Dem Herbstblues davontanzen

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Die Tanzfläche als Therapieort: Depressiven Menschen hilft Musik und Bewegung – der Tanzsport verbindet beides. Mit einer Tanztherapie können selbst schwer Depressive die nötige Dosis Antidepressiva verringern.

Das Thermometer sinkt Richtung Nullpunkt – und mit ihm die Stimmung einiger Menschen: Wenn die Tage kürzer und die Sonnenstrahlen schwächer werden, gerät ihr Innenleben durcheinander. Diagnose: Saisonale Depression.

13 Prozent der Mitteleuropäer leiden unter einer leichten, vier Prozent unter einer schweren Winterdepression – das ergab eine Studie der Universität Wien. Abwärtsspirale Winterdepression, saisonal-affektive Störung, Novemberblues – wenn die Seele fröstelt hat das viele Namen und noch mehr Symptome.

Das Hauptsymptom: „Die Betroffenen fühlen sich meist traurig und innerlich leer“, sagt Dr. Michael Protte, Oberarzt in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Merxhausen. Oft verlieren sie den Antrieb im Alltag, das Interesse an ihren Mitmenschen, die normale Leistungsfähigkeit – und werden noch trauriger. „Eine Depression führt in eine Abwärtsspirale“, sagt Protte.

Ist ein seelische Tief saisonal bedingt? Häufig unterscheidet es sich von der „normalen“ Depression: „Wer saisonal depressiv ist, schläft mehr, hat mehr Appetit und Heißhunger auf Kohlenhydrate – ganz im Gegensatz zu Menschen, die unabhängig von der Jahreszeit an einer Depression leiden“, erklärt Protte. Dennoch gilt: Bleiben die Symptome länger als zwei Wochen, sollten Betroffene einen Facharzt konsultieren. Dieser entscheidet dann, ob eine Therapie erforderlich ist – und wenn ja, welche.

Sich selbst etwas Gutes tun kann dennoch jeder – Dr. Michael Protte verrät vier Tipps, die nicht nur saisonal depressiven Menschen den Weg aus dem saisonalen Stimmungstief weisen.

  1. Licht tanken: Sonnenstrahlen kitzeln das Gemüt. Im Winter ist die Sonne ein seltener Gast, ihre unsichtbaren UV-Strahlen sendet sie auch durch dicke Wolkendecken. „Die Strahlung setzt Botenstoffe frei, die die Stimmung aufhellen können“, erklärt Protte. Deshalb nichts wie raus aus den Innenräumen. Wer einer Depression vorbeugen will, sollte jede Chance zum Lichttanken nutzen: „Verbringen Sie ihre Mittagspause im Freien“, rät der Facharzt. Schon 30 bis 60 Minuten am Tageslicht hellen die Stimmung auf.
  2. Bewegung taut die Seele auf: Sport kostet Überwindung – gerade in der kalten Jahreszeit. Doch es lohnt sich, in den Trainingsanzug zu schlüpfen: „Wer sich bewegt, baut Stress ab und Glückshormone auf“, sagt Protte. Dazu bedarf es keinem Ausdauerlauf: Nordic Walking oder ein langer Spaziergang erzielen die gleiche Wirkung. Tanzen übrigens wirkt doppelt antidepressiv: „Der Patient bewegt sich - und die Musik bewegt etwas in ihm“, sagt Protte. Musik öffne das Tor zu den Emotionen, das bei depressiven Menschen oft geschlossen ist. Doch Vorsicht vor übermäßigem Trainig: „Sport sollte in Maßen getrieben werden“, sagt Protte, „wer es übertreibt, fühlt sich abgeschlagener als vorher“.
  3. Gemeinsam glücklich:  „Im Winter verbringen wir weniger Zeit mit Freunden“, sagt Dr. Protte. Auf dem Glückskonto macht sich dieses Minus schnell bemerkbar: Allein sein macht traurig – und wer traurig ist, bleibt noch öfter alleine. Eine Spirale, die ins soziale Abseits führt. „Es fängt damit an, dass Freunde den Betroffenen zum Treffen überreden müssen“, schildert Protte, „doch irgendwann sagen sie: Der hat sowieso nie Lust“. Wer es dazu kommen lässt, koppelt sich ab. Der Experte rät: „Nehmen Sie sich bewusst Zeit, um soziale Kontakte zu pflegen.“
  4. Kehrtwende im Alltagstrott: Warum tun wir dies, und lassen jenes? „Oft entscheiden wir uns nur aus Gewohnheit für bestimmte Aktivitäten“, sagt Dr. Michael Protte. Was tut mir gut – diese Frage stellt sich das Gros der Menschen zu selten. Doch nur wer seine Bedürfnisse wahrnimmt, wer in sich hineinhorcht und den Alltagstrott hinterfragt, kann sich selbst Freude schenken. (spi)

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