Long Covid und PIMS

Long-Covid bei Kindern: Was über Corona-Langzeitfolgen bislang bekannt ist

Obwohl Corona bei Kindern meist mild oder ganz ohne Symptome verläuft, kämpfen manche lange mit Spätfolgen. Wie gefährdet sind Kinder also wirklich?

Kassel ‒ „Kinder sind kein Teil des Infektionsgeschehens“, hieß es zu Beginn der Corona-Pandemie oftmals. Das hat sich im Laufe des letzten Jahres jedoch zunehmend verändert. Während der dritten Welle im Frühjahr 2021 infizierten sich immer mehr Kinder und Jugendliche mit dem Coronavirus. Die gute Nachricht ist: Akute Corona-Infektionen laufen bei Kindern oft symptomlos ab und schwere Krankheitsverläufe sind selbst bei Jugendlichen eher selten. Trotzdem treten mittlerweile auch bei Kindern immer wieder Spätfolgen einer Corona-Infektion auf, sogenannte „Long Covid“-Verläufe. Und die könnten jetzt noch häufiger werden, warnen Experten.

Seit dem 17. März 2020 hat die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) ein Register geöffnet, in das bundesweit Kinderkliniken stationär behandelte Kinder und Jugendliche mit Corona-Infektion melden. Mit Stand April 2021 wurden demnach etwa 1200 Kinder mit einer Sars-CoV-2-Infektion im Krankenhaus behandelt, vier Kinder sind in Zusammenhang mit Covid-19 bislang verstorben.

Zahlen, die deutlich zeigen, dass schwere Corona-Verläufe bei Kindern weiterhin eine Seltenheit sind. Die große Unbekannte bei Corona-Infektionen von Kindern bleiben aber die Langzeitfolgen. Daten dazu wurden bei Kindern zunächst nicht systematisch erhoben, wobei die DGPI mittlerweile auch mit einer Erfassung der Long Covid-Fälle begonnen hat.

Karl Lauterbach warnt: Immer mehr Kinder leiden an Long-Covid

Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und Markus Hufnagel vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg warnten kürzlich vor der Entwicklung von „Long Covid“ bei Kindern. Sieben Prozent der jungen Infizierten entwickelten Symptome - das sei „keine Kleinigkeit“ hatte Lauterbach im Talk mit Maybrit Illner (ARD) gesagt*.

Auf Anfrage der Bild-Zeitung erklärte er, die Zahlen „beziehen sich auf Studien des britischen Office for National Statistics wie auf eine große italienische Studie, die sogar 12 Prozent Langzeitfolgen für Kinder errechnet hat, die an Covid-19 erkrankt waren.“ Hufnagel erklärte, dass sie insbesondere durch die zunehmenden Lockerungen der Maßnahmen seit März damit rechneten, dass es mehr betroffene Kinder mit meist diffusen, länger anhaltenden gesundheitlichen Problemen geben wird.

Kinder sind seltener von schweren Corona-Verläufen betroffen als Erwachsene.

Eine Ursache dafür, dass sich Kinder in der dritten Welle häufiger mit Corona infizierten, sind Experten zufolge die immer häufiger auftretenden Corona-Varianten. Insbesondere die britische Corona-Mutation B.1.1.7, eine „leichter übertragbare, besorgniserregende Variante“ sei ein Grund für das erhöhte Infektionsgeschehen bei Kindern und Jugendlichen, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI). Hinzu kommt, dass durch die verpflichtenden Corona-Tests an Schulen symptomlose Infektionen bei Kindern und Jugendlichen nachgewiesen werden konnten, die ohne die regelmäßigen Testungen womöglich unentdeckt geblieben wären.

Zudem verschiebt sich das Infektionsgeschehen auch durch die Impfkampagne in Deutschland. Während die Über-60-Jährigen und jüngeren Menschen mit Vorerkrankung oder in systemrelevanten Berufen nun in großen Schritten ihre Corona-Schutzimpfung erhalten, ist für Kinder und Jugendliche weiterhin noch kein Vakzin freigegeben. Zwar hat Biontech bereits die Zulassung für einen Impfstoff für Kinder ab zwölf Jahren bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) beantragt, bis auch in dieser Gruppe der Großteil geimpft ist, wird es allerdings noch dauern.

Kinder und Long-Covid: Das ist aktuell bekannt

Laut RKI-Dashboard (Stand: 16.05.2021) wurden bislang insgesamt 252.224 Covid-19-Fälle bei Unter-14-Jährigen erfasst. Mal angenommen, sieben Prozent davon entwickelten Langzeitfolgen, wie Lauterbach warnte, dann wären das immerhin 17.655 Kinder. Je höher die Fallzahlen insgesamt sind, desto größer werden auch die Zahlen der Lange-Leidenden: Der Long Covid-Patienten.

Unter der Bezeichnung „Long Covid“ werden Symptome zusammengefasst, die selbst vier bis zwölf Wochen, manchmal sogar Monate nach Beginn der akuten Corona-Infektion, nicht abklingen. Dazu gehören beispielsweise Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Geruchs- und Geschmacksverlust, Konzentrationsschwächen oder Gedächtnisprobleme. Einige können nicht mehr lesen oder sind schnell erschöpft. Wie oft und wie lange Covid-19-Symptome Kinder nach einer akuten Erkrankung verfolgen, werden erst die kommenden Monate und Jahre zeigen, erklärt Michael Lorenz, Oberarzt am Universitätsklinikum Jena, spektrum.de.

Bei Erwachsenen vermuten Forscher, dass die körpereigene Immunabwehr überreagiert, wenn sie sich gegen das Coronavirus wehrt, und dadurch Entzündungsprozesse in Gang setzt. Ähnlich könnte es auch bei Kindern funktionieren. Aber „insgesamt gibt es beim Long Covid noch keine gute immunologische Aufarbeitung“, erklärt Lorenz weiter. „Ob die Beschwerden aufgrund einer Autoimmunreaktion auftreten oder eher aufgrund einer Immunschwäche, ist bislang nicht geklärt.“

Long-Covid bei Kindern: Bei plötzlich auftretendem, hohem Fieber nach einer Corona-Infektion könnte es sich um die Entzündungserkrankung PIMS handeln.

PIMS: Wenn sich die Organe der Kinder nach einer Corona-Infektion entzünden

Neben Long Covid ist auch das sogenannte „PIMS-Syndrom“ eine Folgeerkrankung, die bei Kindern mittlerweile mit einer vorangegangenen Corona-Infektion in Verbindung gebracht wird. PIMS steht für „Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome“ und ist eine Multi-Entzündungserkrankung bei Kindern, die unter anderem mit starken Bauchschmerzen und anhaltendem Fieber einhergeht. In der Regel tritt die Erkrankung zwei bis drei Wochen nach einer Corona-Infektion auf.

Ursache für die heftigen Entzündungsprozesse im Körper der jungen Patienten ist vermutlich auch eine Überreaktion des Immunsystems auf Viren. Das Immunsystem scheint sich im Anschluss an die Überreaktion gegen den eigenen Körper wehren zu wollen. Bislang ist allerdings nur wenig über die Erkrankung bekannt. Da die meisten Betroffenen Antikörper gegen Sars-CoV-2 in sich tragen, gehen Mediziner davon aus, dass die Erkrankung in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion steht.

Die DGPI führt seit dem 27.5.2020 das deutschlandweite PIMS-Melderegister: Bis zum 16.05.2021 wurden 315 Fälle gemeldet. Weniger als zehn Prozent der Betroffenen entwickelten Folgeschäden, etwa an Herz oder Kreislauf. Tödliche Verläufe gab es in Deutschland laut DGPI bisher keine.

Kinder in der Corona-Krise: Psychologen fürchten auch seelische Spätfolgen

Zusätzlich zu den Immunerkrankungen spielt beim Auftreten der Spätfolgen nach Einschätzung von Experten und Psychotherapeuten auch die generell belastende und ermüdende Pandemiesituation eine Rolle. Kinder und Erwachsene leiden nach einer Infektion nicht nur am Virus allein. „Der Lockdown ist ein großer Stressfaktor. Wenn sich die Pandemiesituation bessert, dürften zumindest bei einem Teil der Betroffenen auch die Ermüdungsanzeichen besser werden“, sagte Markus Hufnagel vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg. (iwe) *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Eloisa Ramos/Imago

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