Unterhaltsame Eintönigkeit

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Zuschauermagnet: Die Besucherplattform bei der Baustelle für den neuen Flughafen.

Die Besucherplattform an der Flughafen-Baustelle in Calden ist ein beliebter Treffpunkt - vor allem für Senioren.

Der Wind weht Baustellenlärm hinauf zur Plattform. Eine ganze Armada an Kippern, beladen mit Erde, bahnt sich ihren Weg. Der Staub, den sie aufwirbelt, legt einen sandfarbenen Schleier über die Landschaft, die sich vor der Besucherkanzel ausbreitet. Die Kanzel informiert seit einigen Wochen über die Baustelle für den neuen Flughafen Kassel-Calden. Und zieht Heerscharen Neugieriger an. Vor allem unter Senioren hat sich die Attraktivität des neuen Treffpunkts wie ein Lauffeuer verbreitet.

Gebannt verfolgt eine Rentnertruppe die Arbeiten. Mit mehreren Fahrzeugen ist sie aus Frankenberg angereist und ist erstaunt, was sich vor ihren Augen ausbreitet: eine senfgelbe Ebene, auf der Bagger in der Erde baggern, Transporter Erde transportieren und Raupen diese Erde an anderer Stelle wieder planieren. Eintönigkeit mit Unterhaltungswert.

Fahrgemeinschaften zur Baustelle

So sehen das auch Willi Debertshäuser (73) und Herbert Sundheim (68). Die Nachbarn haben eine Fahrgemeinschaft gebildet und sind von Dörnberg übern Berg zum Infopoint gerollt. Mittlerweile zum sechsten Mal. „Wenn man eine Woche nicht hier war, kennt man sich gar nicht mehr aus“, sagt Debertshäuser und fügt in Kasseläner Platt hinzu: „Sieht alles anderster aus.“ Sechs bis acht Meter Erde hätten sie innerhalb einer Woche hier fortgeschafft. Die Männer staunen und starren fasziniert auf eine schmucklose Bahn, in der Kettenfahrzeuge eine Spur hinterlassen haben.

Als Rentner hätten sie ja viel Zeit, und es gäbe immer was zu gucken. „Ob wir aber nochmal von hier fliegen werden, das wissen wir nicht“, schmunzelt der 73-Jährige, greift nach dem Feldstecher vor seiner Brust und widmet sich einer Brummi-Formation am Horizont.

Expertenrat gefragt

Gegen Nachmittag füllt sich der Ausguck zusehends. Wer vorn am Geländer stehen möchte, darf Körperkontakt nicht scheuen. Es wird gefachsimpelt. Bernd Thiele (56) aus Calden ist auf der Baustelle beschäftigt. Er hat Urlaub und freut sich, seinen Arbeitsplatz aus der Vogelperspektive zu betrachten. Mit Bernhard Schroller (60) aus Kassel tauscht er sich über die technischen Details der Kipper aus. Die, klärt er auf, verfügen über ein Automatikgetriebe. Senioren in der Nachbarschaft spitzen die Ohren. „Und wenn die lenken, dann geschieht das nicht über die Räder. Nein, das Führerhaus schwenkt ein.“ Zwei Männer schnappen das Gesagte auf, unterziehen es mit Blick auf eines der Fahrzeuge einem Praxistest und nicken anerkennend in Thieles Richtung.

In einem Punkt sind sich die Baustellenzaungäste einig: Ein Besuch des Infopoints belebt den Alltag. Ob der Flughafen eine gute Investition ist, darin gehen die Meinungen auseinander.

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