Tandem-Urlaub

Morgens um 9 Uhr eilt Maria K. in den Supermarkt, um das Nötigste einzukaufen. Im Laufschritt hastet sie durch die Regale, in der Schlange vor der Kasse wünscht sie, die junge Frau vor ihr hätte ein paar Teile weniger eingekauft.

Wie jeden Tag hat sie ihrem Mann vor ihrem Weggang gesagt, dass sie sich beeilt und gleich wieder zurück ist. Und wie jeden Tag weiß sie, dass er dennoch unruhig und angstvoll auf sie wartet. Denn Heinrich K. hat Angst, allein zu sein.

Wie der Alltag eines Demenzkranken aussieht

Er leidet an Demenz im fortgeschrittenen Stadium. Die Krankheit, die vor sechs Jahren mit harmloser Vergesslichkeit begann, hat sich immer mehr verschlimmert und den Aktionsradius des einst aktiven Mannes auf ein Minimum eingeschränkt.

Heute kann der Hobbyhandwerker nicht mehr mit seinem Werkzeug umgehen, seine geliebten Spaziergänge in den nah gelegenen Wald sind unmöglich geworden, denn er findet nicht mehr zurück zu seinem Haus.

Tag und Nacht ist er auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. Und Tag und Nacht muss sie für ihn da sein, ihn unterstützen, ihn trösten, nachts mit ihm aufstehen.

Früher fuhren sie regelmäßig in Urlaub und redeten oft stundenlang über dies und das. Heute sitzt ihr hilfloser Ehemann nur noch auf dem Sofa und starrt traurig vor sich hin. Da eine Unterhaltung mit ihm fast unmöglich geworden ist, haben sich Bekannte und Freunde zurückgezogen.

Wie die Partner damit umgehen 

Der Alltag mit einem Demenzkranken ist eine Endlosschleife körperlicher und emotionaler Belastung. Viele pflegende Angehörige – meist sind es die Ehefrauen – stellen sich hundertprozentig auf die Krankheit ihres Partners ein und stellen ihre eigenen Bedürfnisse und ihre eigene Gesundheit vollständig in den Hintergrund.

Totale Erschöpfung und Vereinsamung sind die häufigen Konsequenzen der aufopferungsvollen Liebe für den Partner. Bei der Awo kennt man die spezifischen Probleme von Demenzkranken und ihren pflegenden Angehörigen. Deshalb hat man dort den Tandem-Urlaub entwickelt.

Wie ein Tandem-Urlaub beiden helfen kann

"Er gibt Angehörigen die Möglichkeit, sich wenigstens an acht Tagen im Jahr zu regenerieren und physisch zu stärken, während der erkrankte Partner in professionellen Händen gut aufgehoben ist“, erläutert Alfred Hartenbach, Vorstandsmitglied der Awo-Stiftung Lichtblicke.

Das Wechselspiel aus Entspannungs- und Regenerationsangeboten und gleichzeitiger psychologischer Unterstützung mit nützlichen Alltagstipps für die pflegende Person einerseits sowie einer liebevollen Betreuung durch Altenpflegefachkräfte andererseits zeichnet Tandem aus.

Daneben sind die vielen gemeinsamen Aktivitäten während des Urlaubs und der Austausch mit anderen Betroffenen für viele Tandem-Gäste eine Wohltat und oft genug die Grundlage für zukünftige freundschaftliche und hilfreiche Kontakte.

Das hotelähnliche Landhaus Fernblick in Winterberg trägt mit seiner Bade- und Wellnesslandschaft, einem Restaurant und Café und nicht zuletzt mit einer wunderschönen Umgebung zum Gelingen des Urlaubs bei.

Erfolgsmodell für Kranke und Pflegende

Seit 2006 führt die Awo-Stiftung Lichtblicke zweimal pro Jahr Tandem-Urlaube durch. Viele der Gäste, die einmal bei Tandem dabei waren, melden sich ein zweites Mal an.

Alfred Hartenbach. „Das zeigt uns, dass wir mit unserem Konzept richtig liegen. Denn wir kombinieren drei, für diese Zielgruppe essentielle Faktoren: für die Angehörigen Entspannung und Regeneration sowie intensive psychotherapeutische Unterstützung, die sie darin unterstützt, eigene Kraftquellen zu entdecken und zu nutzen. Für die erkrankten Personen professionelle Betreuung und Pflege.“

Kosten

Die Kosten für das Regenerationsprogramm der Angehörigen übernimmt die Stiftung, die Betreuung der Demenzkranken finanziert die Pflegekasse. Die Reiseteilnehmer zahlen für Übernachtung und Verpflegung. (daß)

Anmeldung und nähere Informationen

AWO-Stiftung Lichtblicke

Sigrid Wieder

Wilhelmshöher Allee 32 A

34117 Kassel

Tel. : 0561/50 77-103

Mail: sigrid.wieder@awo-nodhessen.de

www.awo-nordhessen.de

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