800 000 Menschen entwickeln in Deutschland jährlich Druckgeschwüre und andere chronische Wunden

Liegeposition regelmäßig ändern

Menschen, die stationär gepflegt werden, haben ein hohes Risiko, Druckgeschwüre zu entwickeln. Foto: dpa

Meine Mutter hat nach einer Krankheit ziemlich abgenommen. Seit einiger Zeit klagt sie über Schmerzen beim Sitzen. Hängt das mit dem Gewichtsverlust zusammen? Kann es sich dabei um Druckgeschwüre handeln?“, fragt eine Leserin aus Kassel.

Antworten hat Dr. Simone Urbanczyk-Bertrams, Fachärztin für Chirurgie und Leiterin des Zentrums für integrierte Wundversorgung in Kassel.

„Chronische Wunden, zu denen auch Druckgeschwüre (Dekubitus) gehören, stellen in Deutschland ein großes gesundheitliches Problem dar“, sagt sie. Drei bis fünf Millionen Menschen leiden derzeit bundesweit unter chronischen Wunden. Jedes Jahr erkranken daran etwa 800 000 Menschen.

Bei der Entstehung von Druckgeschwüren spielt neben örtlichem Druck auf Haut und Gewebe auch die Ernährung eine wichtige Rolle. „30 bis 40 Prozent der Dekubitus-Patienten leiden gleichzeitig unter Mangelernährung“, sagt die Wundspezialistin.

Als Druckgeschwür bezeichnet man eine Schädigung (Substanzverlust) der Haut und der darunter liegenden Gewebeschichten wie Muskeln, Sehnen und auch Knochen. Von chronischen Wunden spricht man laut Urbanczyk-Bertrams, wenn nach vier bis zwölf Wochen keine Heilung eintritt.

Druckgeschwüre können durch örtlichen Druck, Reibung und sogenannte Scherkräfte, bei denen Oberflächen gegeneinander bewegt werden, entstehen. Eine Schädigung entsteht in der Regel erst, wenn diese Faktoren mehr als zwei Stunden auf Haut und Gewebe einwirken.

Depression Risikofaktor

Schädigungen können vor allem im Bereich des Kreuz- und Sitzbeins, an den großen Rollhügeln der Oberschenkel, an den Fersen sowie gelegentlich bei Intensiv-Patienten auch am Hinterkopf und an der Stirn auftreten.

Gefährdet sind insbesondere Menschen, deren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, sowie Patienten, die stationär in Krankenhäusern und Pflegeheimen behandelt und betreut werden. Bei 2,5 Prozent aller stationär aufgenommenen Patienten lautet der Nebenbefund Dekubitus. „Auch depressive Menschen sind gefährdet, weil sie häufig zu Hause sitzen und das Haus selten verlassen“, sagt die Fachärztin. Darüber hinaus zählen Stoffwechsel- und Durchblutungsstörungen sowie Inkontinenz zu den Risikofaktoren.

Mangelernährung spielt laut Urbanczyk-Bertrams deshalb eine wichtige Rolle für die Entstehung chronischer Wunden generell, weil als Folge davon die Reparatur-Mechanismen des Körpers nicht mehr so gut funktionieren.

Um Druckgeschwüren vorzubeugen, müssen Krankenhäuser, Pflegeheime und Pflegedienste spezielle Standards einhalten, wozu unter anderem eine Umlagerung der Patienten alle zwei Stunden gehört.

Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad (siehe Hintergrund). „In jedem Fall ist eine Druckentlastung angezeigt“, sagt Urbanczyk-Bertrams. Die weiteren Behandlungsoptionen reichen von der Wundsäuberung und Spezialpflastern über spezielle Matratzen und Betten bis hin zur plastischen Chirurgie. „Wichtig ist, dass die Behandlung von zertifiziertem Personal mit der Zusatzqualifikation Wundmanager vorgenommen wird“, sagt die Spezialistin. Zudem sei, so weit möglich, die Einbeziehung von Angehörigen sinnvoll. (mkx) STichwort

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