Umdenken ist erforderlich

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Derzeit leben in Deutschland etwa eine Million Menschen mit Demenz: Bis zum Jahr 2030 könnten Prognosen zufolge bis zu 1,7 Millionen Menschen betroffen sein. Demenz ist nicht nur eine Herausforderung für Angehörige, Pflegende und Medizin, sondern für die ganze Gesellschaft.

Der Heidelberger Altersforscher Andreas Kruse beklagt weit verbreitete Vorurteile über Demenz.

In der Öffentlichkeit herrsche ein „katastrophales Bild“ vor, dass Demenz naturgemäß zum Alter dazugehöre, sagte der Direktor des Uni-Instituts für Gerontologie im November vergangenen Jahres während einer Tagung des Deutschen Ethikrates zum Thema „Demenz“ in Hamburg.

Auch werde oft behauptet, Demenzkranke bekämen nichts mehr mit. Dabei hätten sie ein sehr differenziertes Gefühlserleben, das sie allerdings nicht im Gedächtnis speichern könnten. Kruse: „Wir müssen immer um den guten Augenblick kämpfen.“

Unterstützung erhielt Kruse von seiner Fachkollegin Ursula Lehr. So könne auch eine Depression oder Flüssigkeitsmangel zu einer „Pseudo-Demenz“ führen, sagte die ehemalige Bundesfamilienministerin (CDU). Untersuchungen hätten gezeigt, dass in Altenheimen zu selten Fachärzte eingesetzt würden. Hausärzte verschrieben zu oft Psychopharmaka und zu selten spezielle Präparate gegen Demenz.

Demenz werde von der Medizin als „Niederlage“, von der Pflege als „Überforderung“ und von den Angehörigen als „Last“ erlebt, sagte der Hamburger Psychologe Michael Wunder, Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Demenzkranke Menschen selbst litten in erster Linie unter Ausgrenzung und Isolation. Es sei ein Umdenken notwendig, wie es in ähnlicher Weise vor 40 Jahren in der Psychiatrie und vor 20 Jahren in der Behindertenpolitik zu beobachten war.

Im Zuge der Krankheit entstehe oftmals ein neues Lebensgefühl, sagt Kruse. Ehemals selbstverständliche Dinge wie Musik, gutes Essen, Kunst oder Freunde bekämen eine besondere Bedeutung. Zu beobachten sei auch, dass die Bindung an das Leben selbst spürbarer werde. Wenn demenzkranke Menschen sich dagegen den Freitod wünschten, sei dies in vielen Fällen Folge einer Depression.

Die äußeren Rahmenbedingungen für eine Pflege Demenzkranker durch Angehörige entwickelten sich allerdings negativ, führte Lehr aus. Kinder wohnten immer seltener am Ort ihrer Eltern. Zudem steige der Anteil der Senioren ohne eigene Kinder. Die gestiegene Scheidungsrate führe zu einer zunehmenden Vereinzelung. „Wer pflegt schon gerne die Ex-Schwiegermutter?“, fragte Lehr. Im Gegenzug nehme allerdings bei Männern das alte Rollenbild ab, wonach nur Frauen für die Pflege zuständig seien. (epd)

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