Die unsichtbaren Helfer: Pflegende Männer werden wenig beachtet

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Liebevolle Pflege: Ein Mann sorgt für seine demenzkranke Frau.

Waschen, füttern und anziehen – die Pflege von Angehörigen ist nicht nur Sache von Frauen. Untersuchungen zufolge übernehmen immer mehr Männer diese Aufgabe. Im Gegensatz zu Frauen holen sie sich aber öfter Helfer ins Boot und sind dadurch weniger schnell überfordert.

„Zahlreiche Untersuchungen beziffern den Anteil der männlichen Hauptpflegepersonen im häuslichen Umfeld zwischen 27 und 37 Prozent“, sagt Prof. Manfred Langehennig, Sozialwissenschaftler an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Allerdings halte immer noch sehr viele Männer die Sorge, Familie und Beruf nicht mit einander vereinbaren zu können, davon ab, Angehörige zu pflegen. Das spiegelt sich in der Altersstruktur wider: Die meisten Männer übernehmen die Pflege in einer viel späteren Lebensphase als Frauen, nämlich nach dem Berufsleben. „Männliche Angehörigenpflege ist überwiegend Partnerinnenpflege“, sagt der Soziologe Langehennig. Das wesentliche Motiv dafür sei weniger ein Gefühl der Verpflichtung, sondern die Liebe zur Ehepartnerin.

In der Praxis gibt es große Unterschiede zwischen pflegenden Männern und Frauen. „Männer analysieren zunächst detailliert die Rahmenbedingungen“, sagt Martin Rosowski, Hauptgeschäftsführer der Männerarbeit der EKD in Hannover. Dann organisieren sie den Pflegealltag. Zum Waschen, für die Intimpflege oder auch zum Füttern ziehen Männer gerne weibliche Angehörige oder auch einen ambulanten Dienst hinzu. Arbeiten im Haushalt, Medikamentengabe oder die Begleitung zum Arzt übernehmen Männer dagegen meist selbst. Die Motivation aus Liebe und die Inanspruchnahme von Hilfen wirken sich aus: „Männer sind weniger gefährdet, sich selbst zu überfordern“, beobachtet Rosowski. „Das ist etwas, was Frauen von Männern lernen können.“

Bei Pflegeexperten ist das Engagement der Männer in der häuslichen Pflege wohlbekannt, doch Bildungs- und Beratungsangebote richten sich oft nicht an pflegende Männer. Dabei wäre genau diese Zielgruppe wichtig, nicht nur wegen ihrer anderen Herangehensweise an das Thema Pflege. Durch die geringe öffentliche Präsenz fühlen sich pflegende Männer trotz ihrer großen Zahl oft als Außenseiter. Dabei stehen zusätzlich alte Rollenbilder im Weg. „Sie müssen sich bewusst machen, dass diese pflegerische Tätigkeit einen Selbstwert hat, den sie in dieser Form noch nicht kannten“, rät Psychologe Gräßel. Manch ein Mann entdecke so seine bislang unbekannte soziale Ader.

Die Pflege-Auszeit ist gesetzlich garantiert: Arbeitnehmer in Betrieben mit 15 oder mehr Beschäftigten können sich ohne Entgeltfortzahlung ganz oder teilweise von der Arbeit freistellen lassen, um einen pflegebedürftigen Angehörigen zu versorgen. Für den Arbeitnehmer gilt in dieser sogenannten Pflegezeit ein Sonderkündigungsrecht, so dass das Arbeitsverhältnis nicht gefährdet ist. Die maximale Pflegezeit beträgt sechs Monate. (dpa)

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