Schonende Narkose für Senioren

Es ist noch gar nicht so lange her, da bedeutete eine anstehende Operation eines alten Patienten nicht zuletzt durch die erforderliche Narkose ein erhebliches Risiko. Je älter der Patient war, umso problematischer war die Abwägung von Nutzen und Risiko des geplanten Eingriffs.

Das sieht heutzutage anders aus: „Von Seiten der Narkose gibt es mittlerweile keine Einschränkung mehr beim Alter“, bestätigt der Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin im Roten Kreuz Krankenhaus Kassel, Privatdozent Dr. Ulrich Fauth. „Ein hohes oder gar betagtes Alter ist kein Grund mehr, auf eine erforderliche Operation zu verzichten“, so Fauth. Dies liege unter anderem an der Fortentwicklung verschiedener Regionalanästhesietechniken, die beim alten Patienten nach Möglichkeit bevorzugt eingesetzt werden.

Ulrich Fauth

Aber auch, wenn dies nicht möglich ist, gibt es sehr selten durch die Narkosetechnik bedingte Probleme. „Manchmal müssen wir sehr alte Menschen auf die Operation ein paar Tage lang vorbereiten“, erläutert der erfahrene Mediziner. Das komme zum Beispiel vor, wenn die Patienten einen ausgeprägten Flüssigkeitsmangel oder pathologische Laborwerte aufweisen. Laut Dr. Fauth sind die hoch betagten Menschen nach der Anästhesie oft weniger beeinträchtigt, als es junge Leute noch vor 15 Jahren nach einer Operation waren. Ein bis zwei Stunden im Aufwachraum reichen, dann können auch alte Patienten nach kleineren und mittleren Eingriffen in der Regel bereits auf die Normalstation verlegt werden.

Wie versiert die Narkoseärzte mittlerweile auch in der Behandlung von greisen Menschen sind, zeigt der Fall der 108-jährigen Patientin, die im Sommer erfolgreich und ohne jede Komplikation unter Vollnarkose im Roten Kreuz Krankenhaus an der Hüfte operiert wurde (die HNA berichtete).

Wie wenig die neuen, schonenden Narkosemöglichkeiten bekannt sind, bestätigte die HNA-Telefonsprechstunde zum Thema „Narkose im Alter“, während der Dr. Fauth pausenlos besorgten Anrufern Informationen gab und viele Ängste lindern konnte.

Ich bin 81 Jahre alt und habe seit einigen Jahren Gallensteine. Bis vor einem Jahr ging es ganz gut, jetzt habe ich aber häufig Gallenkoliken und nehme jede Menge Medikamente dagegen. Mein Hausarzt hat gesagt, dass eine Operation nötig ist. Ich bin sonst topfit und habe keinerlei weitere Erkrankungen. Ich habe aber trotzdem solche Angst, dass ich aus der Narkose nicht wieder aufwache.

Fauth: Das ist in der heutigen Zeit ganz außerordentlich selten. Vor allem, da Sie ja sonst offensichtlich vollkommen gesund sind. Ich hätte keinerlei Bedenken gegen eine Operation bei Ihnen. Eine Gallenblasenoperation muss in Vollnarkose erfolgen. Ein Anästhesist bespricht vor der Operation das Verfahren mit Ihnen. Er hat auch alle nötigen Unterlagen, so dass er Sie umfassend beraten und aufklären kann. In Ihrem Fall glaube ich, dass es gefährlicher ist, die Gallensteine weiter zu behalten und ständig Tabletten zu nehmen, als die Operation zu wagen.

Ich hatte bereits zwei Herzinfarkte und habe eine Herzklappe, die nicht 100-prozentig funktioniert. Bei mir steht jetzt eine Bandscheibenoperation an. Mir wird ganz mulmig, wenn ich an die Narkose denke. Mein Kardiologe hat aber schon grünes Licht gegeben.

Fauth: Das Risiko in Ihrem Fall kann ich erst abschätzen, wenn ich alle Befunde gesehen habe. Wenn Sie sich aber körperlich Ihrem Alter entsprechend normal belasten können, wie Treppenseteigen oder Spazierengehen, dann ist das schon ein recht zuverlässiges Zeichen dafür, dass Ihr Herz eine Narkose verkraften kann. Deswegen wird auch der Kardiologe keine Bedenken haben.

Ich bin 85 Jahre alt und soll übermorgen ein neues Kniegelenk bekommen. Ich leide unter einem Morbus Menière und habe oft Schwindelattacken. Ich soll unter Vollnarkose operiert werden. Kann die Narkose die Krankheit verschlimmern?

Fauth: Nein, ein Morbus Menière ist eine Erkrankung im Innenohr, die durch eine Vollnarkose nicht beeinflusst wird. Sprechen Sie dennoch noch einmal mit dem zuständigen Narkosearzt, ob nicht doch eine Spinalanästhesie für Sie infrage kommt.

Meine damals 79-jährige Frau ist vor zwei Jahren nach einem Sturz an einem Beinbruch operiert worden und hatte eine Spinalnarkose. Danach war sie ein paar Stunden vollkommen wirr. Das ist dann erst einmal wieder okay gewesen, doch nach sechs Monaten wurde sie wieder verwirrt und ist seitdem dement. Ich glaube, dass das von der Narkose kommt.

Fauth: Nein, da kann es keinen ursächlichen Zusammenhang geben. Eine Spinalanästhesie führt nicht zu einer Beeinträchtigung der Hirnleistung. Man weiß aber, dass bei alten Patienten der Stress und die Belastung im Vorfeld einer Operation, im Fall Ihrer Frau der Sturz mit Beinbruch und Transport ins Krankenhaus, zu Verwirrtheitszuständen führen können. Die bilden sich aber nach einiger Zeit zurück, wie es ja auch bei Ihrer Frau war. Dass ein halbes Jahr später eine Demenz aufgetreten ist, kann mit Sicherheit nicht auf die Narkose zurückzuführen sein.

Ich bin Allergiker und habe schon einmal auf das Narkosemittel Propofol kritisch reagiert. Wie kann man das bei einer Operation verhindern?

Fauth: Bringen Sie auf jeden Fall Ihren Allergikerpass mit ins Krankenhaus und zeigen Sie ihn dem Narkosearzt. Sollte tatsächlich eine sehr selteen Unverträglichkeit auf Propofol bestehen, gibt es alternative Substanzen für die Anästhesie, die wir dann verwenden können.

Zur Person

Ulrich Fauth wurde 1958 in Wiesbaden geboren. Er studierte Medizin in Mainz. Danach ging er von 1984 bis 2002 an die Klinik für Anästhesie der Johannes Gutenberg Universität in Mainz, machte 1992 seinen Facharzt und arbeitete dort als Oberarzt der Intensivstation und der Anästhesiebereiche Neurochirurgie und Neuroradiologie. Seit 2002 ist er Chefarzt am Roten Kreuz Krankenhaus in Kassel.

Rubriklistenbild: © dpa

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