Bewegungsmangel im Büro: Die stille Gefahr für den Rücken

Das Büro scheint ein ungefährlicher Ort. Was kann hier zwischen Schreibtisch und Kaffeemaschine schon mehr passieren, als sich den Zeh am Rollcontainer unter dem Schreibtisch zu stoßen oder von der zu kühl eingestellten Klimaanlage einen Schnupfen zu bekommen?

Die akute Verletzungsgefahr geht im Vergleich zum Arbeitsplatz von Möbelpacker, Gerüstbauer oder Waldarbeiter gen Null. Auch Muskel- und Skeletterkrankungen sollten an einem Arbeitsplatz, an dem vielleicht mal ein neuer Packen Druckerpapier getragen werden muss, eigentlich keine Rolle spielen. Aber weit gefehlt. Auch im Büro lauert Gefahr: die Bewegungslosigkeit.

Beinahe 80 Prozent der befragten Bildschirmarbeiter klagen laut einer Studie der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) über körperliche Beschwerden während oder nach der Arbeit. "Nacken- und Schulterbeschwerden kommen am häufigsten vor", sagt BAUA-Arbeitsmediziner Falk Liebers, "gefolgt von Ellenbogen- und Unterarmbeschwerden und Schmerzen in der Hand oder im Handgelenk." Das Muskel-Skelett-System werde durch Bürotätigkeit, die in der Regel am Bildschirm stattfinde, einseitig belastet. "Vor allem das häufige und langdauernde Sitzen in Kombination mit übermäßiger und falscher Nutzung von Tastatur oder Maus kann zu Problemen führen."

Jede starre Haltung ist auf Dauer schlecht "

"Etwa jede vierte Krankschreibung geht laut Statistik der Betriebskrankenkassen in Deutschland bei Arbeitnehmern auf Muskel- und Skeletterkrankungen zurück", sagt der Berliner Arbeits- und Sportmediziner Michael Spallek und schränkt ein: "Bildschirmarbeiter sind dabei nicht über die Maßen gefährdet, anders als Beschäftige in industriellen Berufen, die deutlich häufiger als der bundesdeutsche Durchschnitt an Muskel- und Skeletterkrankungen leiden." Zum Vergleich: Bei Bauarbeitern, Landwirten und in der Abfallwirtschaft kommen Rückenschmerzen beinahe doppelt so oft vor wie im Dienstleistungsbereich.

Bei Bildschirmarbeitern leiden vor allem der obere Rücken und der Schulter-Nackenbereich unter der Zwangsruhe auf dem Bürostuhl. "Die mentale Konzentration auf die Arbeitsaufgabe am Bildschirm führt dazu, dass wir meist bewegungslos in einer Position verharren, die wir zwar subjektiv als bequem empfinden, die aber oft Gift für den Rücken ist", sagt Spallek. So säßen viele Arbeitnehmer stundenlang mit rundem Rücken, hochgezogenen Schultern und übereinandergeschlagenen Beinen vor dem Bildschirm, ohne sich zu rühren. Das schadet nicht nur der angespannten Muskulatur, sondern über kurz oder lang auch dem gesamten Rücken und den Bandscheiben.

Aber auch wer länger als zehn Minuten am Stück kerzengerade sitze, tue sich nichts Gutes, denn jede starre Haltung sei auf Dauer schlecht. "Doch der Büromensch kauert durchschnittlich mehr als 80 Prozent seiner Arbeitszeit hinter dem Schreibtisch", sagt Spallek. Die langfristigen Folgen für die rund 17 Millionen Büroarbeiter in Deutschland können Rückenschmerzen, Verspannungen in Nacken und Schultern, Kopfschmerzen, Muskelverkürzungen oder Entzündungen in Händen und Armen sein.

Arbeitsplatz bewegungsreich gestalten

Arbeitsmediziner Spallek unterscheidet zwei Ansätze, um den Bürokrankheiten vorzubeugen: die Verhältnisprävention und die Verhaltensprävention. "Die Verhältnisprävention setzt beim Büroarbeitsplatz an, der möglichst bewegungsreich gestalten werden sollte", sagt Spallek. Ein höhenverstellbarer Schreibtisch, an dem man einige Stunden am Tag oder abwechselnd auch mal im Stehen arbeiten könne, sei sehr sinnvoll. Ein ergonomischer Bürostuhl und seine richtige Nutzung seien wichtig, schnurlose Telefone regten zum Aufstehen und Herumlaufen an und der Drucker müsse ja auch nicht unbedingt in greifbarer Nähe stehen. "Alles, was dazu beiträgt, zwischendurch aufzustehen, die Position zu verändern und sich ein bisschen Bewegung zu verschaffen, beugt den typischen Bürokrankheiten am besten vor", sagt Spallek.

Tisch und Stuhl sollten auf die Bedürfnisse des einzelnen Mitarbeiters angepasst werden, sagt auch Arbeitsmediziner Liebers. "Aber selbst bei Beschwerden besteht kein regelrechter Anspruch auf Umgestaltung des Arbeitsplatzes", ergänzt er. Am besten sei es, sich bei Problemen an den Betriebsarzt zu wenden.

Auch der Mitarbeiter selbst ist laut Spallek in der Pflicht. "Was nützt es beispielsweise, wenn höhenverstellbare Schreibtische angeschafft werden, die Mitarbeiter aber trotzdem nicht im Stehen arbeiten?", sagt er und spricht damit die Verhaltensprävention an. "Wer den ganzen Tag im Büro arbeitet, der muss selbst etwas tun und Bewegung in seinen Tag bringen." Während der Arbeitszeit könne man beispielsweise Ausgleichsgymnastik wie Dehn- und Streckenübungen einbauen, in der Mittagspause sei eine Runde um den Block sinnvoller, als nur in der Kantine zu sitzen, und nach Feierabend sollte man sich bewegen und nicht wieder nur sitzen - wenn auch dieses Mal auf dem Sofa. (dapd)

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