„Der Arbeitsplatz spielt eine wichtige Rolle“

Herr Hennig, überall hört man, dass Burn-out-Erkrankungen zunehmen. Wie schätzen Sie das als Psychotherapeut ein?

Jörn Hennig: Was mit Burn-out zusammengefasst wird, ist meist durch ein komplexes Geschehen gekennzeichnet. Veränderungen in der Arbeitswelt wie stärkerer Leistungs- und Zeitdruck finden darin häufig Ausdruck, aber auch persönliche Variablen wie reduzierte Stresstoleranz oder überhöhter Perfektionismus können eine Rolle spielen. Der Komplexität des Geschehens werden wir durch eine gründliche Diagnostik vor der Behandlung gerecht.

Woran kann man ein Burn-out erkennen?

Hennig: Erschöpfungszustände erleben wir gelegentlich alle. Wenn diese jedoch mehrere Wochen bis Monate anhalten, ein Ende nicht absehbar scheint und kurze Erholungspausen nicht zur Rückbildung führen, sollte von einem Burn-out gesprochen werden. Begleitend und ursächlich können aber auch vorhergehende Arbeitsplatzkonflikte oder eigene lang andauernde schwerere Erkrankungen eine Rolle spielen. Depressive oder ängstliche Symptome können auftreten. Vegetative Beschwerden wie zum Beispiel Herzrasen, häufiges Schwitzen und Schlafstörungen können ebenfalls auf ein Burn-out hindeuten.

Wie behandeln Sie die betroffenen Patienten in Ihrer Klinik?

Hennig: Nach den Aufnahmegesprächen wird genau diagnostiziert. Wir erstellen im Behandlungsteam einen individuell zugeschnittenen Therapieplan, um den Patienten körperlich und psychisch zu stabilisieren. Bei Bedarf können die Angehörigen mit einbezogen werden. Auch die betriebliche Situation des Patienten spielt während der Behandlungszeit immer eine wichtige Rolle. Es gibt Fälle, in denen Klärungsgespräche oder Arbeitsplatzveränderungen vorgenommen werden müssen.

Wie kann es zu einem Burn-out kommen? Haben Sie da ein konkretes Beispiel?

Hennig: Ein Patient kommt aus einer Firma, in der eine neue Geschäftsführung von den Mitarbeitern innerhalb eines Jahres immer mehr Leistung verlangt hat. Der Patient hatte eine Zeit lang versucht, den an ihn gestellten Erwartungen gerecht zu werden, sein Ungerechtigkeitserleben setzte ihn jedoch zunehmend innerlich unter Druck. Er begann sich dann für andere, gleichfalls betroffene Kollegen gegenüber der Geschäftsführung einzusetzen. Dabei erlebte er sich schroff zurückgewiesen. Dies ließ ihm keine Ruhe mehr. Er fand nachts kaum noch Schlaf, machte aufgrund dessen am Folgetag häufiger Fehler, weswegen er von der Leitung wiederum abgemahnt wurde. Schließlich explodierte er, brach anschließend zusammen.

Wie wurde der Patient in diesem Fall behandelt?

Hennig: Er wurde vom Hausarzt krankgeschrieben und zur stationären Behandlung in die Klinik Reinhardstal überwiesen. Wir behandelten ihn in einer berufsbezogenen Therapiegruppe, wo er lernte, die betriebliche Situation realistischer zu bewerten und eigene Grenzen zu beachten. Zudem erlernte er ein Entspannungsverfahren, um sich in Belastungsspitzenzeiten besser selbst regulieren zu können. Eine wichtige Ergänzung war ein Klinikgespräch gemeinsam mit der Ehefrau.

Der Patient kehrte in seine Firma zurück, begann aber eine Tätigkeit an einem veränderten Arbeitsplatz, was er selbst initiiert hatte. (nh)

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