Grausames Feuerwerk im Kopf

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Wie ein grausames Feuerwerk, das im Kopf ausbricht und für Schmerzen, Schwindel, Übelkeit und Sehstörungen sorgt, beschreiben Betroffene eine Migräneattacke.

In Deutschland treten laut Schätzung der Fachgesellschaften rund 350000 Migräneattacken pro Tag auf

Etwa sechs bis acht Millionen Deutsche leiden unter Migräne. Frauen sind bei diesem Krankheitsbild jedoch dreimal häufiger betroffen als Männer.

Ein Migräneanfall ist wie ein Feuerwerk im Kopf und durch einseitig auftretende starke, pulsierende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet. Fast immer kommen Begleiterscheinungen wie Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Erbrechen hinzu. Bei manchen Betroffenen kündigt sich ein Anfall durch Vorboten, die so genannte Aura, an. Das sind Wahrnehmungsstörungen, die häufig durch Sehstörungen gekennzeichnet sind. Immer wieder berichten Betroffene aber auch von beidseitigem Kopfschmerz, der als Migräne klassifiziert wird.

Bei Kindern äußert sich eine Migräneattacke oftmals nur durch Bauchschmerzen und Erbrechen, die Kopfschmerzen fallen völlig weg. Bei 243 bekannten Kopfschmerzarten ist eine sorgfältige Untersuchung zur Diagnosestellung der Migräne unumgänglich. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DKMG) schätzt, dass allein in Deutschland bis zu 350000 Migräneanfälle pro Tag auftreten.

Auf diese Prävalenz der Krankheit und die ständig steigende Nachfrage nach Schmerztherapien bei Kopfschmerzen und Migräne reagiert das Rote Kreuz Krankenhaus Kassel Mitte Mai mit der Eröffnung des Kopfschmerzzentrums Nordhessen, das mit einem fächerübergreifenden Ansatz eine umfassenden Diagnosestellung und gezielte Therapie gewährleisten kann.

Fragen zur Behandlung der Migräne beantwortete Dr. Andreas Böger, Leiter des Regionalen Schmerzzentrums DGS und Chefarzt der Schmerklinik am Rot Kreuz Krankenhaus in Kassel, in der HNA-Telefonsprechstunde.

Mein Sohn ist 13 Jahre alt und hat seit frühester Kindheit Migräne. Jetzt kommen die Attacken aber häufiger. Wir waren schon oft beim Kinderarzt deswegen, haben ihn von Augen- und Ohrenärzten untersuchen und sogar eine Kernspintomographie machen lassen. Aber bislang konnte unserem Sohn noch niemand helfen. Der Kinderarzt hat gesagt, er dürfe ihm keine Triptane verschreiben. Was können wir noch tun?

Böger: Triptane, also spezielle Wirkstoffe gegen Migräne, sind nur zur Behandlung von Erwachsenen zugelassen. Bei Kindern und Jugendlichen reicht oft eine komplette Abschirmung, sobald sich eine Attacke bemerkbar macht. Ihr Sohn sollte sich dann in einen abgedunkelten, ruhigen Raum legen und schlafen. Meist ist der Schmerz nach dem Aufwachen verschwunden. Als Basistherapie können Ibuprofen in Einzeldosen von 10 bis 15 mg/kg oder Paracetamol 35 bis 45 mg/kg helfen.Vorbeugend sollte Ihr Kind einen geregelten Schlaf-Wachrhythmus einhalten. Also immer zur gleichen Zeit ins Bett und zur gleichen morgens aufstehen - auch am Wochenende. Eine Tasse Kaffee am Morgen reduziert dann noch die Gefahr eines Anfalls. Sollten diese Tipps nicht helfen, würde ich Ihnen empfehlen, das Kind bei einem Neurologen oder Schmerztherapeuten vorzustellen.

Ich bin 65 Jahre alt und leide seit meiner Pubertät unter Migräne. Die Migräne kommt nachts, so dass ich nicht rechtzeitig entgegenwirken kann. Wenn ich dann aufwache, habe ich schlimmste Kopfschmerzen. Ich nehme mittlerweile fast jeden Tag Schmerzmittel dagegen. Neuerdings habe ich öfters auch Nasenbluten in Kombination mit der Migräne.

Böger: Bei der Kombination von Nasenbluten und Kopfschmerzen ist oft ein Bluthochdruck die Ursache. Da Sie auch sehr häufig Schmerztabletten nehmen, liegt bei Ihnen mit ziemlicher Sicherheit ein Medikamentenüberdosierungskopfschmerz vor. Sie sollten Ihren Arzt unbedingt bitten, eine genaue Diagnostik zu veranlassen, denn Ihre Kopfschmerzen können verschiedene Ursachen haben, die man vor der Behandlung zunächst feststellen muss.

Ich habe seit meiner Kindheit Migräne und war auch schon in einem Schmerzzentrum zur Behandlung. Seitdem ich über 60 bin, werden die Attacken weniger. Ich nehme dann ein Triptan, das meistens wirkt. Manchmal kommt am nächsten Tag aber noch ein Anfall hinterher. Was kann ich noch tun, damit diese Migräne ganz wegbleibt?

Böger: Sie sollten Ihre Medikation auf ein länger wirksames Triptan umstellen lassen, so dass der Anfall nicht am nächsten Tag wiederkommt. Eventuell können Sie auch mit der zusätzlichen Einnahme von Ibuprofen retard oder Naproxen die Wirkdauer verlängern. Ausdauersport reduziert ebenfalls die Häufigkeit der Attacken. Halten Sie einen regelmäßigen Schlaf-Wachrhythmus ein und trinken Sie keinen Alkohol. Es gibt spezielle Nahrungsergänzungszusätze, die unter anderem Magnesium und Q10 enthalten und sich als wirksam erwiesen haben. Fragen Sie dazu am besten Ihren Arzt.

Als nicht-medikamentöse Therapie hat sich auch die Akupunktur bewährt. Auch progressive Muskelentspannung hilft, wenn man sie täglich, möglichst zur gleichen Zeit, anwendet.

Ich habe gehört, dass die Injektion von Botox bei Migräne hilft?

Böger: Ja, die Krankenkassen haben diese Therapie anerkannt, wenn sie durch einen schmerztherapeutisch erfahrenen Neurologen angewendet wird. Sie ist allerdings nur bei chronischer Migräne nach der 0-8-15-Regel zugelassen. Das bedeutet: Es darf keine Medikamentenüberdosierung vorliegen, es müssen mindestens 15 Kopfschmerzattacken im Monat vorkommen, von denen mindestens acht der Migräne zuzuordnen sind. Das Botox wird in sehr geringer Dosierung in die Stirn- und Kopfhaut injiziert. Die Wirkung ist gut und hält rund drei Monate an.

Von Susanne Seidenfaden

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