Die Osteopathie: Mit den Händen spüren, wo es klemmt

Vielschichtig: Matthias Gerner spürt bei einer osteopathischen Behandlung, wie die Spannung einzelner Anteile ist. Foto: Polk

Kassel. Matthias Gerner ist Osteopath. Doch der Begriff Osteopathie sei eigentlich irreführend, betont er. Denn dieser setzt sich zusammen aus den griechischen Worten osteón für Knochen und pathós für Leiden.

Aber nicht immer sind die Knochen schuld, wenn beispielsweise der Rücken schmerzt. In der Osteopathie komme es darauf an, die Ursache für Schmerzen zu erkennen. Mit seinen Händen versucht der Osteopath zu ertasten, was genau gestört ist.

Denn in allen Körperregionen überlagern sich viele Strukturen. Im Bereich der Lendenwirbelsäule, wo sich bei vielen Menschen Schmerzen einstellen, kann der lange Rückenmuskel Schmerzen verursachen, wenn er zu sehr angespannt ist. Es können aber auch Gelenke, bindegewebige Faszien oder Organe sein, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind. „Ich erspüre mit den Händen, welche Struktur von einer Blockade betroffen ist. Die Auswirkungen fühlen sich unterschiedlich an“, sagt Gerner. Mit manuellen Techniken können die Blockaden in den verschiedenen Gewebsschichten gelöst und die Beweglichkeit wieder hergestellt werden. Das habe nichts mit geheimnisvollen Praktiken zu tun: „Sensitivität ist ein wichtiges Handwerkszeug in der Osteopathie“, sagt der Osteopath.

Das gilt sowohl für die Fähigkeit, mit den Händen zu spüren, als auch für die Wahrnehmung des Menschen in seiner Gesamtheit, betont er: Nie werde nur die schmerzende Region untersucht, ein umfassender Ansatz sei Behandlungsgrundlage.

Patienten kommen häufig mit akuten Rückenproblemen in die Praxis des Osteopathen. Bei den meisten Patienten sind die Rückenschmerzen schon chronisch. Sie haben bereits viele Spezialisten konsultiert und viele Untersuchungen über sich ergehen lassen, ohne Erfolg. „Oft lassen sich die Ursachen nicht durch Untersuchungen wie Röntgen oder Kernspin ergründen“, sagt Gerner. Während er den Patienten untersucht, fragt er nach dem Verlauf. Erzählen lassen und zuhören gehören zur Befundaufnahme dazu. Oft erschließt sich schon dadurch die Ursache für die Beschwerden. Das können organisch bedingte Probleme sein: Typisch seien verklebte Strukturen im Bauchbereich, die sich über Faszien als Rückenschmerzen manifestieren. Bei manchen Menschen sind seelische Belastungen der Grund für Rückenschmerzen.

Manchmal muss er Patienten an einen Facharzt verweisen, etwa dann, wenn Schmerzen Ausdruck von internistischen Problemen sind. Und oft gibt er Tipps, die eine neue Blockade verhindern und richtungsweisend für eine Verhaltensänderung sein können.

Ziel der Osteopathie ist es, die Selbstheilungsfähigkeit des Körpers zu ermöglichen. „Krank ist jemand, dem das abhanden gekommen ist“, sagt Gerner.

Hintergrund

Die Osteopathie stützt sich auf vier Säulen:

• Bewegung ist für alle Strukturen im Körper von grundlegender Bedeutung.

• Strukturen und Funktion beeinflussen sich gegenseitig: Verändert sich die Belastung, dann ändert sich auch die Struktur.

• Der Organismus ist eine untrennbare Einheit.

• Er hat die Fähigkeit zur Selbstregulierung.

Die Ausbildung zum Osteopathen dauert berufsbegleitend fünf Jahre. Dazu werden Ärzte, Heilpraktiker, Physiotherapeuten und Masseure zugelassen.

Je nach Beschwerdebild sind in der Regel drei bis sechs Behandlungen erforderlich. Die Kosten betragen zwischen 60 und 90 Euro pro Therapiestunde. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten in der Regel nicht, eventuell aber per Einzelfallentscheidung. (zip)

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