Kopfschmerzen, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche

Macht eine Entgiftung Menschen gesund oder ist es Humbug?

+
Wer sich unwohl, müde und unkonzentriert fühlt, dem wird im Internet oftmals zu einer Entgiftung geraten. 

Dem Körper etwas Gutes tun, sich besser fühlen und chronische Krankheiten lindern - das versprechen Entgiftungsprogramme. Wir haben eine Allgemeinmedizinerin und eine Heilpraktikerin nach ihrer Meinung gefragt.

Bei Kopfschmerzen, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche versprechen zahlreiche Seiten im Internet Hilfe durch eine Entschlackung. Auf einigen Seiten wird sogar behauptet, durch eine Entgiftung könnten chronische Krankheiten behandelt werden. Wiederum andere behaupten, dass es in unserem Körper gar nicht so etwas wie Schlacken gebe, von denen wir uns befreien müssen. Entschlackung – Hilfe für den Körper oder Humbug? Das wollten wir herausfinden und haben deshalb eine Ärztin und eine Heilpraktikerin aus der Region gefragt.

Allgemeinmedizinerin Dr. Andrea Brehm

Gibt es in unserem Körper Schlacken? 

Andrea Brehm: Wenn wir von Schlacken sprechen, meinen wir Dinge, die nicht dauerhaft im Körper verbleiben sollen. Medizinisch gesprochen: Giftstoffe. Das können Schwermetalle oder fettlösliche Substanzen wie Insektizide und Pestizide sein, die wir zum Beispiel durch das Essen von Tieren aufnehmen, bei denen Giftstoffe im Fettgewebe waren. Wenn sich diese Giftstoffe ablagern, entstehen chronische Entzündungsprozesse und Zellschäden im Körper. Entfernt man diese Stoffe aus sensiblen Bereichen des Körpers, kann das Organ wieder besser arbeiten, die Zellfunktion wird intakter und Beschwerden können sich lindern. 

Derzeit gibt es den Trend nach Entgiftungen in Fünf- bis Zehn-Tages-Kuren. Wie sinnvoll sind die? 

Brehm: Die Wunder-Entschlackungs-Kur in kurzer Zeit gibt es nicht. Entgiften ist komplex und schwierig. Echtes Entgiften, wenn ich die Giftstoffe aus Nervenzellen und dem Fettgewebe mobilisieren will, geht nur unter fachkundiger Unterstützung. Wenn ich da begleitend etwas für meinen Körper tun will, kann ich Fasten, basische Lebensmittel oder Algenpräparate essen oder Pflanzentees, zum Beispiel mit Brennnessel oder Löwenzahn, trinken. Das sollte aber anstatt fünf Tagen eher sechs Wochen lang sein. 

Der Löwenzahn: Die frischen Blätter, Blüten und Wurzeln werden gern für Salate, Suppen oder grüne Smoothies genutzt, da alle Teile von der Blüte bis zur Wurzel verwertbar sind. Löwenzahn enthält wertvolle Inhaltsstoffe wie Kalium, Natrium, Vitamin A,B,C, sowie Spurenelemente Zink und Kupfer.

Wer aber von vornherein auf seine Ernährung und einen gesunden Lebensstil achtet, muss gar nicht beim Entgiften nachhelfen. Fairerweise muss ich aber sagen: Die meisten Menschen, die noch nie eine Entgiftung gemacht haben, erreichen auch ein normales Lebensalter.

Sie sagen, dass man nur unter fachkundiger Begleitung entgiften sollte. Können Detox-Kuren auch Schaden anrichten? 

Brehm: Mit den Mitteln, die man im Reformhaus, Bio-Laden oder der Apotheke bekommt, kann ich meinem Körper nicht schaden. Basenpräparate helfen immer, denn durch das, was wir essen, sind wir meistens übersäuert.

Algenpräparate haben tolle Effekte, wenn es darum geht, Schwermetalle abzubinden. Gefährlich wird es aber zum Beispiel beim Fasten. Da muss man seine Organe drauf vorbereiten, denn beim Fasten fällt auch Harnsäure an, die Gicht verursachen kann. Aber besonders relevant ist, zu beachten, dass die mobilisierten Giftstoffe nur von einem Bereich des Körpers in einen anderen quasi verschoben werden sondern tatsächlich ausgeschieden.

Heilpraktikerin Wioletta Janiak

Gibt es in unserem Körper Schlacken? 

Wioletta Janiak hat eine Praxis für Krankengymnastik und Naturheilverfahren in Bad Wildungen.

Wioletta Janiak: Ja, auf jeden Fall. Ablagerungen entstehen als Nebenprodukte der chemischen Reaktionen in unserem Körper. Wenn die „chemische Fabrik“ in uns etwas nicht gebrauchen kann, bilden sich Schlacken. In unsrer Umwelt und dem Essen gibt es mittlerweile vieles, was die Natur gar nicht kennt und unser Körper nicht verarbeiten kann. Ein Beispiel ist, wenn wir zu viel von dem Falschen essen. Das celluläre System wird dadurch überlastet und im Gewebe bilden sich Ablagerungen. Auf Dauer führt das zu Müdigkeit, Sodbrennen, einem Schweregefühl im Bauch und belastet das celluläre System, was die Entstehung unserer Zivilisationskrankheiten unterstützt. 

Derzeit gibt es den Trend nach Entgiftungen in Fünf- bis Zehn-Tages-Kuren. Wie sinnvoll sind die?

Janiak: Wenn wir einen kleinen Zeitraum lang auf die Ernährung, Bewegung und das Trinkverhalten achten und dadurch entgiften, um danach zu essen wie zuvor, ist das nicht sinnvoll. Es gibt keinen Tee, Tablette oder Saft, den ich zehn Tage anwende und dann bin ich entgiftet. Da ist eine Industrie entstanden, die davon profitiert. Es ist wichtig, dass wir jeden Tag etwas für unseren Körper tun – und dazu zählen auch Entgiftungsmethoden wie Öl-Kauen, viel Wasser zu trinken und eine Leber-Entgiftung. 

Was empfehlen Sie dann anstatt einer Entgiftungskur? 

Janiak: Da gibt es mehrere Säulen: Ernährung, Trinkverhalten, Atmung, Bewegung, gesunder Schlaf, gute Verdauung, Stressbewältigung und eine gesunde Wirbelsäule. Wer diese Säulen beachtet, entgiftet automatisch gut. Wer sich zum Beispiel täglich bewegt, wozu auch Spazierengehen gehört, der verbessert die Durchblutung des Körpers. Das führt automatisch zu einer besseren Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen. Bewegung ist ein Medikament, das mit keiner Tablette oder Entgiftung zu ersetzen ist.

Bewegung, wie hier beim HNA-Yogasommer, ist das beste Mittel, um gesund zu bleiben.

Das Fazit

Eine Entgiftung ist also tatsächlich eine gute Hilfe für den Körper. Wer allerdings für ein gutes Gewissen zu einer schnellen Lösung greift und hinterher weiter isst und trinkt wie vorher, hat das Prinzip nicht verstanden. Wichtiger, als eine Woche lang zu fasten oder nur basisch zu essen, ist also, sich Tag für Tag bewusst zu ernähren und zu bewegen. Dann entgiftet der Körper automatisch gut und wir nehmen nicht so viele Giftstoffe auf.  Allgemeinmedizinerin Andrea Brehm und Heilpraktikerin Wioletta Janiak geben beim Essen und Trinken folgende Tipps: 

  • Gute Qualität der Lebensmittel. Je nährstoffhaltiger das Essen ist, desto weniger müssen wir essen, um satt zu werden. 
  • Viel Gemüse und wenig Fleisch essen. Dazu sollten die Produkte möglichst regional und saisonal sein. „Jeder, der abends schnell zur Tanke fährt, um sich eingeschweißte Würstchen für den Grillabend zu kaufen, sorgt dafür, dass Toxine dauerhaft in seinem Fettgewebe eingelagert werden“, sagt Dr. Andrea Brehm. 
  • Gut Kauen. „Die Verdauungsenzyme können nicht mit großen Nahrungsstücken umgehen. Wer nicht gut kaut, bombadiert das Verdauungssystem“, erklärt Wioletta Janiak. 
  • Viel und qualitativ gutes Wasser trinken. Am besten Quellwasser oder Leitungswasser. Kohlensäure ist nicht förderlich, da das CO2 ein Abfallprodukt des Stoffwechsels ist, zusätzlich aufbläht und in den Plastikflaschen Weichmacher lösen kann.

Zu den Personen

Andrea Brehm (55) wurde in Kassel geboren und hat nach der Schule Humanmedizin in Göttingen und Marburg studiert. Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Akupunktur und Palliativmedizin. Brehm arbeitet als Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis in Kassel. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. 

Wiolleta Janiak (57) wurde in Breslau (Polen) geboren. Nach dem Abitur hat sie Pharmazie studiert. Seit 31 Jahren lebt Janiak in Deutschland, heute in Bad Wildungen. Sie arbeitet seit 28 Jahren als Physiotherapeutin und seit 17 Jahren als Heipraktikerin in ihrer eigenen Praxis. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.