Immer noch zu wenig Geimpfte

Grippe-Impfung während Corona: Das müssen Sie wissen

Grippe während Corona: Mehr Impf-Dosen als im Vorjahr sind vorhanden. Doch geimpft wird in Deutschland immer noch nicht genug, sagen Experten.

  • Corona-Jahr 2020: 30 Prozent mehr Impf-Dosen als im Vorjahr stehen zur Verfügung.
  • In Deutschland lassen sich zu wenig Menschen gegen Grippe impfen, als dass eine Herdenimmunität dadurch erreicht werden könnte.
  • Das Impfgeschäft ist für Apotheken eine starke Belastung.

Kassel – Während die ganze Welt fieberhaft nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus sucht, bleibt die alljährliche Grippe-Welle auch in Deutschland nicht aus. Doch im Unterschied zum Coronavirus gibt es gegen die sogenannte Influenza bereits einen Impfstoff. Impfen lassen sich dennoch zu wenige, so der Hessische Apothekerverband gegenüber unserer Redaktion.

In einer Pressemitteilung wies der Hessische Apothekerverband (HAV) bereits Anfang des Monats auf die Wichtigkeit einer Influenza-Impfung während der Corona-Pandemie hin. Wir haben mit dem Vorsitzenden des Verbandes, Holger Seyfarth, sowie Uwe Popert, einem Vertreter des Hausärzteverbands Hessen, gesprochen.

Corona-Zeiten: Von Herdenimmunität bei der Grippe weit entfernt

Seyfarth erklärte, dass es bei der Grippe-Impfung neben dem gesundheitlichen Schutz vor allem auch um den Schutz unseres Gesundheitssystems geht. Denn durch das grassierende Coronavirus wird dieses stärker beansprucht als sonst. Sollte zu dem Pandemie-Geschehen jetzt noch eine starke Grippe-Welle kommen, könnte dies für das Gesundheitssystem fatale Folgen haben, so Seyfarth.

Fakten zur Grippe-Impfung

  • Impfzeitraum: Jedes Jahr zwischen Ende Oktober und Ende November – früher auf keinen Fall sinnvoll
  • Geschätzte Länge des Immunschutzes: 3 bis 4 Monate – je nach Mensch variabel
  • Wie schnell wird der Immunschutz hergestellt? Der Körper braucht circa 2 Wochen
  • Grippe-Zeitraum: Dezember bis März
  • Wer sollte sich impfen lassen? Vor allem Risikogruppen: Schwangere, chronisch Erkrankte, über 60-Jährige

Grippe-Welle 2020: Experte sieht durch Corona-Regeln auch Schutz vor Grippe

Im Zuge der Eindämmung des Coronavirus wurden bestimmte Regeln und Bestimmungen, wie die Abstandsregelungen oder die Maskenpflicht, eingeführt. Der Hausärzteverband Hessen geht laut Popert davon aus, dass diese auch maßgeblich dazu beitragen werden, eine Grippe-Welle möglichst flach zu halten.

Um der Grippe-Welle allerdings eine sogenannte Herdenimmunität entgegensetzen zu können, müsste es laut Seyfarth vom Hessischen Apothekerverband allerdings einen viel höheren Prozentsatz in der Bevölkerung geben, der sich gegen Grippe impfen lässt.

Herdenimmunität bei Corona möglich? Nicht bestätigt – aber vermutet

Laut Seyfarth bräuchte es zum Erreichen der sogenannten Herdenimmunität gegen die Grippe eine Impfquote der Bevölkerung in Höhe von 60 bis 70 Prozent. „Davon sind wir aktuell noch weit entfernt“, so der Experte. Ihm zufolge „sinkt in Deutschland der Grad der Durchimpftheit mit zunehmendem Bildungsgrad.“ Ein in Europa einzigartiges Phänomen, sagt er.

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💉JETZT AN DEN #GRIPPESCHUTZ DENKEN! Allein in der Saison 2017/18 starben über 25.000 Menschen in Deutschland durch #Influenza. In Deutschland besteht eine Impfempfehlung für Risikogruppen wie Mitarbeiter im Gesundheitswesen, Menschen über 60 oder Schwangere. Bei höheren Impfquoten in der gesamten Bevölkerung wird jedoch nicht nur der Einzelne besser geschützt, es erhöht sich auch der Schutz eben jener Risikogruppen, mit denen man in Kontakt kommen kann. Und jetzt ist die beste Zeit zur jährlichen Impfung. Übrigens können sich alle Mitarbeiter des #UKL und der Medizinischen Berufsfachschule kostenlos gegen die saisonale Grippe bei uns impfen lassen. 👨🏻‍⚕️👩🏼‍⚕️ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der medizinischen Fakultät und alle Leipziger Medizinstudierenden können sich kostenlos beim Mitteldeutschen Institut für Arbeitsmedizin @mialeipzig als zuständiger betriebsärztlicher Dienst impfen lassen. #grippe #männergrippe #grippeimpfung #pieks #robertkochinstitut

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Auch bei dem Coronavirus gibt es Anzeichen dafür, dass eine Herdenimmunität möglich sein könnte, so Uwe Popert vom Hausärzteverband Hessen. Diese Vermutung legen laut dem Experten Beobachtungen des Infektionsgeschehens bei dem Coronavirus nahe. Bestätigt werden konnte dies allerdings bisher noch nicht.

Corona und Grippe: Ungefähr 30 Prozent mehr Impfungen zur Verfügung

Im Vergleich zum Vorjahr stehen für das Corona-Jahr 2020 zirka 30 Prozent mehr Impf-Dosen gegen die Grippe zur Verfügung. Waren es im Jahr 2019 nur 18 Millionen Impf-Dosen, sind es in diesem Jahr (2020) rund 25 Millionen. Grund hierfür ist einmal, dass aufgrund der Corona-Pandemie bereits mehr geordert wurden.

Zum anderen wurden aber auch vom Gesundheitsministerium nochmals sechs Millionen Dosen hinzu beordert. Sowohl der HAV als auch der Hausärzteverband Hessen teilen die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, dass in erster Linie Angehörige von Risiko-Gruppen geimpft werden sollten. Der Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbandes Seyfarth würde eine „Impfpflicht“ aus gesundheitlicher Sicht generell befürworten, sieht aber auch die Problematiken in Bezug auf die Selbstbestimmtheit des Menschen.

Grippe 2020: Impfungen hohe Belastung für Apotheken

Der Hessische Apothekerverband kritisiert die hohe Belastung, die durch den Vertrieb von Impfstoffen, besonders bei der Grippe-Impfung, auf die einzelnen Apotheken zukommt. „Der Aufwand rentiert sich erst bei einer sehr großen Abnahme-Menge von Impf-Dosen – also ab 3000 bis 5000 Dosen“ sagt Seyfarth. Er unterhält selbst mehrere Apotheken in einer hessischen Großstadt.

Er und sein Verband würden sich hier mehr Unterstützung von der Bundesregierung wünschen. „Es würde schon helfen, wenn die Bundesregierung einen Puffer von 10 bis 15 Prozent finanzieren würde. Das würde schon Entlastung schaffen“, sagte Seyfarth. (luc)

Herdenimmunität – das steckt dahinter

Der Effekt der Herdenimmunität beschreibt einen indirekten Schutz vor einer ansteckenden Krankheit, wie beispielsweise der Grippe. Herdenimmunität wird dann erreicht, wenn ein besonders hoher Prozentsatz einer Bevölkerung gegen die Krankheit immun geworden ist. Das kann entweder durch eine Infektion oder durch Impfung erreicht werden. Eine hohe Immunitätsrate in der Bevölkerung sorgt dafür, dass sich der Erreger nicht mehr so stark ausbreiten kann. Hierdurch werden dann indirekt auch Menschen geschützt, die nicht immun sind.

Rubriklistenbild: © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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