Gebärmutterhalskrebs: Bestrahlung ist nicht mehr nötig

In der Krebsforschung tut sich im Bereich der Gynäkologie zurzeit einiges: So gibt es eine neue Operationsmethode bei Gebärmutterhalskrebs, die sehr schonend ist und eine Nachfolgebestrahlung überflüssig macht.

Das Gynäkologische Tumorzentrum (GTZ) am Klinikum Kassel wurde ausgesucht, um als einziges Zentrum in Hessen an einer Studie zu dieser Methode mit der Bezeichnung „Totale Mesometriale Resektion (TMMR)“ teilzunehmen. Nach umfassenden Schulungen wenden die Ärzte im Rahmen dieser Studie seit vergangenem Monat die neue Operations-Technik nach strengen Vorgaben an und werden dabei wissenschaftlich begleitet und überwacht.

Die TMMR wurde maßgeblich von Prof. Michael Höckel in Leipzig geprägt. Diese OP-Technik stützt sich auf die Erkenntnis, dass der Gebärmutterhalskrebs nicht einfach „ziellos“ wächst, sondern sich in bestimmten Gewebestrukturen ausbreitet, die bereits beim ungeborenen Kind (Embryo) angelegt sind. Diese embryonalen Strukturen können bei den betroffenen erwachsenen Patientinnen durch die spezielle OP-Technik sichtbar gemacht werden. Bei der Operation wird das auf diese Weise klar lokalisierte Tumorgewebe und das potentiell befallene Gewebe unter Schonung der umliegenden Gewebestrukturen konsequent entfernt.

Über die neue Operationsmethode und andere Therapien bei Gebärmutterhalskrebs informierte Prof. Dr. Thomas Dimpfl, Direktor der Gynäkologischen Klinik im Klinikum Kassel, in der HNA-Telefonsprechstunde.

Bei mir ist aktuell im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung ein Gebärmutterhalskrebs festgestellt worden. Mein Frauenarzt hat Belegbetten in einer Klinik und hat mich nun zu einer Ausschabung und einer Konisation am Muttermund bestellt. Könnte man auch die neue Operationsmethode anwenden?

Dimpfl: Eine Konisation, als eine kegelförmige Ausschneidung am Muttermund, macht man nur bei festgestellten Krebsvorstufen. Ich würde empfehlen, dass man bei Ihnen zunächst eine Gewebeprobe entnimmt. Liegt tatsächlich eine Krebserkrankung vor, geht man bei einer Konisation die Gefahr ein, den Tumor durchzuschneiden.

Bei Bestätigung der Diagnose sind Sie genau die Zielperson, die für die neue, schonende OP-Technik in Frage kommt.

Der Kinderarzt hat empfohlen, dass unsere 15jährige Tochter die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs bekommt. Wie stehen Sie dazu?

Dimpfl: Diese Impfung kann ich uneingeschränkt empfehlen. Sie wird seit vielen Jahren schon angeboten und es gibt weltweit nur gute Ergebnisse. In Skandinavien hat sich zum Beispiel die Rate der Neuerkrankungen seit Bestehen der Impfung halbiert. Geimpft werden sollen Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren und möglichst bevor sie ihren ersten Geschlechtsverkehr hatten, da die Viren beim Geschlechtsverkehr übertragen werden können.

Ich bin am Gebärmutterhalskrebs operiert worden und soll jetzt noch bestrahlt werden. Welches sind die Vorzüge der neuen Operation? Und kann man mich noch nachoperieren, um eine Bestrahlung zu vermeiden?

Dimpfl: Der größte Vorteil dieser neuen Operationsmethode besteht darin, dass zum einen die Rezidivraten (Wiedererkrankungsraten) wesentlich niedriger sind und damit die Überlebenschancen der Patientinnen deutlich besser sind als mit den herkömmlichen Techniken.

Zum anderen werden die Nerven von Blase und Darm geschont, so dass sich auch hier deutlich geringere Folgeschäden ergeben. Vor allem aber müssen die Patientinnen nicht mehr nachbestrahlt werden, was die langfristige Lebensqualität enorm verbessert.

Vermutlich kann man bei Ihnen nicht nachoperieren, weil die Gewebestrukturen, in denen sich der Krebs ausgebreitet hat, durch die erste Operation nun nicht mehr klar darstellbar sind.

Im Rahmen der Krebsvorsorge hatte ich einen auffälligen Abstrich. Wie geht es nun weiter?

Dimpfl: Zunächst sollte eine Gewebeprobe entnommen werden, um Zellen im Verband zu erhalten. Handelt es sich nur um eine Krebsvorstufe, ist zum Beispiel eine Konisation ausreichend. Danach haben Sie auch kein größeres Risiko, an Krebs zu erkranken. Werden bei der Gewebeprobe tatsächlich Krebszellen entdeckt, ist eine Operation nötig. Die neue Technik erhält dabei die Funktion von Darm, Blase und Scheide.

Nur bei einem sehr ausgeprägten Krebs ist noch eine Chemotherapie nötig. Angestrebt wird aber nur die reine Operation ohne weitere belastende Nachbehandlungen.

Ich bin vor längerem am Gebärmutterhalskrebs operiert worden und gehe seitdem regelmäßig zur Vorsorge. Jetzt hat der Abstrich wieder einen erhöhten Befund gezeigt. Muss ich gleich wieder operiert werden?

Dimpfl: Nein. Zunächst sollte der Arzt Östrogen in Ihre Scheide geben, damit das Gewebe besser durchblutet wird. Dann kann er noch einmal einen Abstrich nehmen.

Sollte da noch die geringste Auffälligkeit sein, müsste eine Gewebeprobe entnommen werden. Von deren Diagnose hängt die weitere Vorgehensweise ab.

Von Susanne Seidenfaden

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