haben und wir in unserem Zentrum gemeinsam eine Lösung finden können“, bestätigt Dimpfl. Vielfach haben sich die Betroffenen zunächst auch in der eigens vom BBZ eingerichteten „Urogynäkologischen Spezialsprechstunde“ angemeldet. Hier haben sie die Möglichkeit, in vertraulichen und  vertrauensvollen Gesprächen auch heikle Fragen zu stellen und sich zunächst unverbindlich über Diagnose- und  Therapiemöglichkeiten zu informieren. Das ist oft der erste Schritt, um die körperlichen und auch seelischen  Beeinträchtigungen nicht mehr tatenlos hinzunehmen und schweigend zu erleiden, sondern sich erst einmal einer Ärztin oder einem Arzt anzuvertrauen. Vielen wird dann bald klar, dass der Weg zur Heilung oder Besserung oft kürzer und leichter ist als gedacht.

Die Direktoren des Beckenbodenzentrum Nordhessen (BBZ): Dr. Kia Homayounfar (links), Prof. Dr. Thomas Dimpfl und Prof. Björn Volkmer.

Beckenbodenzentrum Nordhessen (BBZ)

Das Beckenbodenzentrum Nordhessen (BBZ) wurde 2008 gemeinsam im Verbund mit der Frauenheilkunde, Urologie und Chirurgie gegründet. 2012 erhielt es als eines der ersten interdisziplinären Inkontinenz- und Beckenbodenzentren in Deutschland eine offizielle Zertifizierung. In dem Zentrum arbeiten alle an der Diagnostik, Therapie und Rehabilitation beteiligten Ärztinnen und Ärzte auf hohem Niveau nach festgelegten Qualitätsstandards Hand in Hand. Dem Zentrum gehören neben den Spezialisten aus dem Klinikum Kassel inzwischen weit über 100 niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aus ganz Nordhessen an.

Terminvereinbarung

Urogynäkologische Sprechstunde

Tel.: 0561 980-5303

Kontakt

Beckenbodenzentrum BBZ
Klinikum Kassel
Mönchebergstraße 41–43
34125 Kassel

oder per Mail:
bbz@gnh.net

www.gnh.net/bbz

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