Auch der ganze Kopf kann „rauschen“

Tinnitus hat viele Ursachen

Hörgerät

Ohrgeräusche können die Psyche erheblich belasten. Dass der sogenannte Tinnitus viele Menschen betrifft, zeigte sich am Mittwochabend bei unserer Gesundheitssprechstunde.

Dr. Hans-Heiner Fastenau, Leitender Oberarzt der HNO-Klinik im Klinikum Bremen -Mitte, Dr. Aleksander Winiarski , niedergelassener Facharzt in Bremen , Dr. Henning Schwarze , niedergelassener Facharzt in Syke und Ruth Garske , Leiterin einer Tinnitus-Selbsthilfegruppe , hatten jede Menge Anfragen zu bewältigen.

Herr F. (47) aus Harpstedt berichtet über ein seit fünf Jahren bestehendes Rauschen im rechten Ohr, das ihn vor allem morgens ab fünf Uhr sehr stark beeinträchtigt. Er hat im Fahrzeughandel gearbeitet und dabei sehr viel Stress verspürt. Die berufliche Tätigkeit hat er mittlerweile zurückgefahren, eine Besserung der Symptome ist jedoch noch nicht eingetreten. Dr. Schwarze: Ich habe Herrn F. geraten, einen HNO-Arzt aufzusuchen, um gegebenenfalls eine Schädigung des Hörnervs festzustellen bzw. auszuschließen. Schließlich ist bisher noch keine ausführliche Diagnostik im Hals-Nasen-Ohren-Bereich erfolgt. Anschließend sollten medikamentöse Maßnahmen geprüft werden.

Frau M. (57) aus der Harzregion hat vor zwei Monaten einen Hörsturz auf der rechten Seite mit Ertaubung erlitten. Sie leidet seitdem an einem starken Ohrgeräusch rechtsseitig. Das Gehör habe sich seither noch nicht wieder richtig erholt, und der Tinnitus sei unerträglich. Unter anderem habe sie sich bereits einer Operation sowie einer Infusionsbehandlung unterzogen. Bei letzterer seien auch Kortisonpräparate verabreicht worden. Dr. Schwarze: Ich habe ihr dazu geraten, eventuell noch einmal eine Tinnitusklinik aufzusuchen und vielleicht ein Hörgerät anzuwenden, um dann die Hörleistung des Ohres zu verbessern. Gleichzeitig ließe sich das Ohrgeräusch etwas herunterregeln.

Herr M. (45) aus Nienburg leidet seit zwölf Wochen an einem linksseitigen Ohrgeräusch, ohne Verminderung. Er war vorstellig bei zwei HNO-Ärzten in Nienburg. Dabei wurde eine Verminderung ausgeschlossen und als Ursache eine Störung im Halswirbelbereich diagnostiziert. Eine Behandlung der Halswirbelsäule mittels Krankengymnastik habe aber bisher noch zu keiner Beeinflussung des Ohrgeräusches geführt. Dr. Schwarze: Auch diesem Patienten habe ich geraten, noch einmal seinen HNO-Arzt aufzusuchen, um eine hörnervdiagnostische Untersuchung durchführen zu lassen. Im schlimmsten Fall muss man hier an einen Tumor des Hörnervs denken. Doch auch ein weiterer Versuch einer medikamentösen Therapie kommt in Betracht, etwa mit dem Einsatz von Kortison.

Frau G. (74) aus Nienburg leidet unter ständigem Sausen und Zischen in den Ohren. Sie hat dadurch erhebliche Einschlafstörungen. Vor Jahren hatte sie sich einen grippalen Infekt zugezogen, in dessen Folgezeit die Ohrgeräusche zunächst auf der linken Seite, später auch rechts auftraten. Therapeutische Maßnahmen, wie etwa Infusionen, haben keinen Erfolg gebracht. Dr. Schwarze: Da auch einen geringfügige Schwerhörigkeit besteht, habe ich der Patientin empfohlen, sich in nächster Zeit zum Hörgeräteakustiker zu begeben. Über die Hörgeräteanpassung könnte man versuchen, die Ohrgeräusche zu unterdrücken.

Herr R. (73) aus Achim leidet seit 1983 an einem Tinnitus im Sinne eines Rauschens, das er im Kopf lokalisiert. Er bekam Infusionen und Akupunktur, außerdem wurden verschiedene andere Therapien angewendet, die aber keinen Erfolg gebracht haben. Herr R. ist seit sechs Jahren Hörgeräteträger, aber auch das hat bisher nicht zu einer wesentlichen Beeinflussung des Ohrgeräusches geführt. Dr. Schwarze: Ich habe dem Patienten geraten, das Kopfgeräusch zu akzeptieren. Eventuell kann der Akustiker nochmals eine Feinabstimmung des Hörgerätes vornehmen, so dass das Rauschen besser unterdrückt wird. Ferner habe ich zu Maßnahmen geraten, die die Einschlafsituation verbessern können. Ein Zimmerspringbrunnen oder das Hören von klassischer Musik zur Nachtruhe könnten beispielsweise helfen.

Herr O. (77) aus Oyten berichtet, dass er ein linksseitiges Ohrensausen hat. Bisher sei keinerlei ärztliche Abklärung und auch keine Behandlung erfolgt. Er befürchtet, schwerhörig zu sein. Dr. Fastenau: Zunächst sollte Herr O. einen HNO-Arzt aufzusuchen, um eine Abklärung mit Hörtest durchzuführen. In solchen Fällen kommt als Hilfe gegen das Ohrensausen in erster Linie das Hörgerät in Frage.

Herr G. (76) aus Brinkum berichtet über seinen seit zehn bis 15 Jahren vorhandenen Tinnitus mit einer Verschlimmerung in den letzten Jahren. Erstaunlicherweise tritt dieser Tinnitus nur am Nachmittag auf. Es bestünden keine Ein- und Durchschlafstörungen, und auch am Vormittag sei das Geräusch nicht zu hören. Dr. Fastenau: Auf Grund der Besonderheit des zeitlich begrenzten Auftretens habe ich einen möglichen Zusammenhang mit Blutdruckspitzen zu bestimmten Tageszeiten vermutet. Dementsprechend habe ich zu einer internistischen Abklärung mit Langzeitblutdruckmessung geraten.

Frau K. (48) aus Sulingen berichtet über einen vor etwa fünf Wochen aufgetretenen Schwindel. Wegen dieses Schwindels wurde ihr angeraten, eine krankengymnastische Übung mit schnellen Lagewechseln durchzuführen, was sie auch tat. Dabei ist es zu einem Ohrensausen gekommen. Die seit kurzem erfolgende Behandlung ihrer Halswirbelsäule zeigt noch keinen Erfolg. Dr. Fastenau: Ich riet Frau K. , trotz des wahrscheinlichen Zusammenhangs mit der Halswirbelsäule noch einmal eine Abklärung mit Kernspintomografie durchzuführen. Da der Tinnitus noch in der Akutphase ist, wäre außerdem der Versuch einer Akutbehandlung, unter Umständen mit Kortison, sinnvoll.

Frau W. (73) aus Twistringen berichtet über einen Tinnitus in Form eines Brummens, der 14 Tage lang bestanden habe und nun verschwunden sei. Sie vermutet einen Zusammenhang mit einem Oberkieferimplantat. Dr. Fastenau: Fälle von Ohrensausen im Zusammenhang mit Kieferfehlbelastungen sind durchaus denkbar, so dass eine kieferorthopädische Beurteilung schnellstmöglich erfolgen sollte.

Herr Sch. (48) aus Bremen berichtet über ein seit sechs Monaten bestehendes einseitiges Pfeifen, das immer dann auftritt, wenn er einen Gehörschutz im Gehörgang trägt. Dr. Fastenau: Ich riet ihm, sich nach einer Überprüfung des Gehörs durch einen HNO-Arzt auch an den Werksarzt zu wenden. Dieser kann über Alternativen für den Gehörschutz, zum Beispiel ein Kapselgehörschutz, informieren.

Frau W. (85) aus Nienburg ist zur Behandlung ihres Tinnitus in der Klinik Bad Nauheim gewesen. Dort wurden eisenhaltige Wasserbäder angewendet, die zur vollständigen Genesung führten. Frau Ruth Garske: Es ist durchaus möglich, dass ein Tinnitus aufgrund von Eisenmangel entsteht. Die Krankheit steht häufig mit einer unzureichenden Durchblutung im Zusammenhang.

Herr B. (76) aus Kirchweyhe hat seit über 20 Jahren Tinnitus und kommt damit nicht mehr alleine zurecht. Er möchte in die Selbsthilfegruppe kommen. Frau Ruth Garske: Ich habe Herrn B. herzlich eingeladen, mit mir einen Termin zu vereinbaren. Da die Gruppentreffen in Bremen stattfinden, habe ich ihm die Möglichkeit einer Fahrgemeinschaft angeboten.

Frau K. (50) aus Kirchweyhe leidet seit vier Jahren unter beidseitigem Tinnitus. Hinzu kommen häufige Kopfschmerzen sowie Kiefergelenkverspannungen. Während sie im orthopädischen bzw. kieferorthopädischen Bereich bereits viele Ärzte aufgesucht hat, ist eine umfassende Untersuchung durch einen HNO-Arzt noch nicht erfolgt. Dr. Winiarski: Meine Empfehlung lautete daher, unbedingt den Weg zum HNO-Arzt zu finden. Parallel wäre im Hinblick auf eine größere Trainingstherapie auch das Gespräch mit einem Psychologen sinnvoll. Denkbar wäre eine Therapie in einer psychosomatischen Klinik, an die sich beispielsweise ambulante Maßnahmen im Tinnituszentrum anschließen würden. Wichtig ist, bei Frau K. auch die Audiometrie bzw. Kinemetrie zu testen und festzustellen, ob eine Schwerhörigkeit vorliegt.

Herr K. aus Bremen leidet seit sechs Monaten unter beidseitigem Tinnitus, der Anfangs im Zusammenhang mit der so genannten Ohrtrompete stand. Dr. Winiarski: In diesem Fall könnte durchaus sein, dass der Tinnitus auf Grund eines Mittelohrbelüftungsstaus entsteht. Ich habe Herrn K. geraten, einen HNO-Arzt aufsuchen. Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, im Hinblick auf einen speziellen Eingriff am Trommelfell eine HNO-Klinik zu kontaktieren.

Frau B. (76) schildert einen beidseitigen Tinnitus mit beginnender Schwerhörigkeit und enormen Sprachbeständigkeits-Defiziten. Dr. Winiarski: In diesem Fall sollte der Hörgeräteakustiker einen speziellen Hörtest zum Anpassen vornehmen, um die Sprachbeständigkeit zu verbessern.

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