EHEC-Forscher: „Der Keim ist noch da“

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Der Direktor des Instituts für Hygiene der Universität Münster Helge Karch

Münster - Ein halbes Jahr nach dem Ende der EHEC-Epidemie mit 53 Toten in Deutschland beschäftigt der gefährliche Erreger weiterhin die Forschung.

„Der Ausbruch ist vorbei, aber der Keim ist noch da und hat im Menschen überlebt“, sagte Professor Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene an der Uniklinik Münster, der Nachrichtenagentur dpa. Wo der Killer-Keim herkam und wie er entstanden ist, treibt Karch und sein Team um, das im Mai das Erbgut des Erregers entziffert hatte. Von Anfang Mai bis Anfang Juli waren in Deutschland rund 3800 Menschen an dem Keim erkrankt.

Zwei Monate EHEC-Angst in Deutschland

Die größte EHEC-Infektionswelle der deutschen Geschichte hat Anfang Mai scheinbar harmlos begonnen. Ein 45-jähriger Mann aus Aachen und eine 42 Jahre alte Frau aus Niedersachsen hatten sich als erste mit dem Darmbakterium des aggressiven Typs O104:H4 infiziert. Knapp 4.000 Erkrankte folgten, am Ende waren 53 Menschen an dem Erreger und dessen schweren Verlauf mit Nierenschäden, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), gestorben. Weltweit war es mit weitem Abstand größte derartige Ausbruch mit dieser Krankheit.

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Auf wichtige Fragen rund um den Ausbruch des tödlichen Keims wissen selbst Experten wie Karch noch keine Antwort. „Bis heute ist unklar, wo der Ausbruchsstamm entstanden ist“, sagte der 58-Jährige. „Er könnte aus Afrika stammen, aber auch aus Asien oder woher auch immer.

Daten von Forschern über Europas Grenzen hinaus müssten zusammengebracht werden, um das Wissen zu bündeln, erklärte der EHEC-Experte. „Wir müssen alles tun, um zukünftige Ausbrüche zu verhindern.“

Selbst Experten waren im Mai überrascht von der Wucht, mit der sich der Keim ausbreitete. „Ich bin kein Angsthase und beschäftige mich schon lange mit EHEC-Stämmen, aber einen Stamm mit diesem Potenzial hatte es bis dahin nicht gegeben“, sagte Karch rückblickend. Für die Forscher war es die Aufgabe ihres Lebens, dem gefährlichen Keim auf den Leib zu rücken. „Wir haben Tag und Nacht daran gearbeitet, den neuen Erregertyp zu identifizieren und einen Test zu entwickeln, um den Stamm spezifisch nachweisen zu können.“

Vier Stunden Schlaf mussten den Forschern reichen, denn Patienten bundesweit hofften auf schnelle Ergebnisse. Auch heute sieht Karch die aggressive Gen-Kombination aus zwei Bakterienstämmen namens O104:H4 jede Woche noch in Stuhlproben. „Manche Patienten scheiden den Keim noch aus, andere haben sich neu infiziert.“ Aber: „Es sieht so aus, als hätte er sich ein bisschen abgeschwächt.“

EHEC: Die wichtigsten Fragen und Antworten

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Was verbirgt sich hinter der Abkürzung EHEC? © 
Es handelt sich bei EHEC-Bakterien um die sogenannten Enterohämorrhagischen Escherichia Coli-Bakterien. Seit Anfang Mai verbreitet ein besonders aggressiver Erreger Angst und Schrecken in Deutschland. © dpa
Bisher sind 36 Menschen an den Folgen der Erkrankung gestorben. Überraschend: Betroffen sind vor allem junge Frauen. Normalerweise erkranken Kleinkinder unter fünf Jahren, ältere und immunschwache Menschen durch eine EHEC-Infektion. © dpa/ap
Bei EHEC handelt es sich um eine gefährliche Variante des für den Menschen harmlosen Darmbewohners Escherichia coli. EHEC kommt im Darm von Weiderkäuern vor. Gelangt es jedoch in den Körper des Menschen, setzen die Bakterien dort gefährliche Giftstoffe frei. © dpa/ap
Wissenschaftler haben das Genom des Erregers bereits entschlüsselt. Dabei fanden sie heraus, dass zwei Bakterienstämme ihre Erbsubstanz miteinander ausgetauscht haben. © dpa
Welche Symptome bringt eine EHEC-Erkrankung mit sich? © dpa/ap
Der Erreger kann sich zunächst durch blutigen und wässrigen Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Bauchschmerzen bemerkbar machen. Zudem sind bei schweren Verläufen auch Blutarmut, Gefäß- und Nierenschäden möglich. Auch wenn die Krankheit überstanden ist, können Gesundheitsschäden wie etwa Nierenleiden zurückbleiben. © dpa
Wie wird die Krankheit übertragen? © dpa/ap
Da sich der Erreger vor allem im Kot von Nutztieren findet, ist direkter Kontakt mit den Tieren ein Übertragungsweg. Aber auch verunreinigte Lebensmittel, die Kot-Partikel enthalten, können Ursache sein. Wird gedüngtes Obst und Gemüse ungewaschen gegessen, kann das die Krankheit auslösen. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist über Schmierinfektionen möglich. © dpa/ap
Was ist bei den aktuellen Fällen die Infektionsquelle? © dpa/ap
Schnell gerieten Gurken und Tomaten in Verdacht. Das Bundesamt für Risikobewertung hat allerdings inzwischen die Empfehlung, auf den Verzehr von Gurken, Tomaten und Blattsalat in Norddeutschland zu verzichten, aufgehoben.  © dapd
Denn inzwischen haben Wissenschaftler Sprossen von einem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel zweifelsfrei als Träger des Erregers identifiziert. © dpa
Beunruhigend: EHEC-Bakterien wurden auch auf bayerischem Salat gefunden. Er befand sich auf Lollo Rosso-Salat eines Fürther Gemüseerzeugers. Erste Laborergebnisse deuten jedoch nicht darauf hin, dass es sich um den gefährlichen Erreger-Typ handelt. © dapd
Wie kann ich mich vor EHEC-Erkrankungen schützen? © dpa/ap
Die Behörden empfehlen, dass in Deutschland derzeit keine rohen Sprossen gegessen werden sollten - auch keine selbst gezogenen.  © 
Der beste Schutz vor dem Keim ist allerdings Hygiene. Dazu gehört regelmäßiges Händewaschen. Verbraucher könnten dem RKI zufolge das Risiko einer EHEC-Infektion weiter minimieren, indem sie alle Lebensmittel vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzen. Es gibt keine Impfung gegen den Keim. © dpa
In der Berichterstattung ist auch von HUS die Rede. Was ist das? © dpa/ap
HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, einen besonders schweren Verlauf der EHEC-Erkrankungen. Dabei kann es zu Nierenversagen und Blutarmut kommen. Das kann lebensbedrohlich sein. © dpa/ap
Was muss ich tun, wenn ich betroffen bin? © dpa/ap
Zunächst sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen EHEC-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Mit dem Bakterium infizierte Patienten sollten auf keinen Fall Antibiotika nehmen. Diese könnten die Situation noch verschlimmern, erklärte ein Arzt des Berliner Krankenhauses Charité. Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt. © dpa/ap

Dass in naher Zukunft ein neuer großer Ausbruch auf Deutschland zukommt, glaubt Karch nicht. „Aber versprechen kann ich das nicht. Wir müssen wachsam sein und EHEC im Auge behalten.“ Therapien müssten entwickelt und die Erkrankung früher diagnostiziert werden. „Wenn die Patienten blutigen Durchfall haben, muss man schon an EHEC denken.“

Auch emotional lässt Karch die Zeit um den Ausbruch mehr als sechs Monate danach nicht los. „Mich bewegt das immer noch. Am Tag kann ich mich ganz gut ablenken, aber ich träume noch von dieser Zeit, und von den Fragen, was man machen kann und muss. Das ist eine Zeit, die einem bis zum Lebensende im Gedächtnis bleibt.“

 dpa

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