Demenzkranke leben wie in einer Großfamilie

Anni Vockenroth wohnt seit fünf Jahren in der Senioren-WG DiHaKa in der Unterneustadt in Kassel. Dort werden Menschen mit Demenz betreut. „Ich wusste ja gar nicht, was Demenz wirklich bedeutet“, sagt Anni Vockenroth.

Die 94 Jährige rührt in ihrer Kaffeetasse. Frau Vockenroth war früher Blumenfrau auf dem Königsplatz. Sie hat dreißig Jahre lang am Altmarkt gewohnt und war froh, dass sie vor fünf Jahren nur wenige hundert Meter entfernt einen Platz in einer Senioren-WG der DiHaKa fand.

Sie war begeistert davon, in ihrem Quartier wohnen bleiben zu können und den Alltag mit aktiven Senioren zu teilen. Das Konzept der DiHaKa – Demenzkranke leben in kleinen Gruppen in betreuten Hausgemeinschaften – gefiel ihr besonders gut. Dennoch war sie überrascht, als sie die ersten Demenzkranken ihres Lebens kennenlernte.

Das Modell Hausgemeinschaft in Kassel

Im Stockwerk unter ihr befindet sich die Hausgemeinschaft „Arnika“, die erste Hausgemeinschaft für Demenzkranke in ganz Kassel und Umgebung. Seit dem Jahr 2007 gibt es in der Hafenstraße mit „Reseda“ und „Verbena“ zwei weitere. Und weil das Modell so erfolgreich ist, entstehen in der Waisenhausstraße gerade drei weitere Hausgemeinschaften, die im kommenden Jahr bezugsfertig sein werden.

Immer mehr Menschen leiden im Alter an Demenzerkrankungen. Bei einer Demenz lässt das Kurzzeitgedächtnis nach. Irgendwann erkennt der Betroffene die nächsten Angehörigen nicht mehr. Das menschliche Gehirn ist erfinderisch und verknüpft die heutigen Begegnungen und Erlebnisse mit Erinnerungen aus der Vergangenheit. So kann es sein, dass ein Demenzkranker sich in einer Arbeitssituation wähnt oder eine Erinnerung aus seiner Kindheit wieder erlebt.

Wie das Leben in einer Großfamilie abläuft

Die Pflege von Demenzkranken stellt die Familie aber auch die Pflegeeinrichtungen vor große Herausforderungen. Ein Mensch soll nicht bloß verwahrt werden. Er soll in Würde und mit Freude leben dürfen.

Eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, wurde in Frankreich entwickelt und erprobt: Anstatt Menschen mit Demenz in Heimen unterzubringen, wurde das Prinzip der Großfamilie zum Vorbild genommen. Die Demenzkranken leben in kleinen Gruppen von bis zu zwölf Bewohnern in betreuten Hausgemeinschaften.

Dieses Modell hat die DiHaKa in der Unterneustadt verwirklicht: Die Mahlzeiten bereiten die Mitarbeiter mit den Bewohnern in der zentralen Wohnküche gemeinsam zu. Jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer und kann sich an Aktivitäten wie kochen, singen, spielen, malen, Schönheitspflege, werken, Gartenarbeit oder der normalen Hausarbeit beteiligen.

Dabei wird jeder nach seinen noch vorhandenen Fähigkeiten zum Mitmachen aufgefordert. Eine Aktivierung verlorengeglaubter Fähigkeiten ist oft durch eine geduldige Förderung erreichbar. So bleiben Geist und Körper so aktiv wie möglich. (Von Ruth Schilling)

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