Napoleon und die Erinnerungen ans Einwecken

„Keine Einschränkungen und eine familiäre Atmosphäre", so beschreibt Beate Pletsch, Heim- und Pflegdienstleiterin der Diakonischen Hausgemeinschaften in Kassel, die Wohngemeinschaft für demenzerkrankte Menschen.

Alltagsnormalität so weit wie möglich zu gewährleisten, heißt es auch im gerontopsychiatrischen Wohnbereich des Else-Steinbrecher Hauses in Hofgeismar. Herzstück beider Einrichtungen ist die zentrale Wohnküche- Gemeinschafts- und Therapieraum zugleich.

„Hier ist Leben pur", lacht Liesel Baldus, Stationsleiterin im Alten- und Pflegezentrum der Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen. Jeder wird einbezogen, jeder ist anerkannt, so wie er ist.

"Napoleons Soldaten brauchten was zu essen"

In Kassel hat Heike Wieland Weckgläser, einen Brombeerzweig und Eingemachtes mitgebracht. "Wussten Sie, dass Napoleon dahintersteckt, dass Lebensmittel haltbar gemacht werden können?" „Klar", kommt es von der weißhaarigen Dame am Kopfende des Tisches zurück, „ seine Soldaten brauchten was zu essen".

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Und der Herr im Polohemd, der sich hinten in einen Sessel zurückgezogen hat, ergänzt, "Napoleon kam bis Russland." In der großen Runde der Wohngemeinschaft für Demenzerkrankte hat so jeder seine Erinnerung an Napoleon, das Einmachrezept für Gurken oder gar leckeren Marillenlikör. Präsenzkraft Heike Wieland versteht es, diese wieder hervorzuholen. Denn während das Kurzzeitgedächtnis mehr und mehr den Dienst versagt, ist aus dem Langzeitgedächtnis noch vieles abrufbar.

Details aus jedem Leben: "Wir arbeiten biographisch"

In der Wohnküche in Hofgeismar ist ein Gast eingetroffen. Jeder wird ihm mit Namen und einem Detail aus seinem Leben vorgestellt. „Wir arbeiten biographisch", erklärt Leiterin Baldus. Für jeden der 28 Frauen und Männer wurde- mit Hilfe der Angehörigen- ein Bogen angelegt der über biografische Details und Lebensgewohnheiten Auskunft gibt.

Das betreuende Personal, das sich als Alltagsbegleiter begreift, kann sich mit dieser Hilfe besser in die dementen Menschen hineinversetzen. Beate Pletsch in Kassel gibt ein Beispiel:" Wenn mir eine 92- jährige Bewohnerin berichtet, ihr Vater gehe diese Woche in den Ruhestand, dann weiß ich: Sie ist in Gedanken gerade im Lebensabschnitt, in dem sie um die 40 war."

Drei Mal frühstücken ist erlaubt

Die Gedankenwelt der Bewohner hat Vorrang. Wer früh aufstehen möchte, drei Mal frühstücken oder gerne strickt, kann dies tun- allen Bedürfnissen wird Rechnung getragen. Dennoch ist der Tagesablauf durch die Mahlzeiten und Aktivitäten wie die „Geschichtsstunde über Napoleon" strukturiert.

Erinnerungsarbeit, Beschäftigungstherapie, Musik und Alltagsarbeit wie Kochen gehören mit zum Programm. So steht die 90-jährige Anni-Carola Vockenroth in der Küche und bäckt sorgfältig Kartoffelpuffer aus." Ich glaub, ich bin die älteste Köchin Kassels" sagt sie verschmitzt und strahlt ihren Helfer, Altenpfleger Thorsten Schüssler, an.

Rund um die Uhr werden die Menschen versorgt. In Kassel wie in Hofgeismar erlebt das Personal, dass die betreuten Frauen und Männer in der auf sie abgestimmten Umgebung ruhiger und zufriedener werden.

Weglaufreflex ist wenig ausgeprägt

Das von Außenstehenden als Weglaufreflex interpretierte Verhalten ist hier längst nicht so ausgeprägt. Zum einen" ist das kein Weglaufen, sondern derjenige hat eben jetzt ein ganz bestimmtes Vorhaben im Kopf", erklärt Beate Pletsch. Zum anderen sind die Wohnbereiche in beiden Einrichtungen so angelegt, dass die Bewohner sich darin frei bewegen können und sollen. Jeder geht in sein Zimmer, wenn ihm danach zumute ist. Dort stehen eigene Möbel, Bücher, Erinnerungsstücke.

Wenn dann die Dame mit dem sympathischen Mädchenkichern fröhlich den beiden Hauskaninchen Pünktchen und Anton übers Fell streicht, wissen die Mitarbeiter, wofür sich ihre Arbeit lohnt. Genauso wie ihre Kollegen in Hofgeismar, wo aus der Küche vielstimmig das Lied von der grünen Heide klingt. (von Irene Graefe)

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