Kiefergelenk aus den Fugen

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Schmerzen in Schulter und Nacken: Sie können auch Symptome für eine Kiefergelenk-Störung sein.

Ich leide seit Langem unter Hals- und Nackenverspannungen sowie Rückenschmerzen. Mein Arzt sagt, dass die eventuell mit dem Kiefergelenk zusammenhängen und hat von einer Craniomandibulären Dysfunktion gesprochen. Was ist das und warum kann es zu Nacken- und Rückenschmerzen führen?“, fragt eine Leserin aus Kaufungen.

Antworten hat Professor Hendrik Terheyden, Chefarzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie im Roten Kreuz Krankenhaus Kassel:

„Eine Craniomandibuläre Dysfunktion, kurz CMD, ist die lateinische Bezeichnung für eine gestörte Schädel-Kiefer-Funktion“, erklärt Terheyden. Cranium ist die Bezeichnung für Schädel, Mandibula für Unterkiefer, Dysfunktion für Fehlfunktion. Etwa ein Drittel aller Menschen erleidet in seinem Leben phasenweise oder langfristig eine CMD. Man beschreibt damit Kiefergelenk- und Kaumuskelbeschwerden, die häufig miteinander zusammenhängen. „Die Bewegungsführung des Unterkiefers ist sehr komplex, weil dieser von acht großen Kaumuskeln im Kiefergelenk geführt wird“, sagt Terheyden. Diese Komplexität sei höher als bei anderen Gelenken des Körpers und offenbar auch störanfälliger.

Gründe für Störungen können laut dem Kieferchirurgen etwa falsch stehende Zähne, Zähneknirschen oder Zwangshaltungen sein. Zu Zwangshaltungen gehört beispielsweise die typische Denkerpose, wenn beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt sind und das Kinn in den Handflächen ruht. Auch bei Musikern wie Violinisten, die die Violine zwischen Schultern und Kinn „einklemmen“, spricht man von einer Zwangshaltung.

Alle Steuerfunktionen für Muskeln laufen im Gehirn zusammen. Daher können Fehlfunktionen in einem Teil der Muskulatur, etwa in den Kaumuskeln, sich auch auf andere Teile der Muskulatur auswirken, beispielsweise in Hals und Nacken. „Diese Muskeln gleichen gewissermaßen die Fehlfunktion aus“, erklärt Terheyden.

Bekannt sei etwa, dass CMD infolge einer einseitigen Beinverkürzung und eines Beckenschiefstandes entstehen könne, die über eine Fehlstellung der Wirbelsäule auch ganz oben im Körper im Kiefer Beschwerden auslösen können.

Ohrgeräusche

Die Gegenrichtung sei ebenfalls vorstellbar, wenn auch keine harten wissenschaftlichen Daten dazu vorlägen. „Ohrgeräusche wie ein Reiben oder Knacken beim Öffnen und Schließen des Mundes hängen häufig mit dem Kiefergelenk zusammen“, sagt der Zahnmediziner. Feststellen könne man CMD in der Regel bei einer zahnärztlichen Untersuchung. Bei der sogenannten Funktionsanalyse könne der Zahnarzt Störungen im Bewegungsablauf des Unterkiefers durch Beobachten und Abhorchen und dem Abtasten der Kiefergelenke diagnostizieren. „Einzelne Kaumuskeln sind häufig bei CMD druckschmerzhaft“, erklärt der Kieferchirurg.

Wichtig sei auch die allgemeine zahnärztliche oder kieferchirurgische Untersuchung, um andere Erkrankungen auszuschließen, die sich hinter dem Bild einer CMD verbergen könnten. Dazu seien häufig Röntgenbilder und manchmal auch eine Magnet-resonanztomografie (MRT) erforderlich.

Muskelverspannungen kann man laut Terheyden unter anderem durch Aufbissschienen, Krankengymnastik, Entspannungstherapie und gegebenenfalls Botox behandeln.

„Bei Kiefergelenkerkrankungen empfehlen wir ein Stufenkonzept mit Aufbissschiene, Gelenkspiegelung und Operation, wobei die nächsthöhere Stufe dann gewählt wird, wenn die niedrigere nicht zum Erfolg führt“, sagt der Kieferspezialist. (mkx)

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