Nichts essen aus Angst

+

Lara Z. ist 21 Jahre alt und leidet unter Essstörungen. Erst veränderte sich ihr Körper schleichend, dann folgten extreme Gewichtsschwankungen. Der Bezug zur Nahrung ging verloren. Jetzt wird sie in der Schön Klinik am Hofgarten in Bad Arolsen behandelt.

Seit siebeneinhalb Wochen ist sie dort und fühlt sich besser. Sie hat an Gewicht zugenommen und befindet sich im Prozess, sich anzunehmen, wie sie ist.

Lara Z. war als Kind pummelig und wurde in der Schule gemobbt. Irgendwann hat sie sich geschworen, dass das nie wieder so sein soll und fing an, stark abzunehmen. Mit einer schlanken Figur hätte sie dann eigentlich zufrieden sein können. Doch die Angst, jemals wieder dicker zu werden, war zu groß. Sie aß immer weniger und bewegte sich im untergewichtigen Bereich. Derartig geschwächt blieb irgendwann ihre Monatsblutung aus.

Körperlich war sie total erschöpft. „Ich konnte nur noch an Essen denken“, sagt Lara Z. Magersucht und Bulimie mischten sich, ihre Familie bemerkte ihr ungewöhnliches Essverhalten: nur noch Rohkost und Putenfleisch. „Das hat mir selbst nicht gefallen und ich habe weitere fünf Kilo abgenommen. Ich wusste aber nicht, wie ich selber da raus kommen sollte, weil die Angst vor einer Gewichtszunahme zu groß war. Ich habe ja selbst gesehen, dass ich viel zu dünn bin“, sagt Lara Z. Vor Lust auf Essen hat sie dann regelrechte Essanfälle bekommen und sich später erbrochen. Durch dieses Essverhalten hat sie dann allerdings leicht zugenommen. Der Teufelskreis begann.

Doch sie schlug den Weg zur Psychotherapie ein. Ihr Therapeut hat ihr einen Klinikaufenthalt empfohlen und sie hatte großes Glück, dass sie innerhalb von vier Wochen nach Bad Arolsen kommen konnte.

Woanders lange Wartezeit

„In anderen Kliniken hat man mir eine Wartezeit von einem Jahr und mehr vorausgesagt. Wer weiß, was dann mit mir gewesen wäre“, sagt Lara Z. Beim Gespräch erklärt ihre Psychologin Julia Kikul, dass bei einem Patienten die Grundmotivation da sein muss. Einzelgespräche, Gruppensitzungen, Rollenspiele und Ernährungstherapie stehen auf Laras Plan. „Eine Mahlzeitenstruktur ist für die Patienten ganz wichtig“, sagte Kikul. Zunächst einmal werden essgestörte Patienten bei Tisch begleitet.

Portionierte Mahlzeit

Statt Büfett wie für andere Patienten in der Psychosomatischen Klinik bekommen essgestörte Patienten eine vorportionierte Mahlzeit. Denn sie müssen erst wieder neu lernen, wie eine ganz normale Portion aussieht. Nach der Zustimmung des Therapeuten werden die Patienten nach ein paar Wochen ebenfalls an das Büfett herangeführt. Einmal in der Woche wird gemeinsam gekocht und das Gekochte gemeinsam gegessen. Zwischendurch finden Expositionen statt. Dann stehen die Patienten – in der Einzeltherapie – zum Beispiel vor einem großen Spiegel und beschreiben sich selbst. „Dabei sollen sie sich mit ihrem Körper auseinandersetzen mit dem Ziel der gesteigerten Akzeptanz“, sagt ihre Psychologin. „Mein Freund hat meine Gewichtsabnahme auch bemerkt und sich Sorgen gemacht. Jetzt freut er sich, dass es mir besser geht“, sagte Lara und ist stolz, dass sie Gewicht zugelegt hat und langsam wieder eine ganz gesunde Einstellung zum Essen bekommt. (mov)

Magersucht

Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine Essstörung, die besonders Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis 18 Jahren betrifft. Seltener gibt es auch Ersterkrankungen vor dem zehnten und nach dem 25. Lebensjahr. Die Betroffenen halten meist eine strenge Diät oder verweigern die Nahrung vollständig. Häufig beginnt die Magersucht kurz nach dem Einsetzen der ersten Regelblutung. In den letzten Jahren hat sich die Altersgrenze immer weiter nach unten verschoben, nicht selten sind schon Mädchen im Grundschulalter betroffen – zunehmend auch Jungen. Magersucht bei Männern kommt im Vergleich zu Frauen jedoch deutlich seltener vor.

Bulimie

 Bei der Ess-Brech-Sucht (Bulimie) ist das Essverhalten suchtartig gestört, es wird anfallsartig alles an kalorienreicher Nahrung verschlungen, was verfügbar ist („Syndrom des leeren Kühlschranks“). Anschließend erbrechen Ess-Brech-Süchtige absichtlich auf künstliche Weise oder nehmen Appetitzügler und Abführmittel. Heißhungerattacken wechseln mit Hungerphasen. Die Bulimie wird durch die krankhafte Furcht, zu dick zu werden, ausgelöst. Alle anderen Lebensaspekte werden zweitrangig, das Essen oder Nicht-Essen bestimmt den Lebensinhalt. Die Ess-Brech-Sucht tritt vor allem bei Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren auf, in einer zunehmenden Zahl auch bei jungen Männern. Die Bulimie ist eine ernst zu nehmende Suchtkrankheit, vergleichbar mit Alkoholkrankheit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.