Pandemie

Corona-Impfung für Kinder „kein Lakritzbonbon“ – Chef der Impfkommission schlägt kritische Töne an

Die Pläne baldiger Corona-Impfungen für Kindern stoßen derzeit auf Kritik. Auch Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission, mahnt zur Vorsicht.

Kassel – Sollten Kinder ab zwölf Jahren tatsächlich schon gegen Corona geimpft werden? Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) Thomas Mertens sieht das sehr kritisch und hält es für leichtsinnig. In einem Podcast hat er zusammen mit der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek über das Thema gesprochen.

Bereits mehrere Bundesländer, darunter Niedersachsen und Thüringen, hatten sich für für eine baldige Corona-Impfung minderjähriger Kinder ausgesprochen. Vor dem Impfgipfel zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministern der Bundesländer* hatte sich die Stiko jedoch quergestellt und sich gegen Kinderimpfungen ausgesprochen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte bereits an, auch ohne Zustimmung des Gremiums vorzugehen.

Baldige Corona-Impfung für Kinder? Stiko-Chef Mertens empfiehlt abzuwarten

Stiko-Chef Mertens mahnt derzeit mit Corona-Impfungen für Kinder weiter abzuwarten, das berichtet der NDR. Aktuell würden noch alle verfügbaren Daten geprüft und ausgewertet werden. Laut Mertens seien das allerdings noch zu wenige, um eine tragfähige Aussage treffen zu können, ob der Nutzen den Risiken eines schweren Krankheitsverlaufs bei Kindern überwiegt. Schwerwiegende Covid-19-Verläufe treten bei Kindern jedoch eher selten auf. Doch derzeit würden noch Daten zu möglichen Spätfolgen einer Corona-Impfung bei der Altersgruppe ab zwölf Jahren fehlen, ob zum Beispiel eine Autoimmunkrankheit angestoßen werden könnte.

Stiko-Chef Mertens hat sich kritisch gegenüber Corona-Impfungen für Kinder geäußert.

„Was haben die Kinder für einen Vorteil von einer Empfehlung? Diese Frage muss, so gut das eben möglich ist, gelöst werden“, sagt Mertens, der ebenfalls Virologe ist. „Den Kindern bietet man ja kein Lakritzbonbon an, sondern es ist ein medizinischer Eingriff und der muss entsprechend indiziert sein.“ Zudem stelle das multisystemische Entzündungssyndrom (PIMS) nach einer überstandenen Corona-Infektion aktuell keine klare Indikation für eine Impfung dar. „Das Risiko für PIMS ist gering, die Prognose gut“, so der Stiko-Vorsitzende. Der Virologe Christian Drosten klärt mit einer aktuellen Corona-Studie auf, wie ansteckend Kinder wirklich sind.

„Den Kindern bietet man ja kein Lakritzbonbon an, sondern es ist ein medizinischer Eingriff und der muss entsprechend indiziert sein.“

Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission

Mertens kritisiert: Corona-Impfung für Kinder „keine Voraussetzung für ein normales Leben“

Mertens rechnet Anfang nächster Woche mit einer Äußerung der Stiko zu den Corona-Kinderimpfungen. Er betont zudem, dass das Gremium nicht Meinungen diskutieren wolle, sondern es immer nur darum gehe, „alle verfügbaren Daten zu prüfen und daraus Schlüsse für Empfehlungen zu ziehen.“

Will Auswertung weiterer Daten abwarten: Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission, kritisiert baldige Corona-Impfungen für Kinder.

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat das Corona-Vakzin von Biontech/Pfizer bereits für Kinder ab zwölf Jahren als sicher eingestuft. Die EU-Kommission hat diesen Wirkstoff daraufhin für diese Altersgruppe zugelassen. Die Stiko lässt sich von diesen Entscheidungen allerdings nicht beeinflussen: Sie nimmt wohl auch weiterhin eine zurückhaltendere Position ein. Kinder mit Vorerkrankungen sollen jedoch eine Impf-Empfehlung bekommen. „Daran kann kein vernünftiger Zweifel bestehen“, sagt Mertens. Doch man müsse auch an die Kinder unter zwölf Jahren denken, gerade bei dem Thema Schulöffnungen. „Eine Impfung als Voraussetzung für ein normales Leben der Kinder halten wir für einen Irrweg“, sagt er.

Seine Gesprächspartnerin Sandra Ciesek wünscht sich hingegen eine sachlichere Diskussion über Kinderimpfungen. „Bei der Entscheidung, alle Kinder zu impfen oder nicht, gibt es von beiden Seiten berechtigte Argumente“, meint sie. Außerdem verweist sie darauf, dass den Eltern und Kindern eine Impfung freigestellt ist und es keine Impfpflicht geben werde. „Es ist eine freie, individuelle Entscheidung, abhängig von der Lebenssituation.“ (Alina Schröder)

Rubriklistenbild: © Arno Burgi/dpa

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