Späte Schwangerschaft – Risiken und Chancen

Immer mehr Frauen in Deutschland erfüllen sich erst ab dem 35. Lebensjahr ihren Kinderwunsch. Mit diesem Alter steigt jedoch das Risiko der Patientin, ein Kind mit einer Chromosomenstörung zu bekommen deutlich an, und sie ist plötzlich mit dem Begriff „Risikoschwangerschaft“ konfrontiert.

Neben der Vorsorge beim Frauenarzt oder der Hebamme gibt es noch eine Reihe von Untersuchungen, mit denen gezielt nach Hinweisen auf eine mögliche Behinderung oder Fehlentwicklung des Kindes gesucht wird: Die pränatale, also vorgeburtliche, Diagnostik lässt immer früher gesundheitliche Beeinträchtigungen beim Ungeborenen erkennen - beispielsweise Herzfehler , „offener Rücken“, Skelettfehlbildungen aber auch fehlerhafte Erbanlagen, die sogenannten Chromosomenanomalien. Welche Möglichkeiten gibt es heute in der Medizin und was können sie leisten?

Susanna Hellmeister, ausgewiesene Ultraschall-Expertin und Oberärztin für Pränatalmedizin, erklärt Vor- und Nachteile der wichtigsten Untersuchungen zur Früherkennung. Sie betreut in ihrer Praxis an der Kreisklinik Groß-Umstadt Patientinnen mit speziellen Fragestellungen im Bereich Schwangerschaft und Brustdiagnostik und verstärkt dort seit September 2011 das gynäkologische Team um den frisch ernannten Chefarzt Dr. med. Thomas Martin. Patientinnen kommen auf Zuweisung ihres Frauenarztes in der Schwangerschaft, zur Zweitmeinung, aber auch zu bestimmten Untersuchungen wie der Feindiagnostik zu Frau Hellmeister. Sie erklärt im Folgenden die wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen bei Risikoschwangerschaften.

Frau Hellmeister, wie frühzeitig lassen sich Chromosomenstörungen in der Schwangerschaft erkennen?

„Zwischen der 11. und 14. SSW werden im Ersttrimesterscreening die sogenannte ,Nackenfalte‘ des Babys gemessen, bestimmte Blutwerte abgenommen und eine frühe Feindiagnostik durchgeführt. In Zusammenschau all dieser Parameter erfolgt die Risikoberechnung für Chromosomenstörungen wie Trisomie 21/Down Syndrom oder Trisomie 13/Pätau-Syndrom. Jetzt können schon schwere Organ-Fehlbildungen ausgeschlossen werden. Gibt es dort Auffälligkeiten, kann zeitnah eine Punktion der Placenta als „Chorionzottenbiopsie (CVS)" durchgeführt werden, um eine definitive Klarheit über die Chromosomen zu bekommen.“

Was passiert, wenn das Ergebnis der Untersuchung auffällig war?

„Nachdem das Ergebnis der Blutuntersuchung auffällig war, wird eine frühe Feindiagnostik (14-18. SSW) durchgeführt. Dabei hat man die Möglichkeit, das Kind nochmal genauer anzuschauen und bei Bedarf eine Chorionzottenbiospsie oder eine Fruchtwasseruntersuchung durchzuführen. Meist ist auch das Geschlecht schon sichtbar. Bei der Chorionzottenbiopsie werden kleine Gewebeproben an dem Mutterkuchen entnommen und labortechnisch untersucht. Bei der Fruchtwasseruntersuchung wird das Fruchtwasser entnommen, das kindliche Zellen enthält. Mit einem gewissen Risiko sind diese invasiven Untersuchungen behaftet, doch liegt das Risiko einer Fehlgeburt in auf Pränataldiagnostik spezialisierten Praxen bei unter 0,5 %. Die Entscheidung für oder gegen die Untersuchungen muss von den werdenden Eltern genau abgewogen werden, das Ergebnis ist danach allerdings nahezu 100%ig genau.“

Wann findet die Feindiagnostik normalerweise statt?

„Zwischen 20 und 23 Schwangerschaftswochen ist die übliche Zeit für die Feindiagnostik. Zu dieser Zeit sind die meisten Organe des Kindes so weit entwickelt, dass sie gut zu beurteilen sind. Das Kind ist aber noch nicht so groß und von allen Seiten anzuschauen. Im Rahmen der fetalen Echokardiographie wird das Herz des Babys genauer untersucht, um Herzfehlbildungen auszuschließen. Die Doppler-Untersuchung dient dazu, die Durchblutung des Mutterkuchens sowohl auf der kindlichen als auch auf der mütterlichen Seite zu prüfen. Dadurch können Risikofaktoren für eine Wachstumsstörung des Kindes oder für die Entwicklung mütterlicher schwangerschaftsbedingten Erkrankungen erkannt werden. Auch in späteren Schwangerschaftswochen kann mittels der „ Dopplersonographie „ die Versorgung des Kindes überprüft werden. So kann man z.B unterscheiden, ob ein Kind ‚normal‘ klein oder unterversorgt ist.“

Wie können Sie Schwangeren helfen, bei denen die Untersuchungen Auffälligkeiten gezeigt haben?

„Kinder, bei denen in der Frühschwangerschaft eine Auffälligkeit festgestellt wurde, werden von uns über die gesamte Schwangerschaft zusammen mit den niedergelassenen Kollegen und anderen Spezialisten in Groß-Umstadt, aber auch deutschlandweit, intensiv weiter betreut. Die gute Vernetzung der Klinik in Groß-Umstadt sorgt dafür, dass Patientinnen, bei deren Kind beispielsweise ein Herzfehler oder ein offener Rücken entdeckt wurde, bei Bedarf an die richtige Klinik verwiesen werden können. In bestimmten Fällen kann ein Kind bereits im Mutterleib operiert werden, bei anderen Kindern müssen rund um die Geburt besondere Bedingungen geschaffen werden. Wir haben im Hause auch Spezialisten, die bei bestimmten Diagnosen beratend und handelnd zur Seite stehen. Herr Dr. Dr. med. Ghahremani ist als Chefarzt für ästhetische Chirurgie und Gesichtschirurgie beispielsweise ein Spezialist für Lippenkiefergaumenspalten. Ich achte sehr darauf, den Familien kompetenten medizinischen, aber auch mentalen Beistand zu geben. Ich habe die psychosomatische Grundversorgung und bilde mich regelmäßig insbesondere im traumatherapeutischen Gebiet weiter. In unserem Hause arbeitet außerdem ein hochkompetentes Hebammenteam, von denen einige auch die Ausbildung zur Betreuung traumatischer und belastender Situationen in und um die Schwangerschaft haben. Des Weiteren kann der Kontakt zu anderen betroffenen Eltern, Selbsthilfegruppen oder Psychologen hergestellt werden. In Notfällen stehen uns die Kollegen im neu eröffneten Haus der seelischen Gesundheit mit Rat und Tat zur Seite. Egal, welche Entscheidung die Eltern treffen: Sie sind nicht allein.“ Am wichtigsten ist mir, dass die Patientin eine entspannte und sichere Schwangerschaft haben kann, dass sie gut beraten ist und keinen unnötigen Stress hat. Man sollte nie vergessen, dass in den meisten Fällen alles gut läuft, und dass auch die ,Risikoschwangere‘ ein gesundes Kind bekommt.“ (nh)

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