Raus aus dem Teufelskreis

+
Burn-out: Emotionale und körperliche Erschöpfung sowie Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung sind Anzeichen dafür.

Ein Burn-out ist eine Stresskrankheit, bei dem der Stress das körperliche, geistige und seelische Gleichgewicht zerstört, und der Betroffene Richtung Apathie und Handlungsunfähigkeit abdriftet. Es wird meist von äußeren Faktoren ausgelöst.

Lesen Sie auch:

Ratschlag für Angehörige

Insgesamt gibt es mehr als 130 Anzeichen für ein Burn-out-Syndrom. Die Leitende Psychologin der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Am Hofgarten in Bad Arolsen, Dr. Ute Theissing, beantwortet Fragen der HNA-Leser zum Thema.

Anna F. aus Korbach fragt: Ich bin dauernd müde, habe zu nichts Lust, kann mich nur schwer aufraffen und scheue Kontakt zu anderen Menschen. Das hatte ich noch nie. Zur Arbeit fahre ich nur noch mit Übelkeitsgefühlen. Ist das ein Burn-out?

Dr. Ute Theissing: Burn-out bedeutet wörtlich übersetzt „ausbrennen“ und ist ein schillernder, schwer fassbarer Begriff. Erschöpfung, Müdigkeit, Energiemangel, ein Gefühl der inneren Leere, psychosomatische Beschwerden - insgesamt mehr als 130 Anzeichen gibt es für ein Burn-out. Doch keines allein reicht für eine Diagnose. Die einzelnen Beschwerden sind meist gar nicht so schlimm. Die Warnsignale des Körpers werden von den Betroffenen in der Regel zunächst überhört. Burn-out ist ein schleichender Prozess. Die Anzahl und Stärke der Symptome nimmt im Laufe der Jahre zu.

Wie kann ich erkennen, ob ich an Burn-out leide? Das möchte Herr S. aus Vöhl wissen.

Theissing: Die Diagnose eines Burn-out – das sogenannte Burn-out-Syndrom - sollte immer dann gestellt werden, wenn Beschwerden in drei verschiedenen Bereichen auftreten. Weitreichende Forschungen haben diesen Beschwerdekomplex bei allen Burn-out-Betroffenen festgestellt: Der Betroffene fühlt sich emotional und körperlich erschöpft: Das Mitgefühl nimmt ab, der Einzelne fühlt sich zunehmend lustloser, reizbarer, gedämpfter. Teilweise treten Schuldgefühle auf. Die Müdigkeit und Kraftlosigkeit nehmen zu. Dehumanisierung/Depersonalisierung: Die innerliche Distanz zu sich und anderen wird größer. Manche werden zynischer. Subjektive Leistungsunzufriedenheit: Der Betroffene ist mit der eigenen Leistung unzufrieden, die eigenen Ansprüche an sich selbst können nicht mehr in dem gewünschtem Maße erfüllt werden. Dies sollte aber auf jeden Fall ärztlich abklärt werden, um auch weitere Folgeerkrankungen zu verhindern

Helmut K. aus Volkmarsen fragt: Nach meinem Burn-out und einer guten Therapie in einer Klinik habe ich nun Angst davor, dass der Burn-out schnell wieder zurückkehrt. Ich mache begleitend eine ambulante Gesprächstherapie. Kann ich zusätzlich noch etwas tun?

Theissing: Sie haben genau das Richtige getan. Liegen ein Burn-out-Syndrom oder bereits eine oder mehrere Folgeerkrankungen vor, ist eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll und meist notwendig, denn alleine ist es schwer, den Teufelskreis zu durchbrechen. Langfristige Veränderungen werden durch eine Verhaltensänderung erreicht. Zur psychotherapeutischen Behandlung eines Burn-out-Syndroms hat sich die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie als besonders effektiv erwiesen.

Peter W. aus Waldeck fragt: Ich habe Burn-out, weiß aber nicht, wie ich das an der Arbeit erklären soll. Ich habe Angst, meinen Arbeitsplatz zu verlieren. Ich warte auf einen Klinikplatz und bin krank geschrieben. Die Kollegen fragen ständig, was ich habe.

Theissing: Sicher haben Ihre Kollegen am Arbeitsplatz erkannt, dass Sie sich verändert haben, vielleicht waren sie nicht mehr so leistungsfähig, wirkten erschöpft. Möglicherweise fragen ihre Kollegen, weil sie verunsichert sind, weil sie nicht wissen, was mit Ihnen los ist, und weil sie sich Sorgen machen. Ein „Outing“ könnte psychischen Druck von der Seele nehmen. Auf der anderen Seite könnte es Ihre Karriere gefährden. Dies hängt jedoch von der Unternehmenskultur ab, insofern ist die Frage, ob man sich „outen“ soll oder nicht, generell schwer zu beantworten. Mein Rat: Wenn Sie echte Vertraute im Betrieb haben, können Sie diesen Personen mitteilen, dass Sie unter Burnout leiden. Ansonsten halten Sie sich lieber mit der Diagnose zunächst zurück, betonen Sie aber, dass Sie wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren werden. Besprechen sie in der Klinik mit Ihren Therapeuten, wie und was Sie am Arbeitsplatz kommunizieren.

Anne D. aus Diemelstadt fragt: Bei mir wurde ein Burn-out diagnostiziert. Jetzt warte ich auf einen Platz in einer Klinik. Einen ambulatnen Therapieplatz habe ich nicht bekommen. Ich habe Angst, dass ich das alles bis zum Klinikaufenthalt nicht mehr packe.

Theissing: Im Moment ist es wichtig, dass Sie Ihre körperlichen Bedürfnisse beachten: ausreichend schlafen, gesund essen und sich Zeit für das Essen und die Körperpflege gönnen, bewegen sie sich. Versuchen Sie zu entspannen. Ganz wichtig: Sprechen Sie mit anderen über Ihre Situation. Sie sollten sich ggf. arbeitsunfähig schreiben lassen, um eine akute Entlastung zu erzielen.

Vorsorge

Tipps, um nicht in einen Burn-out-Prozess zu gelangen

Um einem Burn-out-Prozess entgegenzuwirken, gibt Dr. Ute Theissing folgende Tipps: Zunächst die körperlichen Bedürfnisse beachten: ausreichend schlafen, gesund essen und sich Zeit für das Essen und die Körperpflege gönnen.

• Bewegung und Sport

• Regelmäßig am Tag kleinere Pausen einlegen, jede Woche größere Pausen ohne Anstrengung einplanen, Urlaub ohne „Freizeitstress“ machen

• Gezielte Entspannungstechniken erlernen und regelmäßig anwenden, z.B. progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Autogenes Training, Yoga, Tai Chi, Chi Gong

• Beruf und Privatleben ausbalancieren, dafür wieder Hobbys und soziale Kontakte pflegen

• Bewusst kleinere Dinge im Alltag genießen (Sonnenuntergang, eine warme Dusche, ein Saunabesuch etc.)

• Mit anderen über Burn-out sprechen und nach Lösungen suchen, ggf. Betriebs-/Personalrat oder Frauenbeauftragte ansprechen, Gesundheitszirkel anregen und sich engagieren

• Sich konkrete, schaffbare Ziele setzen und dadurch wieder Erfolgserlebnisse erleben

• Nein-Sagen lernen

• Seinen eigenen Perfektionismus reduzieren, kleine Fehler als zum Leben gehörend akzeptieren

• Sich der eigenen Person Wertschätzung entgegenbringen, sich öfter mal selbst loben

• Aufgaben und Arbeiten an andere delegieren

• Zeitmanagement erlernen und anwenden, die eigene „innere Uhr“ beachten

• Stressmanagement trainieren (Seminare, Workshops) Und das Wichtigste:

• Unveränderliches akzeptieren, Veränderbares aktiv verändern, dadurch nicht die Energie in „sinnlose“ Dinge stecken. (mov/may)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.