Wechsel von Therapie und Alltag

+
Klar gegliederter Ablauf: Eine Tagesklinik bietet die enge Verzahnung eines intensiven ganztägigen Therapieangebotes mit der aktuellen Lebenssituation und Alltagswelt der Patienten.

Die Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen und Essstörungen kann langwierig sein. Neben den Therapieformen ambulant und stationär gibt es noch die teilstationäre Behandlung. Eine Tagesklinik kommt auch dann in Frage, wenn Gründe gegen einen vollstationären Aufenthalt sprechen, wie zum Beispiel familiäre Verpflichtungen.

Dr. Thomas Gärtner, Chefarzt der Schön Klinik Bad Arolsen, hat unsere Leser zur psychosomatischen Tagesklinik in der Telefonsprechstunde beraten.

Ich bin weiblich, 70 Jahre alt und leide bereits seit 30 Jahren unter Angstzuständen und Depressionen. Vor 20 Jahren hat mir ein stationärer Aufenthalt mit Hypnotherapie sehr geholfen. Ich nehme seit langer Zeit ein verschreibungspflichtiges Beruhigungsmittel ein. Mein Hausarzt hat mit eine ambulante Behandlung empfohlen, aber nach sechs jeweils einstündigen Behandlungen habe ich die Therapie abgebrochen. Können Sie mir weiterhelfen?   

DR. THOMAS GÄRTNER: Dass Sie gute Erfahrungen mit der Hypnotherapie gemacht haben, spricht dafür, erneut einen Versuch bei einem Psychotherapeuten zu machen, der diese Methode anbietet. Auf jeden Fall sollten zunächst die Möglichkeiten einer ambulanten Therapie ausgeschöpft werden. Aber wenn die nicht ausreicht, muss eine teil- oder vollstationäre Behandlung erwogen werden.

Das Beruhigungsmittel, das Sie einnehmen, ist nur für einen vier- bis sechswöchigen Zeitraum vorgesehen und sollte nur in Ausnahmefällen länger verabreicht werden. Neben der Gefahr einer Abhängigkeit besteht gerade bei älteren Menschen ein erhöhtes Sturzrisiko.

Ich bin weiblich, 60 Jahre alt und leide unter Angststörungen. Das geht soweit, dass ich nachts kaum schlafen kann und mich kaum traue, allein das Haus zu verlassen. Deshalb habe ich auch keine ambulante Therapie mehr geschafft. Hinzu kommen ein stetes Pfeifen in den Ohren und Magenprobleme. Ich habe bereits vor fünf Jahren gute Erfahrungen mit einer stationären Therapie gemacht, habe aber Sorge, dass es zu Gerede im Dorf kommt, wenn ich über einen längeren Zeitraum nicht Zuhause bin. Mein Wohnort befindet sich in der Nähe Ihrer Einrichtung. Was raten Sie mir? 

GÄRTNER: Die Beschwerden, die Sie beschreiben, sprechen für eine ängstliche Depression, die sich prinzipiell sehr gut behandeln lässt. Allerdings sollten bei Ihnen dafür vier bis sechs Wochen Krankenhausbehandlung eingeplant werden. Da Sie das Gerede im Dorf umgehen wollen, scheint eine psychosomatische Tagesklinik besonders geeignet. Sie verlassen jeden Morgen das Haus und kehren nach der Therapie am Abend wieder zurück. Durch den regelmäßigen Wechsel erleben Sie das therapeutische Milieu und das häusliche Umfeld praktisch gleichzeitig. Die Strecke könnten Sie gut mit dem Fahrrad schaffen und damit die Therapie zusätzlich unterstützen, da Bewegung einen wichtigen Teil ausmacht. 

Ich bin weiblich und rufe wegen meiner Enkelin an. Ich mache mir große Sorgen, da sie extrem untergewichtig ist. Bei einer Körpergröße von 1,78 Meter wiegt sie nur noch 45 Kilogramm. Hinzu kommt, dass sie sich nach dem Essen erbricht und zudem selbst verletzt. Sie selbst möchte aber ihre Ausbildung derzeit nicht für eine stationäre Behandlung unterbrechen. Wir als nahe Familienangehörige leiden sehr unter dieser Situation, da wir sie gegen ihren Willen nicht zu einer Therapie zwingen können. Haben Sie einen Rat für uns?

GÄRTNER: Die Sorge um Ihre Enkelin scheint absolut berechtigt. Sie leidet sehr wahrscheinlich an einer potentiell lebensbedrohlichen Essstörung. Die sollte so schnell wie möglich behandelt werden, auch wenn es nachvollziehbar ist, dass Ihre Enkelin die Ausbildung nicht unterbrechen möchte. Gerade bei Essstörungen fehlen nicht selten Krankheitseinsicht und Bereitschaft, sich behandeln zu lassen. Sie als Familienangehörige können nur unterstützend zur Seite stehen. In der Schön Klinik Bad Arolsen gäbe es für Ihre Enkelin die Möglichkeit, die Einrichtung vor Ort zu besichtigen und sich unverbindlich beraten zu lassen.

Wir haben zwei auf Essstörungen spezialisierte Stationen, auf denen auch tagesklinische Behandlung möglich ist. Hier spüren die Patienten, dass sie nicht allein mit ihren Problemen sind und Unterstützung finden. Bei Familienangehörigen von Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen besteht selbst eine erhöhte Gefahr für psychische Probleme. Auch Sie sollten daher auf sich achten und bei Bedarf frühzeitig Hilfe suchen, um mit der belastenden Situation besser umgehen zu können.

Von Sandra Köhler

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

der Inhalt dieses Artikels entstand in Zusammenarbeit mit unserem Partner. Da eine faire Betreuung der Kommentare nicht sichergestellt werden kann, ist der Text nicht kommentierbar.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.