Gesundheitsstudie

So krank sind die Deutschen

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München - Sie treiben mehr Sport, rauchen weniger, müssen seltener zum Arzt: Immer mehr Deutsche fühlen sich gesundheitlich nach einer neuen Studie gut – aber längst nicht alle. Und der Wohlstand, er macht auch krank.

Die gute Nachricht zuerst: Die Deutschen fühlen sich gesünder als noch vor zehn Jahren. Selbst im Alter sind viele fit. Dies ist ein Ergebnis der aktuellen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS). Sie zeigt auch: Wie gesund sich die Menschen fühlen, hängt offenbar stark von Bildung, Beruf und Verdienst ab. Je schlechter die soziale Lage, desto schlechter der Gesundheitszustand. Und die großen Probleme des neuen Jahrtausends heißen Zuckerkrankheit, Fettleibigkeit, Stress und Depressionen.

7 Prozent der Männer erleiden im Leben einen Herzinfarkt

Jeder dritte Deutsche steht unter zu hohem Druck. Bei mehr als 30 Prozent stellte die DEGS-Studie Blutdruck-Werte oberhalb von 140/80 mmHg fest. Diagnose: Hypertonie, krankhafter Bluthochdruck. Der ist gefährlich. Das Risiko, dass sich in den Arterien Ablagerungen bilden, steigt. Gefürchtete Folgen sind Herzinfarkt und Schlaganfall. Diese treffen noch immer so viele Deutsche wie vor zehn Jahren. So erleiden drei Prozent aller 40- bis 79-Jährigen einen Schlaganfall, fast fünf Prozent einen Herzinfarkt – jeder Zwanzigste.

Die Studie bestätigt zudem ein Vorurteil. Demnach ist ein Herzschlag vor allem Männersache. 2,5 Prozent der Frauen erleiden in ihrem Leben einen Herzinfarkt. Bei den Männern sind es 7 Prozent. Eine gute Nachricht: Immer mehr Menschen, die einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erleiden, überleben das. Ein Preis dafür ist aber die steigende Zahl der Patienten mit Herzschwäche.

Auch in Sachen gesunder Ernährung haben die Deutschen das Klassenziel weit verfehlt: Fünf Portionen Obst oder Gemüse pro Tag, wie von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen – das schaffen magere 15 Prozent der Frauen und nicht mal halb so viele Männer (7 Prozent). Frauen verzehren immerhin 3,1 Portionen, Männer bringen es auf schlappe 2,4. Die Erkenntnis, dass gesunde Kost wichtig ist, muss offenbar erst reifen: So kommt bei den 60- bis 69-Jährigen mehr Grünzeug auf den Teller. Bei einem Viertel der Männer und knapp 40 Prozent der Frauen sind es täglich drei Portionen und mehr.

67 Prozent der Männer haben Übergewicht

Die Waage bleibt der größte Feind vieler Deutscher. Und weil gerade beim Gewicht gern geschummelt wird, haben die Studienmacher selbst nachgemessen und dann für jeden Teilnehmer den Body-Mass-Index (BMI) errechnet. Das Ergebnis: Zwar hat sich der Anteil der übergewichtigen Erwachsenen (BMI ab 25) seit Ende der 1990er-Jahre nicht verändert. Auch heute bringen 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen zu viele Pfunde auf die Waage. Das Problem wird dennoch immer gewichtiger. Insgesamt sind die dicken Deutschen nämlich noch dicker geworden – und jünger. So ist der Anteil der extrem Fettleibigen, der Adipösen (BMI ab 30), gewachsen. Besonders stark haben die Männer zugelegt. Bei beiden Geschlechtern wachsen die Fettpolster mit den Jahren weiter an. Männer sagen dem Waschbrettbauch mit etwa 30 Jahren ade. So steigt der Anteil der Übergewichtigen von 35 Prozent bei den Unter-29-Jährigen auf satte 62 Prozent bei den 30- bis 39-Jährigen.

Mediziner warnen schon lange vor einer Epidemie. Die DEGS-Studie zeigt: Sie ist schon in vollem Gange. Immer mehr Menschen leiden an Diabetes, der Zuckerkrankheit – und damit an den gefürchteten Folgen wie Arterienverkalkung, schwer heilenden Wunden und sogar Erblinden. 4,6 Millionen Deutsche von 18 bis 79 Jahren wissen, dass ihr Blutzuckerspiegel zu hoch ist. Hinzu kommen wohl eine Million, bei denen die Krankheit noch unerkannt ist. Die Zahl der Diabetiker ist demnach seit zehn Jahren um fast 40 Prozent gestiegen. Eine Ursache : Die Deutschen werden immer älter. Doch spielt auch Übergewicht eine wichtige Rolle – und hier haben eben viele Deutsche ein echt dickes Problem.

Die seltensten Krankheiten der Welt

Seltene Krankheiten werden von Ärzten oft erst zu spät erkannt. Die meisten Patienten haben eine regelrechte Odyssee hinter sich, bis irgendwann ein Arzt die Krankheit diagnostiziert. Als selten gilt eine Krankheit, die bei weniger als 5 von 10 000 Menschen auftritt. Über die Schwierigkeiten bei deren Diagnose haben sich am Freitag in Hannover mehr als 100 Ärzte, Selbsthilfegruppen, Forscher und Patienten ausgetauscht. Am 28. Februar ist der Europäische Tag der seltenen Krankheiten. Er wird von der der europäischen Organisation für seltene Krankheiten (EURORDIS) organisiert. © dpa
Syringomyelie: Ein schöner Rücken kann entzücken, ein Rücken mit einem Hohlraum in der Wirbelsäule aber ist eine seltene Krankheit - die Syringomyelie. Manchmal ist eine Entwicklungsstörung die Ursache, manchmal auch ein Tumor, eine Verletzung oder eine Entzündung. Der Holraum füllt sich mit Flüssigkeit, die nach und nach das Rückenmark verdrängt. © dpa
Dancing Eyes Syndrom: Die sehr seltene Krankheit wird meist bei Kindern zwischen 1 bis 3 Jahren diagnostiziert. Ihre Augen zucken hin und her, aber auch Arme und Beine bewegen sich ruckartig. Und über Wochen und Monate sind die Kinder oft sehr leicht irritierbar. Wenn die Kinder älter werden, werden die Symptome weniger. Es ist nicht genau klar, wie es dazu kommt. Einige Mediziner nehmen an, dass der Körper Tumorzellen bekämpfen will. Doch er greift gleichzeitig auch gesunde Gehirnzellen an - daher die Zuckungen. © dpa
Progeria adultorum: Der lateinische Begriff besagt, dass ein Mensch viel zu früh und viel zu schnell altert. Die Patienten sind oft erst dreißig, doch plötzlich ergrauen die Haare, die Haut wird faltig. Auch im Geiste werden sie schnell älter. Viele Erkrankte sterben, wenn sie kaum 50 Jahre alt sind. © dpa
Das Kabuki-Syndrom: Die Dame auf unserem Bild ist nur wie eine japanische Kabuki-Schauspielerin geschminkt. Kinder, die unter dem Kabuki-Syndrom leiden, haben aber sehr ähnliche Gesichtszüge. Dazu gehören zum Beispiel große Augen, lange und dicke Wimpern und die Augenbrauen sind sehr bogig. Die Nasenspitze ist bei ihnen zudem oft eingedrückt und die Ohren stehen hervor. Auch die Motorik der Kinder ist eingeschränkt. Geistig sind die Kinder oft mild bis mäßig behindert. © dpa
Das Kleeblattschädel-Syndrom ist eine sehr seltene Fehlbildung des Kopfes. Der Schädel hat, von vorne betrachtet, die Form eines Dreiblättrigen Kleeblatts. Nur 120 Fälle wurden bis 2005 beschrieben. Die meisten Patienten leben nicht lange. Die Fehlbildungen lassen sich jedoch chirurgisch beheben. © dpa
Myiasis: Manche Fliegen, wie die Tumbu- oder Dasselfliege legen ihre Eier gerne in offene Wunden. Deswegen heißt die Myiasis auch Fliegenmaden-Krankheit. Sie tritt vor allem in tropischen oder subtropischen Gegenden auf. Die Larven verteilen sich dann unter der Haut und wandern durch den Körper. Die wichtigste Vorbeugung: Hygiene und wunden gut abdecken. © dpa
Sklerodermie: Bei dieser "entzündlichen rheumatischen Erkrankung" erhärtet sich das Kollagen, ein wichtiger Bestandteil des Bindegewebes. In manchen Fällen nur in der Haut, in manchen Fällen dringt die Sklerodermie aber auch ins Gefäßsystem und die inneren Organe vor. Die Folge können gravierende Funktionsstörungen sein. Das Gesicht wird starr, und die Haut bekommt ein sehr ledriges Aussehen. Auf unserem Foto hat sich eine junge Frau aus Bayern, die an Sklerodermie leidet, ihr Gesicht von Kosmetik-Spezialisten zumindest äußerlich in den Zustand vor der Krankheit zurückversetzen lassen. © dpa
Das Mittelmeerfleckfieber wird durch die braune Hundezecke übetragen, die auch in der Schweiz vorkommt. Nach etwa einer Woche Inkubationszeit bricht das Fieber aus. An der Stelle des Bisses bildet sich in etwa zwei Dritteln der Fälle ein schwarz-rotes Geschwür, die Patienten bekommen Fieber, leiden unter Kopf- und Gliederschmerzen und teilweise auch unter Übelkeit und Erbrechen. Ein rötlicher Ausschlag kann sich bis auf das Gesicht, die Hände und die Füße ausbreiten. Wird der Patient nicht behandelt, zieht sich das Fieber meist innerhalb von zwei Wochen wieder zurück. © dpa
Alien Hand Syndrom: Per Definition ist dies keine seltene Krankheit, auch wenn sie bisher nur sehr selten von Ärzten beschrieben wurde. Einfach erklärt bedeutet diese Krankheit, dass die eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Sie tritt zum Beispiel nach Schlaganfällen auf, aber die genauen Ursachen sind nicht bekannt. Eine Hand hat keinen Kontakt mehr zur anderen - und zur entsprechenden Hirnhälfte. Die Patienten denken, die fremde Hand ist nicht ihre eigene. Sie entwickelt ein Eigenleben und kann im schlimmsten Fall sogar versuchen, den Patienten zu erwürgen. Und beidhändig Klavierspielen wird mit dieser Krankheit fast unmöglich. © dpa
Nicht ganz selten, aber übel: Der Candirú-Fisch lebt in tropischen Flüssen wie dem Amazonas oder dem Orinoco - und schimmt auch gerne mal in schwimmende Menschen hinein. Das fast durchsichtige Tierchen passt durch den Harnleiter, aber auch durch den Anus und sucht sich den Weg in die Blase. Dort beißt es sich fest, und vor allem die kleinen Wiederhaken am Kopf sorgen für Schmerzen. Er verursacht Blutungen und kann nur durch eine Operation wieder herausbefördert werden. © dpa
Café-au-Lait-Flecken: Teils über den ganzen Körper sind hell- bis dunkelbraune Flecken verteilt. Von einer wirklichen Krankheit sprechen Mediziner nicht, da die Hautveränderung gutartig ist. © dpa

Die Deutschen sind ausgesprochen trinkfreudig – auch das zeigt die DEGS-Studie. Demnach gilt der Alkoholkonsum bei jeder vierten Frau und bei zwei von fünf Männern als riskant. Sie nehmen pro Tag 20 bis 24 Gramm reinen Alkohol zu sich. Damit erhöhen sie langfristig ihr Risiko für Lebererkrankungen, Krebs und natürlich einer Abhängigkeit. Trinkfest geben sich dabei vor allem die Jüngeren – und übertreiben es dabei auch gern: So trinken sich 48 Prozent der 18- bis 29-Jährigen mindestens einmal pro Monat in den Rausch, Männer drei Mal so oft wie Frauen.

Eine gute Nachricht gibt es dagegen beim Rauchen: Die Deutschen greifen nicht mehr so oft zur Zigarette – auch wenn immer noch 24 Prozent angeben, täglich zu rauchen. Vor allem die Jüngeren greifen zum Glimmstängel, Männer noch immer etwas öfter als Frauen. Ein Problem sind Zigaretten vor allem in niedrigen sozialen Schichten: In dieser Gruppe gibt es etwa doppelt so viele Raucher.

16 Prozent der jungen Frauen sind im Dauerstress

Stress ist ungesund: Der Schlaf leidet, das Gedächtnis streikt, die Immunabwehr schwächelt. Auch psychische Krankheiten nehmen zu. Und die DEGS-Studie zeigt: Der Krankmacher plagt immer mehr Deutsche. Etwa jeder Zehnte fühlt sich stark und ständig unter Stress. Öfter betroffen sind auch hier sozial Schwächere. Besonders stark unter Druck sind junge Frauen. 16 Prozent der Unter-29-Jährigen haben ständig Stress. Mit zunehmenden Jahren nehmen beide Geschlechter das Leben etwas gelassener. Insgesamt fühlen sich Frauen aber deutlich belasteter als Männer. Ein möglicher Grund ist die Doppelbelastung der Frauen durch Familie und Beruf. Die Studie belegt zudem erneut: Wer sich gestresst fühlt, ist auch öfter depressiv, hat einen gestörten Schlaf oder ist krankhaft ausgebrannt. Besonders oft betroffen sind junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren: Fast jeder Zehnte gab bei der Befragung depressive Beschwerden an.

42 Prozent der Frauen zwischen 30 und 39 haben eine Allergie

Frauen leiden öfter daran als Männer, Städter eher als Menschen auf dem Land – und noch immer trifft es mehr Deutsche aus den alten Bundesländern: Insgesamt ist die Zahl der Allergiker seit den 1990er-Jahren etwas gesunken. An Heuschnupfen leiden aber noch immer so viele, jeder Siebte ist betroffen. Die Zahl der Asthmatiker ist deutlich gestiegen – von sechs auf neun Prozent. Insgesamt wird bei Frauen deutlich öfter eine Allergie festgestellt: Mehr als jede Dritte bekommt im Laufe ihres Lebens eine solche Diagnose, im Alter zwischen 30 und 39 sind es sogar mehr als 40 Prozent. Bei Männern sind knapp ein Viertel Allergiker.

Sport treiben ist nicht nur was für Junge: Das haben die Deutschen erkannt. So ist die Zahl der Menschen, die auf körperliche Aktivität achten, in allen Altersgruppen gestiegen. Ein Drittel der Studienteilnehmer gab an, dass ihnen Bewegung sehr wichtig ist. Etwa 29 Prozent der Männer und knapp 22 Prozent der Frauen raffen sich tatsächlich dazu auf, wenigstens zwei Stunden pro Woche Sport zu treiben. Bei der letzten Untersuchung waren es mit rund 23 Prozent der Männer und etwa 15 Prozent der Frauen deutlich weniger. Dabei sind es offenbar vor allem die Älteren, die ihre guten Vorsätze auch umsetzen. So hat sich der Anteil der 70- bis 79-Jährigen, die mindestens eine Stunde pro Woche Sport treiben, mehr als verdoppelt: Waren es 1998 noch weniger als 20 Prozent, sind es heute mehr als 40.

Dennoch bewegen sich die Deutschen immer noch viel zu wenig. Nicht einmal ein Viertel schafft es, zweieinhalb Stunden oder mehr pro Woche körperlisch aktiv zu werden – so wie man das bei der Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt. Jeder Dritte ist sogar ein absoluter Sportmuffel.

von Sonja Gibis und Andrea Eppner

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