Blutkonserven-Vorrat sinkt

Experten: Noch kein Ende der Grippe-Welle in Sicht

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Tagelang lahmgelegt: Die Grippewelle läuft auf Hochtouren - mehr als doppelt so viele Patienten wie sonst suchen derzeit wegen Atemwegserkrankungen einen Arzt auf.

In diesem Jahr hat die Grippewelle Deutschland schwer erwischt. Hinzu kommt, dass die Impfung nicht optimal wirkt und mittlerweile der Vorrat an Blutkonserven sinkt. Eine Ende der Welle ist nach Expertenaussagen noch nicht in Sicht.

Die laufende Grippesaison ist in Deutschland auf dem Höhepunkt angekommen - und hat es in sich. Fast 40.000 Menschen sind bisher nachweislich an Influenza erkrankt, im ganzen Land wird gefiebert, geschnupft und gehustet. Dazu kommt noch ein Negativ-Effekt: Ein wandlungsfreudiges Grippevirus hat eine Komponente der Impfung außer Kraft gesetzt. Geimpfte haben damit keinen so guten Schutz wie in anderen Jahren. Grippeforscher rechnen deshalb damit, dass es zum Ende der Saison mehr Tote geben könnte als sonst in einem Winterhalbjahr üblich. Für Belege ist es aber zu früh.

Auch knapp sechs Wochen nach dem Ausbruch sehen Experten noch kein Ende der Grippewelle. „Der Anstieg scheint aber inzwischen etwas langsamer zu verlaufen“, sagte eine Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL).

Infektionsrisiko für die Grippe war vergangene Woche am höchsten

Nach ihren Angaben wurden den bayerischen Gesundheitsämtern 2370 neue Infektionen mit Influenza-Viren gemeldet. Das seien zwar etwas weniger als in der Vorwoche, als die Landesbehörde samt der nachgemeldeten Fälle mehr als 2500 Neuerkrankungen registriert hatte. Aber es seien deutlich mehr als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres.

Gemessen an den neuesten Influenza-Zahlen bestand in der vergangenen Woche das höchste Infektionsrisiko in Oberbayern. Von dort meldeten Ärzte und Krankenhäuser bis zum Freitag 503 neue Infektionen, gefolgt von 433 in Niederbayern, 406 in der Oberpfalz und 400 in Mittelfranken. Dagegen gab es in Unterfranken nur 106 neue Fälle, 170 waren es in Schwaben, 352 in Oberfranken.

Grippewelle läuft auf Hochtouren

Mehr als doppelt so viele Patienten wie sonst im Winter gehen wegen Atemwegserkrankungen zum Arzt. Darunter sind besonders viele Erwachsene zwischen 39 und 59 Jahren. "Zu rund 60 Prozent ist es dann auch die Grippe", sagt Silke Buda, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Influenza am Berliner Robert Koch-Institut (RKI). "Die aktuelle Influenza-Saison gehört sicher zu einer der schwereren Wellen der vergangenen Jahre." Allein in der neunten Kalenderwoche kamen 12.000 bestätigte neue Fälle hinzu. Dass die Zahl der Arztbesuche Ende Februar nicht noch weiter gestiegen ist, könnte ein erster Hinweis darauf sein, dass sich die Lage in den kommenden Wochen bessert.

Blutkonserven-Vorrat schrumpft durch die Grippewelle in Bayern

Dazu kommt nun ein Problem: Die Grippewelle in Bayern lässt den Vorrat an Blutkonserven schrumpfen. „Der Puffer beträgt sonst fünf bis sechs Tage, aktuell nur drei Tage. Das geht schon an die Substanz“, sagte Christian Kohl vom Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). „Ein Engpass, dass Operationen verschoben werden müssten, besteht aber definitiv nicht.“

Etwa 20 Prozent weniger Menschen haben in der letzten Zeit Blut gespendet - daran ist nicht nur die Grippe schuld, sondern auch die Ferienzeit und die Faschingszeit. Eine Entspannung ist aber noch nicht in Sicht: Wer an Grippe erkrankt ist, ist nach seiner Genesung noch vier Wochen lang für eine Blutspende gesperrt.

Grippe-Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr schwanken

Von den hohen Erkrankungszahlen her ist die aktuelle Welle mit der Saison 2012/13 vergleichbar. Von der Dominanz einer der drei Grippeviren - Typ A H3N2 - ähnelt sie aber eher dem Winter 2008/2009. Das sind beides keine guten Nachrichten: Vor sieben Jahren gab es geschätzte 18.000 Grippetote in Deutschland, vor zwei Jahren waren es geschätzte 20.000. Es sei noch zu früh zu sagen, ob es nun erneut zu einer deutlich höheren Sterblichkeit durch die Grippe kam, betont Buda. Die Schätzungen auf Basis der Zahlen des Statistischen Bundesamts seien erst mit mehr als einem Jahr Abstand möglich.

Durchschnittlich gibt es geschätzte 8000 bis 11.000 Grippetote pro Jahr

Allein das sind mehr als doppelt so viele Menschen, wie jedes Jahr in Deutschland bei Verkehrsunfällen sterben. "Es gibt aber keine Durchschnittsgrippewelle, so dass auch die Zahl der Grippetoten von Jahr zu Jahr schwankt", betont Buda. Jede Saison habe ihre eigenen Charakteristika.

In der aktuellen Welle zirkuliert bisher zu 80 Prozent der Subtyp A H3N2. Mit diesem Typ haben Experten unangenehme Erfahrung: Er scheint regelmäßig schwerere Grippewellen auszulösen. A-Viren haben darüber hinaus eine größere Neigung, sich zu verändern, berichtet Buda. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geschah das in den vergangenen 25 Jahren viermal. Ganz anders das gefürchtete Schweinegrippe-Virus vom Subtyp A H1N1: Es blieb seit 2009 stabil, obwohl gerade hier Mutationen befürchtet wurden.

Seit der WHO-Impfempfehlung für die Nordhalbkugel von Ende Februar 2014 hat sich das H3N2-Virus auch in Deutschland verändert, sagt Buda. "Das bleibt hoffentlich ein Ausreißer", ergänzt die Expertin. Denn jede Veränderung bedeutet, dass das im Vakzin enthaltene Eiweiß nicht mehr mit dem Oberflächeneiweiß des Erregers übereinstimmt. Das hat zwei gravierende Folgen: "Bei Menschen, die in früheren Jahren mal eine Grippe mit H3N2 hatten, gibt es für das Immunsystem dann keinen Wiedererkennungseffekt", erläutert Buda. Dadurch werden mehr Menschen nach einer Infektion krank. Auch die Grippeimpfung kann bei einem veränderten Virus nicht den erwarteten Schutz erzielen. Denn die Komponente gegen A H3N2 wirkt schlechter oder gar nicht.

Vor allem ältere Menschen sind gefährdet

Gefährlich ist ein nur schwach wirkendes Vakzin vor allem für geimpfte alte Menschen mit Vorerkrankungen. "Je schwächer das Immunsystem ist, desto schwerer kann es auf ein neues Influenza-Virus angemessen reagieren", erläutert Buda. Damit wachse die Gefahr von Komplikationen. Wenn dann zur Grippe-Vireninfektion noch eine Bakterieninfektion wie zum Beispiel eine Lungenentzündung kommt, kann es für betagte Patienten eng werden. Viel seltener rafft die Grippe junge, gesunde Menschen hinweg - ausgeschlossen ist aber auch das nicht.

"Trotz aller Bemühungen bleibt es schwer, die genauen Influenza-Subtypen, gegen die der Impfstoff wirken muss, so weit im Voraus schon zu bestimmen", sagt Carlos Guzman, Experte am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Ein universeller Impfstoff, der auch gegen Varianten der Subtypen wirken könnte, befinde sich erst im Stadium der Grundlagenforschung, ergänzt Buda. "Für die nächsten Jahre ist das nicht absehbar."

Impfung ist der beste Schutz

Es sei trotzdem auf jeden Fall sinnvoll, sich auch in diesem Herbst wieder impfen zu lassen, betonen beide Experten. Denn es gebe keine Alternative zum Impfschutz - auch wenn die Wirkung leider nicht immer garantiert werden könne. Nur wenn sich die Viren nach der WHO-Empfehlung und der massenhaften Produktion von Impfstoff nicht verändern, kann die Impfung gut schützen.

In Deutschland liegt die Impfquote mit rund 30 Prozent bei Grippe ohnehin sehr niedrig. Für ältere Menschen empfiehlt die WHO zum Beispiel eine Grippe-Impfquote von 75 Prozent. Allein die Impfmüdigkeit der Deutschen gegen das Virus macht es Grippewellen hier also leichter - und zwar jedes Jahr. Und je mehr Menschen krank werden, desto größer sei auch die Gefahr von schweren Verläufen, sagt Buda. Und damit von Todesfällen.

Wolfgang Kreischer vom Hausärzteverband Berlin und Brandenburg erklärt, wie man sich vor Grippeviren schützen kann:

Auf dem Sprung sein: Zum Beispiel das Wartezimmer beim Arzt birgt ein hohes Risiko, sich dort eine Grippe einzufangen. "Da sollte man nicht lange verweilen, weil man von extrem vielen Viren bombardiert wird", rät Kreischer. Deshalb möglichst einen Termin machen, um nicht lange warten zu müssen.

Abstand halten: Nicht nur wer hustet oder niest, versprüht Bazillen. Auch in der ausgeatmeten Luft tummeln sich Erreger. Gerade in der Grippezeit ist also jeder verdächtig - etwa 60 bis 70 Zentimeter groß sollte der Abstand schon sein. Beim Niesen reicht das nicht, betont Kreischer. Dann sind eineinhalb bis zwei Meter geboten.

Sauber bleiben: Händewaschen schützt vor Grippe. Am besten mit warmem Wasser und ausreichend Seife, empfiehlt Kreischer. Außerdem sollte man die Türklinken regelmäßig reinigen.

Erreger rausfiltern: In Japan schützen sich viele Menschen mit einem Mundschutz vor Erregern. Wer die Grippeviren weniger auffällig abwehren will, nimmt stattdessen einfach einen Schal. "Das hilft wie ein kleiner Filter", erklärt Kreischer.

dpa

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