Überlastung der Intensivstationen

Corona-Patienten: Impfstatus darf bei Triage keine Rolle spielen

Intensivstationen müssen sich darauf vorbereiten, Patienten auszuwählen, die nicht behandelt werden können. Der Impfstatus soll dabei jedoch kein ausschlaggebendes Kriterium sein.

Berlin – Angesichts der hohen Anzahl an Covid-19-Patient:innen auf Intensivstationen ist das Gesundheitssystem zunehmend überlastet. Die Folge: es müssen sogenannte Triagen durchgeführt werden. Der Impfstatus darf laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) jedoch kein ausschlaggebendes Kriterium dafür sein auszuwählen, welche Patient:innen behandelt werden, wenn es nicht genügend Intensivbetten gibt., wie der Evangelische Presse-Dienst am Freitag (26.11.2021) berichtet.

Das Vorgehen im Falle einer Triage haben die Intensiv- und Notfallmediziner:innen in ihren aktualisierten Leitlinien festgehalten und am Freitag vorgestellt. Die DIVI-Empfehlungen richten sich an alle medizinischen Teams, die Auswahlentscheidungen treffen müssen. Die Empfehlungen waren im März 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie erstmals veröffentlicht worden, als es noch keine Impfungen gab. Deshalb, und wegen der sich dramatisch zuspitzenden Lage in der vierten Welle, wurden sie jetzt überarbeitet.

Corona-Infektion: Covid-19-Erkrankte und andere Patienten sollen gleichbehandelt werden

Die Mediziner stellten außerdem klar, dass Covid-19-Erkrankte und alle anderen Patienten bei Auswahlentscheidungen gleichbehandelt werden müssen. Jene, die auf eine Operation warten und deren Zustand sich durch eine weitere Verschiebung lebensbedrohlich verschlechtern würde, sollen ebenso berücksichtigt werden, wie Covid-19-Patienten.

Ärzte seien zur Hilfe verpflichtet, unabhängig davon, wie sich ein Patient verhalten habe, erklärte der Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Georg Marckmann. Das gelte auch für Covid-19-Patienten, die sich nicht haben impfen lassen. „Wir sind Retter, keine Richter“, so Marckmann.

Triage auf Intensivstationen: Entscheidendes Kriterium sind die Erfolgsaussichten

Das entscheidende Kriterium bei einer Triage ist laut der DIVI-Empfehlungen die Erfolgsaussicht für die Behandlung eines Patienten oder einer Patientin. Das Alter oder eine Vorerkrankung sollen nur dann eine Rolle spielen, wenn sie die Prognose verschlechtert.

Der Internist und frühere DIVI-Präsident Uwe Janssens sagte, „das sind ganz tragische Entscheidungen, aber sie sind unvermeidbar“. Man habe sich bereits zu Beginn der Pandemie damit auseinandergesetzt. Er appellierte zugleich eindringlich an die Politik, jetzt „schnellste Entscheidungen für ganz Deutschland“ zu treffen, damit die Teams in den Kliniken nicht in solche Situationen kämen. Die Infektionsketten müssten unterbrochen werden.

Der Impfstatus darf laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) bei einer Triage kein ausschlaggebendes Kriterium sein. (Symbolbild)

Internist rechnet in den nächsten Tagen mit Hunderten neuen Corona-Intensivpatienten

Aufgrund der hohen Anzahl an Neuinfektionen sei in den nächsten Tagen täglich mit Hunderten neuer Intensivpatienten zu rechnen, so der Internist. Am Freitag (26.11.2021) hatten die Gesundheitsämter dem Robert-Koch-Institut 76.414 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden gemeldet.

In Kürze werde der Höchststand von 5.723 Covid-19-Patienten vom Januar dieses Jahres auf den Intensivstationen erreicht sein, sagte Janssens. Angesichts der knapper gewordenen Ressourcen sei er sich jedoch sicher, dass die Zahlen noch weiter steigen werden.

Corona-Pandemie: Mehr als die Hälfte der Intensiv-Patienten an Covid-19 erkrankt

Nach Angaben der DIVI waren am Donnerstag (25.11.2021) insgesamt 4202 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Das sind 132 mehr als am Vortag. 2163 Intensivpatienten müssen beatmet werden. Insgesamt sind bundesweit 19.829 Intensivbetten für Erwachsene belegt, 2334 Betten sind noch frei. In den hochbelasteten Kliniken im Osten und Südosten Deutschlands sind mehr als die Hälfte der Intensivpatienten Covid-19-Betroffene.

Die Intensivmediziner hatten zudem gefordert, dass planbare Operationen in allen Krankenhäusern in Deutschland verschoben werden sollen, soweit dies zu keiner Gefährdung der Patienten führe. Kliniken mit extrem hohen Zahlen sollen dadurch entlastet werden. Viele Kliniken hatten zudem dramatische Hilferufe ausgesandt*.

Am Donnerstag hatten die Gesundheitsminister der Länder einen entsprechenden Beschluss dazu gefasst. Die Bundeswehr wollte am Nachmittag mit ersten Verlegungsflügen beginnen. Dies teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums mit. (acg mit epd) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Boris Roessler/dpa

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