„Mein Mann ist alkoholkrank“

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Abgekapselt: Alkoholkranke leben häufig in ihrer eigenen Welt, brechen soziale Kontakte mehr und mehr ab. Angehörige leiden unter der Sucht häufig am schwersten.

Angehörige leiden häufig am schwersten unter der Abhängigkeit - Experten raten, die Sucht nicht zu vertuschen.

Mein Mann trinkt seit Jahren, weigert sich aber, eine Therapie zu machen. Bisher habe ich das anderen gegenüber geheim gehalten, jetzt kann ich einfach nicht mehr. Was kann ich tun?“, fragt eine Leserin aus Kassel.

Antworten hat Bernd Weingarten. Er leitet die Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle am Blaukreuz-Zentrum in Kassel:

„Das Wichtigste ist, sich zu öffnen, das Thema nicht zu verschweigen und sich anderen Menschen anzuvertrauen“, sagt Weingarten. Alkoholabhängigkeit sei eine Krankheit. „Das müssen Angehörige und natürlich auch die Alkoholabhängigen selbst erkennen und akzeptieren“, betont der Sucht-Experte. „Angehörige dürfen ihr eigenes Leben nicht von dem des Alkoholkranken abhängig machen“, sagt Weingarten. Wichtig sei, zu seinem eigenen Leben zurückzufinden und auf keinen Fall Verantwortung für den Erkrankten zu übernehmen. „Viele Angehörige bezahlen etwa offene Rechnungen, decken den Partner im Bekanntenkreis oder wenn der nach einem Alkoholexzess nicht an seiner Arbeitsstelle erschienen ist“, sagt er. Dies führe unweigerlich zu einer Ko-Abhängigkeit.

Eine Alkoholabhängigkeit kann sich über viele Jahre hinziehen. Das Wichtigste ist laut Weingarten, vertrauten Personen, Freunden und Bekannten offen zu sagen: „Mein Mann ist alkoholkrank.“ Dazu gehöre jedoch sehr viel Mut. Zudem sollte man sich professionelle Hilfe holen, etwa bei Suchtberatungsstellen oder auch beim Hausarzt. „Das Blaukreuz-Zentrum etwa bietet jede Woche ein Erstgespräch für Angehörige“, sagt der Experte. Die Gespräche sind kostenfrei und vertraulich. Laut Weingarten suchen Schätzungen zufolge nur sieben Prozent der Alkoholabhängigen eine Suchtberatung auf. Dies lässt erahnen, wie hoch die Dunkelziffer ist. Und etwa 20 Prozent der Menschen, die eine Suchtberatung aufsuchen, sind Angehörige.

Weingarten fasst wichtige Regeln zusammen:

• Das Problem nicht vertuschen und sich Freunden, Bekannten oder Suchtberatungsstellen anvertrauen. (Beratungsstellen bieten auch Paargespräche an)

• Den Partner mit dem eigenen Trinkverhalten konfrontieren

• Sein eigenes Leben führen, sich nicht vom Alkoholkranken abhängig machen und auch keine Verantwortung für dessen Leben übernehmen.

Wie will ich Leben? Diese Frage sollten sich Angehörige stellen. Dazu gehört auch, in letzter Konsequenz über eine Trennung nachzudenken. „Vor allem vor schwierigen Entscheidungen sollte man sich professionelle Hilfe holen“, rät Weingarten. Zudem sollte man seine Entscheidungen, wie auch seine Ängste, dem Alkoholabhängigen gegenüber äußern. „Oft führt eine konsequente Verhaltensänderung der Angehörigen auch zu einer Änderung des Verhaltens des Alkoholkranken“, sagt er. (mkx) 

Hintergrund

Der Charakter verändert sich: Was sind typische Anzeichen für eine Alkoholabhängigkeit? Bernd Weingarten vom Blauen Kreuz Kassel rät Angehörigen, ihrer eigenen Wahrnehmung zu vertrauen: „Wenn jemand suchtkrank ist, verändert sich sein Charakter.“ Das falle Angehörigen in der Regel als Erstes auf. Zudem vermeidet der Suchtkranke beispielsweise zunehmend den Kontakt zu anderen Menschen, um seine Sucht zu verheimlichen. Angehörige sollten die Alkoholabhängigkeit eines Familienmitglieds nicht verschweigen und sich Hilfe holen, etwa bei Suchtberatungsstellen, Angehörigengruppen oder auch beim Hausarzt.

Weitere Informationen: Blaukreuz-Zentrum, Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle, Tel. 05 61/ 93 54 50. Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS), Tel. 0561/9 20 05 53 99, kiss@stadt-kassel.de

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