Prostatakrebs kommt mit zunehmendem Alter häufiger vor – Warum Vorsorgeuntersuchungen wichtig sind

Prostatakrebs: Nicht jeder Krebs ist aggressiv

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Operative Prostataentfernung: Ein Operationsteam der Urologischen Klinik des Klinikums Kassel bei der Arbeit.

Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung beim Mann. Experten schätzen, dass in Deutschland jährlich bei 64 000 Männern ein Prostatakrebs neu entdeckt wird. Und man weiß: Die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, steigt mit zunehmendem Lebensalter.

Prostata

Die Prostata oder Vorsteherdrüse ist eine etwa kastaniengroße Geschlechtsdrüse des Mannes. Sie liegt unterhalb der Harnblase und umschließt den Anfangsteil der Harnröhre. Deshalb kann es bei einer Vergrößerung der Prostata passieren, dass die Harnröhre abgedrückt und der Harnfluss gestört wird. An die Rückseite der Prostata grenzt der Mastdarm (Rektum). Deshalb kann sie vom Enddarm aus mit den Fingern ertastet werden. Bei einem gesunden erwachsenen Mann wiegt die Prostata etwa 20 Gramm. Die Drüse produziert ein milchiges Sekret, das einen Großteil des Volumens der Samenflüssigkeit ausmacht und zur Bewegung und zum Überleben der Samenzellen notwendig ist. (hei)

Dabei wird längst nicht jeder Prostatakrebs auch erkannt. So nimmt man an, dass man bei mehr als der Hälfte aller Männer über 50 Jahre Krebszellen in der Vorsteherdrüse finden würde, wenn man danach suchen würde. Doch nicht jeder Prostatakrebs ist gleich aggressiv. Prof. Julius Hackethal hat in diesem Zusammenhang die Begriffe Haustier- und Raubtierkrebs geprägt. Das Ziel einer urologischen Vorsorgeuntersuchung müsse daher nicht darin bestehen, jeden Prostatakrebs zu erkennen, sondern diejenigen Fälle zu identifizieren, die lebensgefährlich werden können, betont der Direktor der Klinik für Urologie am Klinikum Kassel, Prof. Björn Volkmer. Aber auch diese aggressiven Tumoren könnten vollständig geheilt werden, wenn sie frühzeitig entdeckt werden. Deshalb seien die Vorsorgeuntersuchungen und die regelmäßige Bestimmungen des Blutwertes PSA so wichtig.

Hier einige Fragen und Antworten bei unserer Telefonsprechstunde:

Bei mir wurde vor einem Jahr in einer Stanzbiopsie der Prostata ein winziger Herd eines mäßig aggressiven Prostatakrebses festgestellt. Seitdem werde ich im Rahmen einer Active Surveillance regelmäßig überwacht. Der Urologe möchte jetzt wieder eine Stanzbiopsie machen. Ist das nötig?

Volkmer: Active Surveillance, zu deutsch aktive Überwachung, ist eine Behandlungsstrategie für Patienten, die einen zunächst nicht behandlungsbedürftigen Prostatakrebs haben. Man hofft dabei, dem Patienten eine Operation oder Strahlentherapie zu ersparen, sofern der Tumor nicht wächst oder aggressiver wird. In solch einem Fall wird man den Patienten engmaschig beobachten. Dabei wird alle drei Monate der PSA-Wert ermittelt. In größeren Abständen (alle ein bis eineinhalb Jahre) sollten erneute Gewebsproben genommen werden, um zu überprüfen, ob der Prostatakrebs aggressiver oder größer wird. Sofern diese Befunde stabil bleiben, muss keine weitere Therapie erfolgen.

Bei mir wurde Prostatakrebs festgestellt, und die Ärzte raten zu einer kompletten Entfernung der Prostata. Ich fürchte mich aber davor, danach inkontinent zu sein.

Volkmer: Ziel einer radikalen Prostata-Entfernung ist es, den Tumor zu beseitigen und die Krebserkrankung zu heilen. Bei dieser Operation wird meist der innere Schließmuskel geschädigt, so dass anschließend der äußere Schließmuskel die Funktion allein übernehmen muss. Deshalb muss der Patient im Anschluss an die Operation gezielt den äußeren Schließmuskel trainieren, um die maximale Kontinenz zu erlangen. Aus diesem Grund ist eine anschließende Reha-Maßnahme mit intensivem Beckenboden- und Schließmuskeltraining so wichtig. Die meisten Patienten sind nach rund drei Monaten wieder „dicht“. Nach einem Jahr sind es deutlich über 95 Prozent der Fälle. Den restlichen Patienten kann man beispielsweise mit dem Einsetzen eines künstlichen Schließmuskels gut helfen.

Es kann sein, dass meine krebsbefallene Prostata komplett entfernt werden muss. Ich mache mir aber Sorgen, dass ich danach impotent sein könnte.

Volkmer: Diese Sorge ist berechtigt, da die Nerven, die für die Gliedsteife zuständig sind, unmittelbar an der Oberfläche der Prostata verlaufen. Die Standardoperation, bei der die Prostata mit einem Sicherheitsabstand entfernt wird, bedeutet, dass diese Nerven durchtrennt werden. Bei günstigen Tumorstadien besteht die Möglichkeit, diese Nerven zu schonen, um die Potenz zu erhalten. Um das Risiko, dadurch Tumorzellen zu belassen, zu verringern, kann durch Schnellschnittuntersuchungen der Prostataoberfläche während der Operation überprüft werden, ob der Tumor sich bereits bis in die Nähe der Nerven ausgebreitet hat oder nicht.

Je früher ein Tumor entdeckt wird, desto wahrscheinlicher kann man nervenerhaltend operieren.

Mein Mann hat eine vergrößerte Prostata und einen erhöhten PSA-Wert. Was sollen wir tun?

Volkmer: Den PSA-Wert muss man immer in Relation zur Größe der Prostata sehen: Eine große Prostata darf höhere PSA-Werte haben als kleine. Deutlich erhöhte Werte können durch ein Prostatakarzinom, aber auch durch eine Entzündung verursacht sein. Deshalb kann es sinnvoll sein, für zwei bis drei Wochen Antibiotika einzunehmen und danach den PSA-Wert noch einmal zu kontrollieren. Wenn der Wert dann immer noch hoch ist, also eher keine Entzündung vorliegt, sollte man eine Gewebeprobe der Prostata entnehmen.

Ich bin 72 Jahre alt. Vor drei Jahren wurde bei mir Prostatakrebs mit Metastasen in den Knochen festgestellt. Seitdem mache ich eine Hormontherapie. Da die PSA-Werte zwischenzeitlich auf unter 0,1 abgefallen sind, mache ich wegen der Nebenwirkungen Therapiepausen. Ist das okay?

Volkmer: Das machen Sie ganz richtig. Der Prostatakrebs benötigt männliche Hormone, um zu wachsen. Die Hormonbehandlung, bei der der Spiegel männlicher Hormone gesenkt wird, ist die effektivste Methode, wenn eine Operation oder Strahlentherapie den Prostatakrebs nicht mehr vollständig beseitigen kann. Diese Behandlung wirkt oft viele Jahre. Während hierzu früher die Hoden operativ entfernt wurden, können heutzutage Medikamente dafür sorgen, dass die Hormonproduktion in den Hoden für eine bestimmte Zeit unterbrochen wird.

Durch diese Behandlung kommt es als Nebenwirkung zu Wechseljahresbeschwerden beim Mann, zum Beispiel mit Hitzewallungen, Schweißausbrüchen und langfristig auch zur Osteoporose. Bei sehr gutem Ansprechen kann die Therapie unterbrochen werden, um die Nebenwirkungen zu minimieren. Sollte eine Hormonbehandlung irgendwann nicht mehr ansprechen, kann eine Chemotherapie in Betracht gezogen werden.

Was ist eigentlich eine Brachytherapie?

Volkmer: Die Brachytherapie (von griechisch: brachy = nah) ist eine Form der Strahlentherapie, bei der in Narkose der Tumor mit radioaktiven Nädelchen gespickt wird. Diese Behandlung ist nur sinnvoll bei Tumoren, die noch auf die Prostata beschränkt sind. Diese ist für ausgewählte Tumoren eine Alternative zur radikalen Prostata-Entfernung und zur Bestrahlung der Prostata von außen. Im Gegensatz zur Strahlentherapie von außen, die sich über mehrere Wochen mit fünf Behandlungssitzungen pro Woche hinzieht, erfolgt die Brachytherapie in einer einzigen Sitzung.

Hintergrund

Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von Prostatakrebs werden ab dem 45. Lebensjahr empfohlen. Männer mit einer erblichen Belastung, also deren Vater, Großvater, Bruder oder Onkel am Prostatakrebs erkrankt ist, sollten ab dem 40. Lebensjahr zur Vorsorge gehen. Dazu gehört eine Tastuntersuchung der Prostata. Der beste Blutwert zur Früherkennung des Prostatakrebses ist der PSA-Wert. Zwar wird diese Laboruntersuchung von den Krankenkassen bei der Vorsorge meist nicht bezahlt, doch sei diese regelmäßige Untersuchung unbedingt zu empfehlen, rät Prof. Björn Volkmer.

Je niedriger der PSA-Wert ist, desto größer könnten die Abstände zwischen den Untersuchungen sein. Der PSA-Wert müsse mmer beurteilt werden unter Berücksichtigung der Größe der Prostata, des Alter und der Anstiegsgeschwindigkeit des PSA-Wertes. Eine Erhöhung des PSA-Wertes könne aber zum Beispiel durch Prostata-Entzündungen, bei geringerer Erhöhung aber auch durch die Tastuntersuchung der Prostata, intensives Fahrradfahren oder Blasenspiegelungen hervorgerufen sein. Bei dringendem Prostatakrebsverdacht sollte dann eine Gewebsprobe aus unterschiedlichen Bereichen der Prostata vom After oder Damm aus erfolgen. (hei)

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