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Droht eine schwere Grippewelle? Das sagen Fachleute

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Von: Tanja Banner

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In der nasskalten Jahreszeit beginnt in Deutschland traditionell die Grippewelle.
In der nasskalten Jahreszeit beginnt in Deutschland traditionell die Grippewelle. © Maurizio Gambarini/dpa

Die Grippesaison in Australien als Vorbote für Deutschland: Droht eine schwere Grippewelle? Fachleute sind sich nicht sicher – haben jedoch Empfehlungen.

Frankfurt – Die nasse und kalte Jahreszeit hat begonnen – damit dürfte in Deutschland die jährliche Grippesaison beginnen. Doch wie wird die Grippesaison 2022/2023 verlaufen? Droht Deutschland eine starke Grippewelle, gar keine „Twindemie“ – eine Kombination aus schwerer Grippewelle und der Corona-Pandemie? „Durch den Covid-19-bedingten Lockdown, Maske tragen und Isolation trat die echte Grippe, die Influenza, in den letzten vergangenen zwei Wintern praktisch gar nicht auf. Wiederholt wurden und werden darum Befürchtungen geäußert, dass uns in diesem Winter eine besonders schwere Grippewelle bevorsteht“, erklärt Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie an der Universität Groningen (Niederlande).

Die Spekulationen über eine bevorstehende schwere Grippewelle beruhen auf Daten der australischen Grippesaison, die langsam endet. Dort stiegen die Infektionsfälle in diesem Jahr deutlich früher und stärker an als in den Vorjahren. Was bedeutet das für Deutschland? Muss man hierzulande mit einer besonders schweren Grippewelle rechnen? „Daten aus Australien, wo die Grippesaison inzwischen zu Ende geht, stützen diese Befürchtung nicht“, betont Huckriede. In Australien seien die Zahlen relativ schnell wieder rückläufig gewesen, „sodass die Grippewelle insgesamt durch die australischen Behörden als gering bis moderat eingestuft wird“, so Huckriede. Außerdem seien vor allem Kinder und Jugendliche betroffen gewesen, bei denen schwere Krankheitsverläufe selten seien.

Grippesaison in Australien: Früher Anstieg, jetzt niedrige Zahlen

Tatsächlich wurden in Australien die meisten Grippefälle bei Kindern unter 19 Jahren gemeldet. 55,1 Prozent der Personen, die mit einer bestätigten Influenza ins Krankenhaus eingeliefert wurden, waren Kinder unter 16 Jahren. Seit Mitte Juli ist die wöchentliche Zahl der laborbestätigten Influenza-Meldungen in Australien unter den Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre gesunken.

Steckbrief der Grippe (Influenza)
Name:Grippe (Influenza)
Erreger:Orthomyxoviren (Typ A, B und C)
Vorkommen:weltweit, in Deutschland meist im Winterhalbjahr
Übertragung:hauptsächlich über Tröpfchen, die insbesondere beim Husten oder Niesen entstehen
Inkubationszeit:1-2 Tage
Dauer der Ansteckungsfähigkeit:ab Symptombeginn etwa 4-5 Tage
Symptome:u.a. plötzlicher Erkrankungsbeginn, Fieber, Husten, Halsschmerzen, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, allgemeine Schwäche, Schweißausbrüche
Quelle: RKI

„Der Verlauf einer Grippesaison hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab und lässt sich generell nicht vorhersagen“, erklärt Ralf Dürrwald, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Influenza des Robert Koch-Instituts (RKI). „Die Schwere einer Grippewelle kann immer erst im Nachhinein beurteilt werden.“ Die Influenza-Fachleute im RKI sehen jedoch nach Angaben von Dürrwald, „dass sich Atemwegsviren zurzeit weitgehend ungebremst in der Bevölkerung verbreiten können – und damit auch Influenzaviren“. Seit Ende September sei die Zahl der ans RKI übermittelten Influenza-Fälle deutlich angestiegen, „die Interpretation dieses Anstiegs ist jedoch schwierig“, so der Fachmann. Durch Corona würden wahrscheinlich Grippe-Fälle entdeckt, die vor der Pandemie um diese Jahreszeit nicht erfasst wurden.

Droht Deutschland eine schwere Grippewelle? Was Fachleute dazu sagen

Doch was bedeutet das für Deutschland? Ganz sicher sind sich die Fachleute in ihrer Einschätzung nicht – außer bei den Empfehlungen, was man als Schutz vor einer Grippe tun sollte.

Stephan Ludwig, Direktor am Institut für Molekulare Virologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, erläutert: „Die Vergangenheit zeigt, dass auf Jahre mit schwächeren Grippewellen meist wieder eine stärkere Grippewelle folgt. Dies liegt daran, dass die Erreger mehr Zeit hatten, sich zu verändern und so einer über die schwächeren Jahre hinweg schlecht angepassten Immunität in der Bevölkerung entkommen können.“ Und auch die „derzeitige starke Grippewelle auf der Südhalbkugel in Australien“ müsse aufhorchen lassen, so Ludwig: „Meist erreichen uns die Erreger von der Südhalbkugel in dem bei uns folgenden Winter, sodass wir davon ausgehen müssen, dass auch diesmal die Erreger aus Australien bei uns ankommen.“

Corona und Grippe – Was ist mit Doppelinfektionen?

Ludwig sieht auch die Möglichkeit von Doppelinfektionen gegeben: „Da sich Coronaviren und Influenzaviren unabhängig voneinander ausbreiten, kann es gerade bei der derzeit wieder ansteigenden Corona-Inzidenz auch zu Doppelinfektionen kommen, die besonders gefährlich sind.“

Anke Huckriede findet, es sei „schwer vorherzusehen, ob Grippe und Covid-19 in diesem Winter zu einer Doppelbelastung führen werden. Das ist zum Teil von den Verläufen der jeweiligen Infektionskurven abhängig.“ Bei Corona sehe man derzeit zwar einen deutlichen Anstieg der Infektionszahlen, doch nur wenige schwere Fälle. „Trotzdem kann das gleichzeitige oder kurz nacheinander folgende Auftreten von Infektionspeaks zu einer Belastung des Gesundheitssystems führen, durch mehr Patienten einerseits und Personalausfälle andererseits.“

Gute Nachricht für die Grippewelle: Impfung und Maske schützen nicht nur vor Corona

Die Fachleute haben jedoch auch eine gute Nachricht: „Gegen beide Erreger kann man sich impfen lassen, sogar gleichzeitig“, erklärt Stephan Ludwig. „Obwohl zur Passform der aktuellen Grippe-Impfstoffe noch nicht viel bekannt ist, kann man doch davon ausgehen, dass sie aufgrund der guten Vorhersagen einen guten Schutz vermitteln.“ Und auch die anderen Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona – Maske tragen und Abstand halten – helfen gegen die Ausbreitung der Grippe, „sodass man hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt“, betont Ludwig.

Huckriede empfiehlt „für Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko und erhöhtem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf“ neben der Booster-Impfung für Corona auch die Grippe-Impfung. RKI-Forscher Dürrwald ergänzt: „Eine Influenza-Impfung wird insbesondere Menschen ab 60 Jahren, chronisch Kranken und Schwangeren empfohlen, aber auch alle anderen können sich impfen lassen, das sollte man individuell in der Arztpraxis besprechen.“ Besonders praktisch für Impfwillige: „Die Covid-19- und Grippe-Impfung können auch gleichzeitig beim selben Termin durchgeführt werden“, so Dürrwald.

Grippewelle bei Kindern: „Immunsystem fehlt das natürliche Training“

In Australien sind vor allem Kinder von der Grippewelle betroffen – was sagt ein Experte dazu? Markus Rose vom Olgahospital, der Kinderklinik des Klinikums Stuttgart, betont, dass „unserem Immunsystem das natürliche Training fehlt, das es braucht, um eine Immunität aufbauen zu können“. Das mache sich besonders bei Kindern und Jugendlichen bemerkbar. „Mit Blick auf die Daten aus Australien kann auch bei uns eine schwere Grippewelle drohen“, erklärt er. Alleine in seiner Kinderklinik in Stuttgart befänden sich derzeit „sieben Kinder mit Lungeninfektionen, die durch Influenzaviren verursacht wurden“.

Der ärztliche Leiter des Bereichs Pädiatrische Pneumologie blickt besorgt Richtung Australien: „Im letzten Jahr hatten wir mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus eine ähnliche Situation, auch da waren die hohen Infektionszahlen aus Australien ein Vorbote für das, was uns erwartet hat.“ Der Fachmann wünscht sich, „grundsätzlich alle Kinder von sechs Monaten bis fünf Jahren gegen Grippe impfen zu lassen, wie es die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt.“ Schließlich seien Kinder eine „wichtige Risikogruppe für die echte Virusgrippe“, spielten eine erhebliche Rolle bei der Übertragung der Viren und „können ungeimpft auch eine Gefahr für abwehrschwache Kontaktpersonen darstellen“. (tab)

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