„Die Bezahlung spielt eine Rolle“

+
Gefragter Beruf in der Pflege: Einem 88-jährigen Bewohner eines Awo-Pflegeheims in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) liest eine Auszubildende den Veranstaltungsplan für die kommenden Tage vor.

Interview: Michael Schmidt, Chef der Arbeiterwohlfahrt Nordhessen, äußert sich zur Zukunft der Pflegeberufe.

Zum Thema Pflege unterhielten wir uns von der HNA mit dem Geschäftsführer der Awo Hessen Nord, Arbeitgeber von 2000 Menschen, die vorwiegend in der Pflege tätig sind.

Gibt es bei uns einen Pflegenotstand, Herr Schmidt?

Michael Schmidt, Geschäftsführer der Awo Nordhessen

Michael Schmidt: Nein. Derzeit würde ich nicht davon sprechen. Seit Mitte der 90er-Jahre sorgt die Pflegeversicherung für eine verbesserte finanzielle Ausstattung der Bedürftigen. Die heutigen Mittel reichen jedoch nicht für die wachsende Zahl an Pflegebedürftigen aus. 2008 hatten wir die letzte Pflegereform mit segensreichen Auswirkungen: zusätzliche Angebote für Demenzkranke. Dadurch werden zusätzliche Betreuungsangebote finanziert, was die Qualität deutlich gesteigert hat.

Viele kritisieren, dass Demenzkranke immer noch mit einer zu niedrigen Pflegestufe bewertet werden.

Schmidt: Ja, Demenzkranke kommen gewöhnlich in die niedrigen Stufen 1 und 2. Das erschwert die Betreuung in den Einrichtungen, denn es erfordert höheren Personaleinsatz. Die nächste Reform müsste deshalb die Pflegebedürftigkeit neu definieren. Sie sollte sich an der tatsächlichen Teilhabe des zu pflegenden Menschen orientieren. Gesundheitsminister Rösler hat ja eine Neudefinition von Pflegebedürftigkeit angekündigt.

Wie reagieren Institutionen wie die Awo darauf, dass bis zu 70 Prozent der stationär gepflegten Menschen an Demenz erkrankt sind?

Schmidt: Wir haben früh angefangen, systematisch auf das Konzept der betreuten Hausgemeinschaften umzustellen. Wir waren 2004 die ersten in Nordhessen, die eine Unterbringung in familienähnlichen Gruppen angeboten haben. Ohne eine zentrale Küche. Dadurch wird Personal eingespart, das als Alltagsbegleiter eingesetzt werden kann. Die Hausgemeinschaften bieten den Bewohnern, wenn sie es wünschen, ständigen sozialen Kontakt. Das ist für Demenzkranke wichtig.

Wie sieht die Zukunft aus?

Schmidt: Dramatisch, wenn der Gesetzgeber jetzt nicht die Weichen stellt. Die Zahl der Demenzkranken in Deutschland von derzeit einer Million wird sich in 20 Jahren verdoppeln. Diese gewaltige Steigerung müssen wir uns vor Augen führen, denn die Pflegefähigkeit in den Familien nimmt ab. Es gibt immer mehr Single-Haushalte. Wie soll der bestehende gute Standard für eine deutlich größere Zahl an Menschen sichergestellt werden? Mit welchen Pflegekräften?

Wie steht es denn um den Nachwuchs?

Schmidt: Zurzeit noch gut. Wir, die Awo, haben keine Nachwuchssorgen. Wir haben an fünf Standorten vier Altenpflegeschulen mit insgesamt über 900 Schülern. Wir bilden für den gesamten Markt aus, 130 der Schüler arbeiten als Auszubildende in unseren eigenen Betrieben. Es fängt aber an, dass sich der Fachkräftemangel auch in der Pflege zeigt. Pflegeberufe stehen mit anderen Branchen zunehmend im Wettbewerb. Deshalb müssen wir uns attraktiv präsentieren.

Hat Attraktivität nicht auch etwas mit Bezahlung zu tun?

Schmidt: Die Bezahlung spielt eine Rolle. Daran arbeiten wir. Zum Beispiel soll die Anfangsvergütung bei Fachkräften verbessert werden. Angebot und Nachfrage wird aber auch hier die Bezahlung regulieren.

Wichtig ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 90 Prozent unserer Mitarbeiter sind Frauen. Da ist es gut, wenn jeder sein passendes Teilzeitarbeitsmodell findet. Berufseinsteiger haben lieber volle Stellen. Deshalb sollte man als Arbeitgeber flexibel sein. Wir müssen unsere Vorzüge stärker herausstellen.

Und die wären?

Schmidt: Absolut sichere Arbeitsplätze auf Dauer sowie Karriere, gute Aufstiegschancen und Spezialisierungsmöglichkeiten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.