Gesetzliche Kassen zahlen kaum eine Therapie - Viele Patienten sind deshalb verunsichert

Hörsturz ist medizinischer Eilfall

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Wichtige Diagnostik: Zu den Untersuchungen nach einem Hörsturz gehören neben Tests mit dem Ohrmikroskop unter anderem auch Hörtests. Hier sitzt eine Patientin in einer schalldichten Untersuchungskabine einer HNO-Praxis. Die Ergebnisse sind auf dem Monitor zu sehen.

Hörsturzereignisse sind bei uns ein weitverbreitetes Krankheitsbild, das sich - ebenso wie Tinnitus - zu einer Zivilisationskrankheit zu entwickeln scheint.

Der plötzliche Hörverlust meist auf einem Ohr ist ein akutes und für den Betroffenen belastendes Ereignis. Viele Patienten sind zudem verunsichert, was sie in diesem Fall tun sollen und welche Behandlung angeraten ist. Das zeigen Anfragen unserer Leser immer wieder. Ein Grund für diese Verunsicherung: Seitdem im Jahr 2009 die Behandlungsleitlinien für dieses Krankheitsbild geändert wurden, zahlen die gesetzlichen Krankenkassen unter anderem die ambulanten Infusionen nicht mehr.

Diagnostik ist wichtig

Dr. Michael Deeg, Sprecher des Berufsverbandes der Hals-, Nasen-, Ohrenärzte, betont, dass es sich bei einem Hörsturz um einen medizinischen Eilfall handelt. So sollte man spätestens am zweiten oder dritten Tag nach Auftreten der Beschwerden einen HNO-Arzt aufsuchen, rät der Freiburger Facharzt. Vom Ergebnis einer gründlichen Hördiagnostik hänge dann die Therapie-Entscheidung ab.

Allgemein anerkannt sei derzeit eine Therapie mit Cortison-Tabletten. Bei geringeren Hörverlusten könne man ohne Weiteres solch eine orale Therapie versuchen, sagt Deeg. Wenn aber innerhalb weniger Tage keine Besserung eintritt - es gibt häufig Spon-tanheilungen - sei eine Infusionstherapie angezeigt. Dabei werde der Infusionslösung meist höher dosiertes Cortison beigegeben.

Ärzte in der Zwickmühle

Michael Deeg

Obwohl diese Therapie einen hohen Stellenwert habe, werden die Infusionen bei der ambulanten Behandlung von den gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr bezahlt. Der Grund: Die Kassen verweigerten zunehmend die Kostenübernahme bei der Behandlung eines Hörsturzes, weil die aktuellen Behandlungsverfahren nicht „Evidenz-basiert“, also deren Wirksamkeit nicht durch kontrollierte Studien eindeutig bewiesen sei. Deshalb befanden sich die Ärzte immer mehr in der Zwickmühle und seien sogar in Regress genommen worden, wenn sie für diese Behandlung das vorgegebene Budget von 12,41 Euro pro Patient und Quartal überschritten, erläutert Deeg. Also entschied sich der Berufsverband, diese Therapien außerhalb der gesetzlichen Leistungen anzubieten. Deeg schildert das Dilemma: „Kein einziges Verfahren zur Hörsturztherapie wird der geforderten Evidenzklasse gerecht.“

Behandlung früh beginnen

Und was heißt das für den Patienten? „Je länger man wartet, umso schwieriger wird die Behandlung“, mahnt der Facharzt. Gerade bei einem großen Leidensdruck des Patienten sei eine frühestmögliche Therapie zu empfehlen, in ausgewählten Fällen auch stationär im Krankenhaus.

Wenn der Patient auf diese Akutbehandlung nicht anspreche, stehe in vielen Fällen eine weitere Erfolg versprechende Behandlungsoption zur Verfügung: Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO). Eine Möglichkeit, auf die der behandelnde Arzt in jedem Fall hinweisen sollte, meint Deeg. Denn es gebe gute Belege dafür, dass die HBO in akuten Fällen gut hilft. Weil die Therapie aber aufwendig und teuer ist, sei die HBO aus den deutschen Behandlungsleitlinien genommen worden. In den europäischen sei sie aber noch drin. Die gesetzlichen Kassen zahlen auch diese Therapie meist nicht.

Hintergund Hörsturz

Plötzliche Innenohrschwerhörigkeit Ein Hörsturz ist eine ohne erkennbare Ursache plötzlich auftretende Innenohrschwerhörigkeit unterschiedlichen Schweregrades bis hin zur Ertaubung. Diese häufigste Funktionsstörung des Innenohrs kann sowohl den tiefen oder den mittleren bis hohen Frequenzbereich betreffen. Ein Großteil der Betroffenen leidet gleichzeitig oder auch als Folge unter Ohrgeräuschen (Tinnitus).

Häufig treten auch Druck- und Wattegefühle im Ohr und Schwindel auf. In Deutschland erleiden schätzungsweise 250 000 Menschen pro Jahr einen Hörsturz, die meisten im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Etwa 30 Prozent der Betroffenen erleiden Rückfälle. In etwa 25 Prozent der Fälle bleibt eine Hörminderung zurück, sogar bei der Hälfte aller Betroffenen bleibt ein Tinnitus als ungebetener Gast zurück. Als Ursache für einen Hörsturz werden Stoffwechselstörungen im Innenohr angenommen. Gründe hierfür können beispielsweise Virus-, Stoffwechsel oder Autoimmunerkrankungen sein sowie Stresssituationen und Erkrankungen der Halswirbelsäule, der Blutgefäße und des Blutes sowie des Ohres.

Infusionen

Ziel der Therapie eines Hörsturzes ist es in der Regel, die Durchblutung der empfindlichen und sehr feinen Innenohrgefäße zu verbessern. Deshalb werden in den meisten Fällen zunächst durchblutungsfördernde Medikamente als Infusionen gegeben. Häufig gibt der Arzt höher dosiertes Cortison hinzu, um mögliche Schwellungen zu behandeln. Meist werden die Infusionen an fünf bis sechs Tagen hintereinander verabreicht, mitunter auch über zehn Tage. Eine ambulante Infusionsbehandlung kostet für gesetzlich versicherte Patienten etwa zwischen 100 und 180 Euro. Sauerstofftherapie Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) kann nur in einer speziellen Druckkammer angewendet werden.

Dabei atmen Patienten in einer Druckkammer unter erhöhtem Umgebungsdruck reinen Sauerstoff ein. So löst sich um ein Vielfaches mehr Sauerstoff im Blut. Diese Behandlung wird von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel bei Krankheitsbildern wie Hörsturz und Tinnitus nicht bezahlt. Die Kosten sind je nach Aufwand unterschiedlich und belaufen sich pro Behandlungseinheit auf etwa 100 Euro, wobei häufig soziale Härten berücksichtigt werden. Druckkammerzentren gibt es u. a. in Kassel, in Wetzlar, Hannover und Frankfurt. Wenn andere gesundheitliche Probleme dahinterstecken könnten, sollten weitere Therapien dort ansetzen. So kann es beispielsweise nötig sein, die Halswirbelsäule zu behandeln, den Kreislauf zu stabilisieren oder Entspannungsmethoden zum Stressabbau zu erlernen. (hei)

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