Noch eine Pille?

Wer Vater, Mutter oder andere Verwandte pflegt, der weiß: Viele ältere Menschen nehmen täglich zahlreiche Pillen, Kapseln oder andere Formen von Arzneien. Aber ist das noch gesund?

Das Magazin Reader’s Digest geht in seiner Juni-Ausgabe diesen Fragen nach: „Guten Gewissens darf ein Arzt eigentlich nicht mehr als fünf Medikamente gleichzeitig verschreiben“, sagt Clemens Grupp, Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie am Zentrum für Altersmedizin. Die Wahrheit sieht aber offenbar anders aus. „Zehn oder mehr Arzneimittel täglich sind für viele Senioren nichts Besonderes“, sagt Ulrich Thiem, Altersmediziner am Klinikum der Universität Bochum. Patienten, die älter als 70 Jahre seien, würden im Durchschnitt sechs verschiedene Medikamente pro Tag einnehmen.

Ein Experiment der Medizin-Fakultät der Universität Christchurch mit 500 Männern und Frauen über 75 Jahren hat nun aber ergeben, dass viele der Tabletten offenbar entbehrlich sind. Denn die Wissenschaftler untersuchten in ihrer Studie, welche Medikamente verzichtbar sind, ohne dass dem Patienten Nachteile daraus entsehen. Im Schnitt nahmen die Versuchsteilnehmer 4,4 Tabletten pro Tag weniger ein als sonst. In den folgenden 19 Monaten des Experiments mussten nur zwei Prozent der Versuchsteilnehmer das abgesetzte Medikament wieder einnehmen. „Ansonsten gab es keinerlei negative Auswirkungen. 88 Prozent der Testpersonen berichteten sogar, dass es ihnen gesundheitlich besser ging“, sagt Dee Mangin, die in Christchurch forscht.

Wie aber kann es sein, dass ältere Menschen zwar viele Medikamente einnehmen, die Ärzte letztlich aber nicht sicher sein können, ob dies gesund für sie ist? „Die große Mehrheit der Mittel, die Senioren bekommen – beispielsweise gegen Osteoporose, Schmerzen, Entzündungen oder auch Cholesterinsenker – werden so gut wie nie am Menschen über 80 erprobt“, beklagt der Altersmediziner Grupp in der neuen Ausgabe von Reader’s Digest. Die mögliche Erklärung: Ältere Menschen werden schneller krank, die Arzneimittelhersteller wollen aber positive Resultate bekommen. Söhne oder Töchter sollten deshalb das Gespräch mit dem Arzt oder Apotheker suchen, wenn das Medikamentenpensum von Vater oder Mutter ein beängstigendes oder unnötiges Ausmaß angenommen hat. (ots)

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