Selbstbestimmtes Leben auf Probe

Sie sind stolz auf das in Kassel einmalige Angebot der Übergangswohnung: (von links) Birgit Schopmans, René Schwind, Georg Riester und Horst Griffaton. Foto: Persch

Es kann jeden treffen: Man hat einen Unfall und ist plötzlich auf einen Rollstuhl angewiesen. Mit dieser Einschränkung kann man nicht in die alte Wohnung zurück, da diese nicht barrierefrei und behindertengerecht ist. Ein Pflegeheim kommt aber nicht in Frage. Was nun?

Für solche Fälle vermietet der Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (Fab e.V.) Zimmer in einer Probe- und Übergangswohnung, die so bisher in Kassel einzigartig ist. Dort können Menschen mit Behinderung das eigenständige Wohnen ausprobieren oder einfach nur für den Übergang ein barrierefreies Zimmer mit Gemeinschaftsfläche anmieten.

Seit vier Jahren bietet der Verein das Wohnen auf Probe an. Seitdem haben in der Übergangswohnung 17 Menschen gelebt. Im Durchschnitt bleibt ein Mieter sieben Monate – solange, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat oder merkt, dass er doch nicht allein zurechtkommt. Die Wohnung ist auch für Menschen gedacht, die den Auszug aus dem Elternhaus planen und das selbst bestimmte Wohnen einmal ausprobieren möchten oder für Menschen, die in Alten- oder Pflegeheimen wohnen und ihre Situation verändern wollen.

Sich ausprobieren

Ein ehemaliger Mieter ist René Schwind. Der 37-Jährige aus Kassel hat eine Rückenmarkserkrankung und konnte nach einem langen Krankenhausaufenthalt nicht in seine alte Wohnung zurück. „Die Übergangswohnung war eine sehr gute Lösung für mich“, sagt Schwind. „So konnte ich in Ruhe eine neue Wohnung suchen, ohne meine Familie zu belasten.“ Denn das Leben mit einem hilfebedürftigen Menschen kann nicht nur physisch, sondern auch psychisch belastend sein. „Dass ich in der Wohnung leben konnte, war für mich eine grandiose Erleichterung. Die Sicherheit, erst einmal hier bleiben zu können, und in Ruhe eine neue Wohnung zu suchen, hat gut getan“, sagt Schwind.

„Die Wohnung ist ein Lern- und Erfahrungsfeld“, sagt Georg Riester von Fab. „Und eine unkomplizierte Möglichkeit, sich einmal auszuprobieren.“ So könne man ein selbstbestimmtes Leben in einem lebendigen, schönen Stadtteil leben und sich mit Menschen in einer ähnlichen Situation austauschen. Denn die Wohnung hat vier Zimmer und man lebt – wenn diese voll besetzt ist – wie in einer Wohngemeinschaft zusammen.

Die 150 Quadratmeter große Wohnung befindet sich im Vorderen Westen, einem Stadtteil mit barrierefreiem Nahverkehr und attraktiven Gaststätten und Geschäften. Sie ist teilmöbliert, verfügt über zwei barrierefreie Bäder, eine unterfahrbare Küche für Rollstuhlfahrer und eine Außenrampe. „Im Unterschied zu einem Pflegeheim muss hier jeder schauen, wie er sich seinen Tag organisiert und muss sich selbst verpflegen“, betont Birgit Schopmans vom Fab. „Hier ist man nicht an einen geregelten Tagesablauf gebunden.“ Menschen, die Hilfe brauchen, können sich eine Assistenz dazuholen – diese ist nicht an den Verein gebunden, kann aber von diesem auch übernommen werden.

Kontakt: Horst Griffaton, T 0 56 1/7 28 85 21

Von Gwendolyn Persch

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