Macht Covid-19 unfruchtbar?

Umstrittene neue Studie: Schwere Corona-Verläufe sollen Samenqualität von Männern negativ beeinflussen

„Überall Corona“ ist auf einem Bildschirm für das Fahrgastfernsehen in einer Straßenbahn zu lesen. Auch immer neue Corona-Studien werden öffentlich – einige sollten allerdings kritisch hinterfragt werden.
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„Überall Corona“ ist auf einem Bildschirm für das Fahrgastfernsehen in einer Straßenbahn zu lesen. Auch immer neue Corona-Studien werden öffentlich – einige sollten allerdings kritisch hinterfragt werden.

Eine neue Studie will belegen, dass schwere Corona-Infektionen die Fruchtbarkeit von Männern negativ beeinträchtigen. Doch Mediziner zweifeln die Studienergebnisse an.

  • Immer wieder kursieren Gerüchte, dass Corona-Impfungen unfruchtbar machen können. „Das ist alles Quatsch“, wird der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek, vom Redaktionsnetzwerk Deutschland zitiert: „Es gibt keine Hinweise darauf, dass es Probleme mit der Fruchtbarkeit geben wird“.
  • Eine neue Untersuchung von 84 Corona-kranken Männern zeigte nun, dass sich die Infektion selbst auf die Qualität männlicher Spermien auswirken kann.
  • Doch Mediziner raten, die Schlussfolgerungen der Studienleiter kritisch zu beleuchten.

Die Corona-Pandemie bringt eine ganze Reihe Sorgen und Unsicherheiten mit sich. Darunter auch Bedenken, wie sich eine Corona-Infektion auf die Fortpflanzungsfähigkeit auswirken könnte. Um Daten zu diesem noch weitgehend unerforschten Thema zu sammeln, analysierten Forscher nun die Spermienqualität von insgesamt 189 Männern. Dabei wurden Informationen über 105 gesunde Studienteilnehmer mit den Daten von 84 Corona-positiven Männern* verglichen. Insgesamt 60 Tage lang wurde die Spermienqualität der Männer in 10-tägigen Abständen geprüft, wie der US-amerikanische Fernsehsender CNN berichtete.

Und die Forscher konnten tatsächlich Unterschiede feststellen. Bei den Covid-Patienten wurden erhöhte Entzündungswerte und mehr oxidativer Stress im Samen nachgewiesen: "Diese Auswirkungen auf die Spermien sind mit einer geringeren Spermienqualität und einem reduzierten Fruchtbarkeitspotenzial verbunden. Obwohl sich diese Effekte im Laufe der Zeit tendenziell verbesserten, blieben sie bei den Covid-19-Patienten signifikant und abnormal erhöht, und das Ausmaß dieser Veränderungen hing auch mit dem Schweregrad der Erkrankung zusammen", zitiert CNN den leitenden Forscher Behzad Hajizadeh Maleki, Doktorand an der Justus-Liebig-Universität Gießen in Hessen. Je schwerer der Krankheitsverlauf, desto negativer wirkte sich dies laut Studie auf die männliche Fruchtbarkeit aus.

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„Männer sollten nicht übermäßig alarmiert sein“: Bisher keine Beweise für dauerhafte Unfruchtbarkeit durch Corona

Auch die Konzentration, Beweglichkeit und Form der Spermien wurde durch das Virus negativ beeinflusst, heißt es. Die Studie der deutschen Wissenschaftler, die in der Fachzeitschrift Reproduction veröffentlicht wurde, ruft allerdings Experten auf den Plan, die die Ergebnisse in Frage stellen. "Ich muss bei der Interpretation dieser Daten große Vorsicht an den Tag legen. Zum Beispiel geben die Autoren an, dass ihre Daten zeigen, dass 'eine Covid-19-Infektion signifikante Beeinträchtigungen der männlichen Reproduktionsfunktion verursacht', obwohl sie eigentlich nur eine Assoziation zeigen", zitiert CNN unter anderem Allan Pacey, Professor für Andrologie an der University of Sheffield im britischen South Yorkshire. Ihm zufolge könnte die verminderte Spermienqualität auch auf Übergewicht zurückzuführen sein – die Covid-kranken Männer waren häufiger zu schwer als die Männer in der Kontrollgruppe, wie unter anderem RTL.de berichtete.

Auch Dr. Channa Jayasena, Fachärztin für reproduktive Endokrinologie und Andrologie am Imperial College in London gibt zu Bedenken: "Wenn man an einem Virus wie der Grippe erkrankt, kann die Spermienzahl vorübergehend für einige Wochen oder Monate sinken (manchmal auf Null). Das macht es schwierig, herauszufinden, inwieweit die in dieser Studie beobachtete Verringerung spezifisch für Covid-19 ist". Fieber etwa ist ein Faktor, der die Spermienqualität vorübergehend negativ beeinträchtigen kann, wie das Fachportal Springer Link informiert.

Alison Campbell von den CARE-Fruchtbarkeitskliniken in Großbritannien rät RTL zufolge: „Männer sollten nicht übermäßig alarmiert sein“. Bislang gebe es keinen Beweis dafür, dass Covid-19 die Spermien dauerhaft schädige. Campbell stellt auch die Verlässlichkeit der Studienergebnisse infrage. So wären die Covid-Patienten im Gegensatz zur Kontrollgruppe mit Kortikoiden und antiviral wirksamen Arzneimitteln behandelt worden, was die Studienergebnisse verzerren könne. (jg) *Merkur.de gehört zum deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

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