Eine Kiste voller Erinnerungen

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Die Erinnerungskiste von Gwen Sewell.

Im nostalgischen Rittersaal des Landgrafenschlosses in Eschwege wird dieser Tage Erinnerungen neuer Raum gegeben. Es werden Lebensgeschichten erzählt, anrührende, glückliche und leidvolle, zumeist geprägt vom Zweiten Weltkrieg.

Hinweg über Sprach-, Kultur- und Generationsgrenzen haben, sechzig Jahre nach Kriegsende, über einhundert Seniorinnen und Senioren verschiedener Nationen ausrangierte Munitionskisten mit ihren Lebensgeschichten gefüllt und gestaltet. Das Seniorenbüro Werra-Meißner stellt nun eine Auswahl dieser Kisten im Rittersaal aus. Anlass hierfür ist das fünfjährige Bestehen der Beratungsstelle. In einer Feierstunde mit Kooperationspartnern und Wegbereitern aus der Kreispolitik wurde jetzt die Ausstellung eröffnet, die Erfolge der Arbeit des Seniorenbüros bilanziert und Perspektiven aufzeigt. Bei musikalischer Untermalung kamen auch einige der Künstler zu Wort. Darunter der gebürtige Bischhäuser Karl Wills. „Ich wollte immer Pilot werden“, erzählt er und zeigt auf seine Kiste, doch der Krieg hat das nicht zugelassen. Um sich später gemeinsam mit dem Vater selbständig zu machen, ist er stattdessen in die Lehre zum Schuhmacher gegangen. „Mein ganzes Leben war ich selbständig im Beruf“, sagt er stolz, „doch ohne den Vater, der ist aus dem Krieg nicht zurückgekehrt.“ Solche und viele andere Geschichten erzählen die Kisten, die wie kleine Bühnen ihre Betrachter in das lebendige Geschehen hineinziehen. Mit der Unterstützung lokaler Künstler haben neben Karl Wills auch viele andere Senioren ihre Erinnerungen an Liebe, Leidenschaft, Heimat oder Handwerk aufgearbeitet und im kleinen Raum ihrer Kiste dargestellt. So auch die Dolmetscherin Anna-Magdalena Becker. In ihrer Kiste setzt sie sich mit der politischen Vergangenheit ihrer Heimat Rumänien auseinander. Hinter dem Eisernen Vorhang sitzt sie in jungen Jahren mit ihren Wörterbüchern an ihrem Arbeitsplatz in Bukarest. „Zwei Diktaturen habe ich miterlebt und die lange Zeit des Kommunismus“, erzählt sie. Nach der Grenzöffnung 1991 kam sie schließlich nach Kassel.

Die Ausstellung „Erinnerungen Raum geben“ ist täglich bis 11. September im Rittersaal des Landgrafenschlosses in Eschwege zu sehen. Einen Beratungsservice über die Belange des Alters bieten die Seniorenbeauftragten Alexandra Sennhenn und Ulrike Mathias im Seniorenbüro Werra-Meißner im Südflügel des Landgrafenschlosses. 

(WR)

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