Mit Elektroden gegen starke Schmerzen

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Schmerzfrei dank Rückenmarksstimulation: Rita Enderlein zeigt die Fernbediendung, Oberärztin Dr. Stefanie Kästner das Ladegerät, das etwa einmal pro Woche für 30 Minuten von außen auf die Haut gelegt wird.

Starke Schmerzen und taube, geschwollene Finger an der linken Hand - für Rita Enderlein war das sieben Monate lang der Alltag. Mit einer Rückenmarksstimulation in der Klinik für Neurochirurgie des Klinikum Kassel konnte ihr geholfen werden.

Statt Schmerzen hat die 50-Jährige wieder Gefühl in den Fingern, kann ihre linke Hand ganz normal nutzen.

Bei diesem Verfahren, das nur an spezialisierten Zentren angeboten wird, sorgen schwache elektrische Impulse dafür, dass die Schmerzleitung ins Gehirn unterbrochen wird.

Bei einer Handoperation in einem anderen Krankenhaus war bei Rita Enderlein ein Nerv verletzt worden. Es entwickelte sich ein chronisches regionales Schmerzsyndrom  (CRPS) oder auch Morbus Sudeck - so werden starke Schmerzen an Armen oder Beinen genannt, die nach einer Verletzung oder Operation bestehen bleiben. Die Finger der Patientin aus Edermünde waren blau angeschwollen, hatten keine Sensibilität. Sie konnte mit der Hand nichts festhalten, musste ständig starke Schmerzmittel nehmen. Eine ergotherapeutische und medikamentöse Behandlung brachte keinen Erfolg.

Sie entschied sich schließlich für eine Rückenmarksstimulation in der Neurochirurgie des Klinikum Kassel, auch SCS (Spinal Cord Stimulation) genannt. Bei diesem Verfahren wird unter örtlicher Betäubung eine dünne Elektrode so am Rückenmark platziert, dass spezielle Bahnen des Rückenmarks stimuliert werden, erläutert Oberärztin Dr. Stefanie Kästner. Dadurch wird die Weiterleitung des Schmerz-Impulses ins Gehirn unterbrochen. Gleichzeitig werden Nervenbahnen in den Arm aktiviert, wodurch Blutgefäße weitgestellt werden und sich die Durchblutung verbessert. Rita Enderlein hat noch auf dem OP-Tisch gespürt, wie das Gefühl in ihre Fingerspitzen zurückgekehrte. „Dieses leichte Kribbeln war für mich ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern zusammen.“

Die Elektroden sind mit einem kleinen Generator verbunden – so ähnlich wie bei einem Herzschrittmacher -, den Dr. Kästner bei einem zweiten Eingriff eine Woche später unter der Bauchdecke implantiert hat. Er lädt sich selbst auf, wenn Rita Enderlein außen ein Ladegerät (Recharger) auf die Haut legt. Die Patientin hat außerdem eine Fernbedienung, mit der sie die Stärke der Stimulation regulieren und das System ein- und ausschalten kann. Weil der Aufbau eines Rückenmarksstimulators mit einem Herzschrittmacher vergleichbar ist, wird das Gerät auch als Schmerzschrittmacher bezeichnet.

Geeignet ist die Rückenmarksstimulation für Patienten, denen die technischen Aspekte des Verfahrens klar sind und die das Gerät steuern können. „Es ist kein Computer, der auf Knopfdruck für Schmerzfreiheit sorgt“, betont Neurochirurgin Dr. Kästner. Rita Enderlein, bei der der Eingriff im Herbst 2013 erfolgte, kam von Anfang an ohne Schwierigkeiten damit zurecht. „Morgens stelle ich mich an, abends fahre ich mich wieder runter“, scherzt sie. Auch Duschen und Schwimmen sei problemlos möglich.

Dr. Kästner nutzt die Rückenmarksstimulation schon seit 15 Jahren bei Patienten mit starken chronischen Schmerzen in den Extremitäten. Ihre Erfahrung: „Gerade Patienten mit einem Morbus Sudeck sprechen zu über 90 Prozent darauf an.“ Die Batterie werde dennoch erst implantiert, wenn sich in einer einwöchigen Probephase die Wirksamkeit des Verfahrens gezeigt habe. Neuerdings behandelt die Neurochirurgin in Zusammenarbeit mit der Gefäßchirurgie des Klinikums häufiger auch Patienten mit schweren Durchblutungsstörungen, bei denen mit anderen Verfahren keine Verbesserung der Durchblutung mehr möglich ist. Zwar lasse sich mit der Rückenmarksstimulation die Gefäßerkrankung nicht heilen. Aber eine Linderung der Schmerzen führe zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensqualität.

Wie bei Rita Enderlein: Nachdem sie zuvor ein Jahr krankgeschrieben gewesen sei, sei sie dank der Behandlung ein ganz anderer Mensch geworden. „Damit ist mein Leben wieder lebenswert geworden.“ (nh)

Kontakt: Neurochirurgische Ambulanz, Tel. 0561/980-4151, E-Mail: zmv.neurochirurgie@klinikum-kassel.de

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