Die Gefahr lauert auf jeder Wiese

+
Eines der wenigen charakteristischen Symptome einer Borreliose ist die so genannte Wanderröte. Diese ringförmige Hautrötung kann einige Tage bis Wochen nach einem Zeckenstich auftreten.

Beim Stichwort Zecken denken die meisten Menschen an FSME, die Frühsommer-Meningoenzephalitis, eine Entzündung von Gehirn und Hirnhaut. Doch kaum einer kennt die Borreliose, die viel häufiger von Zecken übertragen wird.

Wir sprachen mit dem Korbacher Facharzt für Allgemeinmediziner Joachim Kühlwein und beantworten hier wichtige Fragen zu diesem Thema.

Zecken können zwei Krankheiten übertragen, was ist der Unterschied?

Die FSME ist eine Virusinfektion, gegen die man sich impfen lassen kann. Die Borreliose wird von Bakterien verursacht, man kann sich also nicht dagegen impfen lassen.

Bei der FSME gibt es bestimmte Risikogebiete, in denen einen Infektion droht. Wie ist das bei der Borreliose?

Dort gibt es keine Risikogebiete, Borrelien kommen deutschlandweit vor. Zehn bis 50 Prozent der Zecken sind mit Borrelien infiziert.

Wie erfolgt die Infektion des Menschen?

Die Borrelien werden in das menschliche Blut übertragen, wenn die Zecke zubeißt, allerdings nicht bei jedem Biss werden die Bakterien übertragen. Grundsätzlich steigt die Gefahr einer Infektion, je länger die Zecke im menschlichen Körper steckt und sich mit Blut vollsaugt. Jedes Jahr erkranken in Deutschland 170 000 Menschen an Borreliose.

Oft wird vor Zecken im Zusammenhang mit Waldspaziergängen gewarnt. Lauern die Zecken nur dort?

Nein, sie kommen überall dort vor, wo es Gras gibt. Also auch im heimischen Garten. Früher wurde erzählt, Zecken ließen sich von den Bäumen herabfallen. Das stimmt nicht. Sie sitzen im Gras und werden im Vorbeigehen abgestriffen.

Wie erkennt man eine Borrelien-Infektion?

Die Diagnose ist sehr schwierig, da die Krankheit sehr unterschiedlich verläuft. Es gibt Fälle, in denen sie ohne Symptome ausheilt, aber auch schwere Verläufe, in denen die Patienten dauerhaft arbeitsunfähig werden. Der Erreger selbst lässt sich auch nur schwer nachweisen, da er sich in den menschlichen Zellen versteckt. Der Nachweis einer Infektion kann in der Regel nur über einen Bluttest erfolgen, wenn dabei Antikörper festgestellt werden. Damit lässt sich aber nicht die Schwere der Erkrankung feststellen.

Gibt es eine Untersuchung, mit der man das kann?

Ja, den so genannte Lymphozyten-Transformationstest. Dieser lässt Rückschlüsse auf die Intensität der Krankheit zu. Allerdings wird der etwa 200 Euro teurer Test nicht von den Krankenkassen bezahlt.

Welche Krankheitsverläufe gibt es?

Man unterscheidet drei Stadien:

• Stadium 1: Zwei bis vier Wochen nach dem Zeckenbiss zeigt sich rund um die Bissstelle eine meist ringförmige Rötung, oft begleitet mit Fieber. Diese Symptome gibt es aber nur in etwa 50 Prozent der Fälle.

• Stadium 2: Typischerweise treten Gelenk- und Muselschmerzen auf, der Patient leidet unter Fieberschüben, Müdigkeit und Abgeschlagenheit.

• Stadium 3: Bei der chronischen Borreliose wird das Nervensystem befallen. Es treten Lähmungen und Gefühlsstörungen am ganzen Körper auf, die Patienten leiden unter Nervenschmerzen sowie Seh- und Konzentrationsstörungen.

Wie wird eine Borreliose behandelt?

Das kommt auf die Schwere der Erkrankung an. Im Frühstadium erhält der Patient drei Wochen lang ein Antibiotikum. Die Heilungschance liegt bei bis zu 80 Prozent. Je länger die Borreliose schon besteht, desto schwieriger wird die Behandlung. Sie muss dann individuell auf den Patienten abgestimmt sein, beinhaltet aber auch die Einnahme von Antibiotika.

Was kann ich tun, um eine Infektion zu verhindern?

Lange Kleidung kann helfen, viel wichtiger ist aber, den Körper und die Kleidung nach dem Aufenthalt im Freien (oder auch währenddessen) gründlich nach Zecken abzusuchen. Wichtig ist, eine Zecke, die zugebissen hat, möglichst schnell zu entfernen. Sitz sie weniger als acht Stunden im Körper, ist eine Infektion relativ unwahrscheinlich.

Wie soll man eine Zecke entfernen?

Auf keinen Fall sollte man Kleber oder ähnliches auf die Zecke geben. Dann „erbricht“ sich die Zecke und schüttet Erreger ins Blut aus. Zecken sollte man mit einer speziellen Zeckenzange oder Zeckenkarte (gibt es in der Apotheke) entfernen. Ob man sie rausdreht oder rauszieht ist im Prinzip egal, meist ist das Drehen einfacher. Wenn das Beißwerkzeug in der Haut stecken bleibt, ist das nicht so schlimm. Wichtig ist, den Körper der Zecke nicht zu zerquetschen. Anschließend kann man noch eine antiseptische Salbe (Jodsalbe) auf die Bissstelle geben.

Gibt es sonst noch etwas zu beachten?

Ja, man sollte die Bissstelle in den nächsten Wochen beobachten, ob sich die kreisrunde Rötung zeigt. In diesem Fall sollte man zum Arzt gehen. Zu überlegen sei auch, ob man den Arzt Zecken entfernen lässt, die sich schon über eine längere Zeit vollgesogen haben (sie werden dann bis zu achtmal größer als normal). Der Arzt könnte die Zecke dann auf eine Borrelien-Infektion untersuchen lassen, um zu entscheiden, ob der Mensch behandelt werden sollte – das zahlt die Krankenkasse aber nicht.

Was können Patienten noch tun?

Sie sollten sich umfassend über die Borreliose informieren, um selbstbewusst bei der Therapie mitentscheiden zu können. Denn vielfach sei die Borreliose auch bei Ärzten noch unbekannt oder werde nicht so ernst genommen.

Wo kann ich mich informieren?

In Waldeck-Frankenberg gibt es eine Selbsthilfegruppe. Kontakt: Irene Voget-Schmiz, 05691/ 2164. Informieren kann man sich auch im Internet, zum Beispiel auf diesen Seiten www.zeckenbiss-borreliose.de und www.bfbd.de/de/bund/

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.