In kleinen Schritten zur Selbstständigkeit

Nimmt ihr Leben in die Hand: Nicola Röbig aus Kassel. Foto: Polk

Fuß aufsetzen, Schritt, Pause. Mit den Händen am Geländer ein Stück weiter greifen, Fuß aufsetzen, Schritt. Wenn Nicola Röbig Treppen steigt, dauert das länger als bei anderen. Das Zimmer der 19-Jährigen ist im ersten Stock ihres Elternhauses. Nicola Röbig ist von Geburt an behindert.

Sie kam sechs Wochen zu früh auf die Welt und hatte ein Geburtsgewicht von 1000 Gramm. Cerebralparese mit Tetraspastik lautet die ärztliche Diagnose. Das bedeutet: Nicola ist in ihrer Bewegungsfähigkeit stark eingeschränkt. Für kurze Strecken benötigt sie zwei Gehstützen, für lange einen Rollstuhl mit handbetriebenen Elektrorädern. „Mit der Behinderung bin ich aufgewachsen und habe gelernt, damit umzugehen. Schlimm finde ich, wenn mir wildfremde Menschen beispielsweise im Bus sagen, was für ein armes Ding ich doch bin“, sagt die junge Frau.

Selbstständigkeit

Seit ihrer Kindheit wird sie nach einem Therapiekonzept behandelt, das über eine ganzheitliche Förderung des bewegungsgestörten Menschen seine größtmögliche Selbstständigkeit zum Ziel hat. Konduktive Förderung nach Petö heißt das Konzept, es wurde in Budapest in den 50er-Jahren vom gleichnamigen Neurologen entwickelt. Den Petö-Förderkursen hat Nicola ein gewisses Maß an Unabhängigkeit zu verdanken, davon ist sie überzeugt. Bei einigen Verrichtungen im Alltag benötigt sie Hilfe, weil ihre Bewegungsfähigkeit dazu nicht ausreicht oder nicht sicher genug ist. Dazu gehören das Duschen, Haare waschen und Schuhe binden. Ihr Ziel ist es, möglichst komplett ohne Hilfe auszukommen. Dafür hat die junge Frau aus Kassel ein starkes Motiv. In diesem Jahr hat sie ihren Schulabschluss gemacht. Seit August bestimmt die Teilnahme an einer Berufsvorbereitung im Berufsbildungswerk Bad Arolsen ihr Leben. „Dort sollte ich im Internat wohnen, hatte aber so großes Heimweh, dass ich nach einigen Wochen wieder ausgezogen bin“, sagt sie. Seitdem pendelt sie zwischen Kassel und Bad Arolsen.

Sie möchte aber wieder ins Internat zurück. Das Leben dort habe den Anstoß gegeben, auszuprobieren, was sie alles kann. Sie habe schnell neue Freunde gefunden, die sie vermisst, sagt Nicola. Außerdem habe sie die ungewohnte Freiheit genossen, auf sich allein gestellt zu sein, und trotzdem Hilfe zu bekommen, wenn es nötig ist. Wenn alles gut geht, kann sie im Januar ihr Zimmer im Internat beziehen. Und im Sommer nächsten Jahres eine Ausbildung als Bürokraft anfangen. Vorher nimmt sie noch an einem Petö-Kurs teil. „Danach bin ich ein anderer Mensch.“

Von Ilona Polk

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