Leben im Corona-Jahr 2020

Corona: Existenzangst, Phobien, Depressionen - „Die Angst zermürbt mich langsam“

2020 geht zuende, Corona bleibt. In unvorstellbarer Weise hat die Pandemie das Leben in Deutschland verändert. Einige träumen schlecht. Andere bangen um die Existenz.

Blago war 21, als er Sabine kennenlernte. Sie war 17. Das war im Jahr 1971. Blago kam damals aus Kroatien nach Deutschland. Ihre Familien waren anfangs gar nicht angetan von der Beziehung. Aber Blago und Sabine wussten sehr schnell, dass sie ihr Leben zusammen verbringen wollten. Sie heirateten und bekamen zwei Kinder. Die Kinder wurden groß und zogen aus. Blago und Sabine blieben unzertrennlich. Dann brach das Jahr 2020 an.

Im Januar erfuhr Sabine, dass sie Krebs hatte. Im Februar begann die Chemotherapie. Im März kam Corona*. Als Folge der Schutzverordnungen durfte Blago das Krankenhaus bald nicht mehr betreten. Er musste seine Frau beim Krankenhauspförtner abgeben. „Wie einen Gegenstand. Ich durfte nicht ihre Tasche ins Zimmer tragen. Ich durfte nicht ihren Schrank einräumen. Ich durfte nicht bei ihr sein und sie umarmen. Ich war nicht da, um sie zu trösten. Das war furchtbar. Ich kann es kaum beschreiben.“ Auch ihre Kinder und Enkelkinder durfte Sabine nicht mehr sehen. „Die Krankheit war schon schlimm genug“, sagt Blago. „Aber durch Corona wurde sie zum Alptraum.“

Der Vielreisende: Corona hat Alltag vieler Menschen umgekrempelt

Corona hat das Leben zahlloser Menschen verändert. Einer von ihnen ist Tobias Sauer aus Berlin. Er hat nichts Schlimmes durchgemacht, und doch ist bei ihm nichts mehr wie es war. Der 37-Jährige ist Journalist, in erster Linie Reisejournalist. Vergangenes Jahr kam er auf 80 bis 100 Flüge. „Seit ich 16 bin, gebe ich im Prinzip mein gesamtes Geld für Reisen aus“, sagt er. „Ich habe keinen großen Kleiderschrank und keine toll eingerichtete Wohnung, die ganze Kohle fließt ins Reisen.“

Jedenfalls war das bis März so. Seitdem ist er kein einziges Mal mehr geflogen. Er ist zurückgeworfen auf seine kleine Wohnung. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er sich ein teures Möbelstück gekauft, ein Sofa für fast 1000 Euro. Darauf sitzt es sich bequem. Aber das Fernweh wird immer größer. Sauer träumt von Amerika. „Stundenlang über die Highways düsen, immer stur geradeaus.“ Noch mehr als das Reisen fehlt ihm das Nachtleben. Die Berliner Musikclubs sind seit März geschlossen. „Zu illegalen Geschichten bin ich nicht hin, weil ich dachte, wir sind hier jetzt in einer Situation, wo man ein bisschen aufpassen sollte. Es gab ein paar Open-Air-Geschichten, aber das war natürlich eine ganz andere Stimmung. Die Uhrzeiten waren andere. Es war nicht nachts, sondern tagsüber. Geradezu spiegelverkehrt.“ Wenn er früher weggegangen ist, dann oft ohne Handy. Ein paar Stunden war er unerreichbar, in einer anderen Welt. Er wusste dann auch nicht, wie spät es war. Das ist jetzt ganz anders. „Man vergisst nie, wo man ist. Man lebt im Corona-Jahr*.“

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Corona-Auswirkungen: „Ich habe eine große Phobie vor Menschenmengen entwickelt“

Ja, es gibt sie, die positiven Veränderungen durch Corona. Wiebke und ihre Familie aus Düsseldorf haben Freunde in Hamburg, die sie im Videochat jetzt öfter sehen als vorher. Und ja, darüber hinaus hat Wiebke Wochenspeisepläne entwickelt, um nicht mehr so oft einkaufen gehen zu müssen. „Es ist entspannend, nicht jeden Tag übers Essen nachzudenken. Außerdem sparen wir so bestimmt auch noch Geld.“

Das Negative fällt weit schwerer ins Gewicht. „Ich habe eine große Phobie vor Menschenmengen entwickelt. Wenn ich zum Beispiel eine Gruppe von Jugendlichen sehe, dann habe ich direkt negative Gedanken und Gefühle, wie schlecht diese Menschen sind. Dabei sind das nur Jugendliche, die absolut ihre sozialen Kontakte brauchen.“ Die 54-Jährige hat mittlerweile einen wiederkehrenden Alptraum: „Ich träume regelmäßig, dass ich ohne Maske im Supermarkt stehe und wache panisch auf. Ich hoffe, das endet nach Corona. Andererseits habe ich - obwohl ich absolut keine Konzertbesucherin bin - geträumt, dass ich mit Tausenden im Stadion stehe und Lieder von irgendeiner Band gröle. War toll.“

Das Allerschlimmste aber ist für sie die fortwährende Angst, dass sich jemand aus ihrer Familie infizieren und daran sterben könnte. „Diese Angst zermürbt mich ganz langsam.“

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Arbeitslosigkeit durch Corona: Was wird jetzt?

Heinz Krämer (42) aus Düren bei Aachen hat 21 Jahre lang Konzert- und Showbühnen auf- und abgebaut. Ein Roadie, wie man in der Szene sagt. „Wir waren nur unterwegs. Ich hab mehr Zeit auf der Straße verbracht als zuhause bei Frau und Kindern. Der Job ist eben nicht nur ein Job, sondern eine Leidenschaft.“

Dann wurde der Kultursektor im Zuge der Corona-Maßnahmen stillgelegt. Die Firma, bei der er angestellt war, bekam keine Aufträge mehr. Nach einem halben Jahr ging sie in die Insolvenz. Seitdem ist Heinz Krämer arbeitslos. Was wird jetzt? Weiß er nicht. Wenn die Pandemie morgen zu Ende wäre, hätte er sofort wieder Arbeit. Aber die Pandemie ist nicht zu Ende. „Ein halbes Jahr halte ich es noch aus. Danach müsste ich mich anderweitig umschauen.“ Das Arbeitsamt hat ihm schon signalisiert, dass sich da so schnell wohl nichts tun werde, er müsse umschulen. Aber Heinz Krämer sträubt sich noch. Er hofft noch. Denn er liebt ja seine Arbeit.

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Landärztin berichtet von Veränderungen im Praxis-Alltag

Christina Neumann ist Landärztin aus Denklingen bei Landsberg in Bayern. Corona hat ihren Praxisalltag durcheinandergewirbelt. „Zum einen ist es extrem schwierig, sich mit der Bürokratie auseinanderzusetzen, weil wir permanent andere Regelungen dazu bekommen, wie man welchen Corona-Abstrich wie abrechnet oder codiert.“

Das andere ist der Umgang mit den Patienten. Jeden Tag kommen Menschen zu ihr, die befürchten, dass sie sich mit Corona infiziert haben. Diese Patienten dürfen möglichst nicht mit den anderen in Kontakt kommen. Deshalb hat Christina Neumann eine spezielle „Infekt-Sprechstunde“ ab 11.30 Uhr eingeführt. Dazu werden immer nur zwei Personen gleichzeitig in die Praxis eingelassen, die anderen warten draußen im Auto. Bei dieser Behandlung trägt die Ärztin Kittel, Maske und Visier. Das wäre vor Corona undenkbar gewesen. „Das ist ja eine kulturelle Geschichte.“ Vor Corona haben auch alle erwartet, dass die Frau Doktor ihnen die Hand gibt. Mittlerweile scheint das lange zurückzuliegen. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich eine Gesellschaft so schnell ändern kann“, sagt Neumann.

Im Schnitt wird bei ihr ein Patient pro Woche positiv getestet. „Natürlich hat man da auch als Ärztin ein etwas mulmiges Gefühl. Da ist die Angst, einen Fehler zu machen und sich anzustecken. Auch das Praxispersonal ist verunsichert. Ich kann schon sagen, dass es mein härtestes Jahr ist.“

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Depressionen durch Corona-Pandemie nehmen zu

Als im Frühjahr der erste Lockdown begann, gab es manch rosige Zukunftsprognose. Mal runterfahren und entschleunigen, das werde der Gesellschaft guttun, hieß es. Damals schien viele Wochen lang die Sonne. Jetzt steht der Winter vor der Tür, und man hört solche Töne eher nicht mehr. „Viele Menschen sind in einer deprimierten Stimmungslage“, sagt Conny Wien, Psychotherapeutin aus Dortmund. „Stellen wir uns mal eine ältere Frau mit einem dementen Mann vor, die vor Corona im Chor gesungen hat und sich jedes Jahr auf das Weihnachtsoratorium gefreut hat. Für die ist alles weg, was das Leben noch halbwegs erträglich gemacht hat.“

Wien kennt viele ältere Menschen, die sagen, dass ihnen Berührungen fehlen. „Damit meinen sie nicht kuscheln oder küssen, sondern einfach mal in den Arm genommen werden. Oder auch nur ein Handschlag oder Schulterklopfen. Berührt werden im Gespräch, mal kurz die Hand aufs Knie legen, zum Beispiel wenn der andere weint. Es macht etwas mit den Leuten, wenn sie alleine mit ihren Tränen dasitzen.“ Die Psychologin befürchtet, dass da eine Qualität verloren geht, wenn das alles noch viel länger anhält. Kann man menschliche Nähe verlernen? Zurzeit kann man noch nicht mal eine Verkäuferin anlächeln. Da ist ja die Maske. „Die meisten Leute gehen einkaufen und schnell wieder nach Hause. Sie sehen zu, dass sie wieder in ihren sicheren Raum kommen.“ Manchmal komme es ihr vor, als hätte sich ein grauer Schleier über das Land gelegt.

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Das Jahr 2020 endet - Corona bleibt

Das Jahr 2020 geht zu Ende. Sabine hat es leider nicht geschafft. Sie ist im Juni gestorben. Am Ende war die Isolation zum Glück aufgehoben. Die Familie war bei ihr und konnte sich in Ruhe und Würde von ihr verabschieden. Nicht nur für Blago, aber für ihn ganz besonders war 2020 ein Unglücksjahr. Dennoch steht er nicht mit leeren Händen da, wie er findet. Mehr als alle Jahre zuvor hat ihm 2020 deutlich gemacht: „Meine Sabine war ein besonderer Mensch mit großem, großem Herz. Die Isolation hat uns nur noch enger zusammengeschweißt. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich fast 50 Jahre mit ihr zusammen sein durfte.“ (sca) *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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Was wirklich bei Erkältungen hilft

Schnupfen ist ein typisches Erkältungssymptom. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Schnupfen ist ein typisches Erkältungssymptom. Foto: Christin Klose/dpa-tmn © Christin Klose
Ursula Sellerberg ist Apothekerin und stellvertretende Pressesprecherin der Bundesapothekerkammer. Foto: Peter Van Heesen/ABDA/dpa-tmn
Ursula Sellerberg ist Apothekerin und stellvertretende Pressesprecherin der Bundesapothekerkammer. Foto: Peter Van Heesen/ABDA/dpa-tmn © Peter Van Heesen
Regelmäßig an der frischen Luft joggen hält fit und beugt Erkältungen vor. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Regelmäßig an der frischen Luft joggen hält fit und beugt Erkältungen vor. Foto: Christin Klose/dpa-tmn © Christin Klose
Pfefferminzöl zum Inhalieren kann bei Erkältungen Linderung schaffen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Pfefferminzöl zum Inhalieren kann bei Erkältungen Linderung schaffen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn © Christin Klose
Wer erkältungsfrei durch Herbst und Winter kommen möchte, tut gut daran, sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Foto: Robert Günther/dpa-tmn
Wer erkältungsfrei durch Herbst und Winter kommen möchte, tut gut daran, sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Foto: Robert Günther/dpa-tmn © Robert Günther
Ingwertee gilt als natürliches Hilfsmittel bei einer Erkältung. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Ingwertee gilt als natürliches Hilfsmittel bei einer Erkältung. Foto: Christin Klose/dpa-tmn © Christin Klose

Rubriklistenbild: © rolf kremming via www.imago-images.de

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