Was aber verbirgt sich hinter dem Heilberuf?

Heilung oder Humbug: Bei diesen Beschwerden kann ein Osteopath helfen

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Eltern suchen vermehrt Rat bei Osteopathen: Unser Bild zeigt ein Baby bei einer osteopathischen Behandlung. 

Bringt Osteopathie etwas? Der Beruf ist bis heute nicht offiziell anerkannt. Trotzdem suchen immer mehr Eltern für ihre Babys nach einer solchen Behandlungsmethode.

Osteopathie ist also durchaus weiter auf dem Vormarsch. Laut der Bundesvertretung der Osteopathen in Deutschland (VOD) sind jährlich mehr als fünf Millionen Menschen in osteopathischer Behandlung. Was aber verbirgt sich hinter dem Heilberuf? Fragen und Antworten zum Thema:

Die Osteopathie ist eine Heilkunde, bei der Osteopathen Patienten mit den Händen behandeln. Sie untersuchen das Gewebe des ganzen Körpers, um mögliche Bewegungseinschränkungen aufzuspüren. Die Osteopathie wurde ursprünglich von dem amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still (1828-1917) gegründet; in Deutschland fand sie erst im Laufe der 1980er-Jahren Verbreitung. Still war der Überzeugung, dass der Mensch alle Möglichkeiten der Gesundung in sich selbst trägt. Voraussetzung dafür seien eine gute Beweglichkeit und Dynamik in allen Körperbereichen.

Im Fokus steht zunächst die Krankengeschichte des Patienten: bisherige Krankheiten, Operationen, Unfälle, Ernährungsgewohnheiten oder mögliche Komplikationen bei der Geburt. Vor allem werden Gewebe mit veränderter Beweglichkeit oder Spannung ertastet. Ziel der osteopathischen Behandlung ist es, die Beweglichkeit dieser Strukturen zu verbessern und deren Funktion zu normalisieren.

Oft suchen frischgebackene Eltern Rat beim Osteopathen. „Meist geht es um die Themen Essen, Trinken, Schlafen“, sagt Christina Recknagel, D. O., seit 2004 anerkannte Osteopathin mit Sitz in Ahnatal bei Kassel. Das bestätigt eine Umfrage der Akademie für Osteopathie aus 2017 unter 80 Osteopathen. Beim Nachwuchs geht es vorrangig um folgende Störungen: Säuglingsasymmetrien, abgeflachter Hinterkopf (Plagiozephalie), Fütterstörungen, Schreibabys und Schlafstörungen.

Das lässt sich nicht einfach beantworten. Osteopathen dürfen nicht etwa damit werben, beispielsweise bei Skoliose, Hüftdysplasie oder Mittelohrentzündung helfen zu können. Die derzeitige Rechtsprechung verbietet ihnen eine Auflistung möglicher Anwendungsgebiete. „Dieser richterlichen Auffassung nach käme sie einem Heilversprechen gleich, was ich weder geben will noch kann“, sagt Christina Recknagel.

Oteopathie beim Baby

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

„Die Osteopathie ist bei den Kinderärzten in Stadt und Kreis Kassel ein umstrittenes Thema“, sagt Thomas Lenz, Obmann der nordhessischen Kinderärzte. Dies sei vor allem der Tatsache geschuldet, dass es bislang nur wenige Studien gebe, die die Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen empirisch untersucht haben. 

Er selbst habe gute Erfahrungen gemacht und sehe die Osteopathie als Erweiterung der therapeutischen Möglichkeiten. „Es gibt gewisse Störungsbilder, die man schulmedizinisch nicht greifen kann. Die Alternativmedizin kann da Erfolge aufweisen“, sagt der Kinderarzt.

Tatsächlich gibt es bisher nur ansatzweise wissenschaftlich Studien, die die klinische Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen untersucht haben. Zusammen mit dem deutschen Institut für Gesundheitsforschung (DIG) führt die Akademie für Osteopathie (AFO) derzeit eine Studie zur Behandlung von Säuglingen im ersten Lebensjahr durch. Mehr als 150 Osteopathen mit 1400 Kindern nehmen daran teil. Ihr Ziel: Möglichst repräsentative Zahlen für Deutschland zu generieren, inwieweit die Erwartungen der Eltern erfüllt werden.

Nein. Darum kämpft der 1994 gegründete Verband der Osteopathen Deutschland (VOD). Weder der Beruf des Osteopathen noch dessen Ausbildung sind in Deutschland staatlich geregelt. Die Osteopathie gilt als Medizin beziehungsweise Heilkunde und darf daher nur von Ärzten oder Heilpraktikern ausgeübt werden – allerdings auch ohne osteopathische Weiterbildung.

Genau. „Wir hängen in Deutschland in der Luft“, sagt Christina Recknagel. Eine solide osteopathische Ausbildung dauere fünf Jahre, weiß Recknagel, die vormals als Physiotherapeutin gearbeitet und auch eine Heilpraktiker-Prüfung abgelegt hat. 1600 Stunden hat sie in ihre Ausbildung zur Osteopathin investiert und zudem eine Weiterbildung in Kinderosteopathie absolviert. „Trotzdem stehe ich im Wettstreit mit Anbietern, die einen Osteopathie-Wochenendkurs gemacht haben.“ Für Patienten sei das fehlende Berufsgesetz irreführend.

Kinderarzt Thomas Lenz und Osteopathin Christina Recknagel raten, die Ausbildung der Anbieter zu hinterfragen. Sowohl der Bundesverband Osteopathie als auch der Verband der Osteopathen (VOD) haben entsprechende Listen.

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