Vernetztes Wohnen im Quartier

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Marion Heymann demonstrierti eine Lieferklappe in einer Musterwohnung für Senioren. Das Forschungsprojekt zum „Vernetzten Wohnen im Quartier“ wird von der Europäischen Union mit rund 550 000 Euro unterstützt.

Gisela Parchmann hat es das Schlüsselbrett angetan. Wann immer sie die Musterwohnung im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst betritt oder verlässt, stets geht über dem neben der Tür installierten Haken ein Licht an - erinnert daran, den Hausschlüssel mitzunehmen oder ihn wieder an seinen Platz zu hängen.

 „Wie oft weiß man nicht mehr, wo man ihn hingelegt hat“, sagt . Und die per Tablet-PC oder Fernbedienung regelbaren Vorhänge, Fenster und Lampen halten die 66-Jährige und ihr 65-jähriger Mann für ebenso gelungen wie elektronische Warnhinweise, dass der Herd noch an ist.

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„Vernetztes Wohnen im Quartier“ heißt das von der Europäischen Union geförderte Projekt, für das die Parchmanns aus Neumünster zum Testen nach Hamburg gereist sind. Zum einen geht es darum herauszufinden, welche technischen Hilfsmittel sinnvoll sind, um ältere Leute lange in ihren vier Wänden zu halten. Zum anderen gehen die Initiatoren der Frage nach, wie sich Senioren und Nachbarn über Apps so verknüpfen lassen, dass eine Gemeinschaft entsteht. Zudem treibt es sie um, wie Dienstleistungen – etwa ein Wäscheservice oder Lieferungen vom Supermarkt oder Gemüseladen um die Ecke – integriert werden können.

Gut 1,2 Millionen Euro kostet das von der Universität Hamburg begleitete Projekt. Neben der EU und Privatunternehmen beteiligt sich auch Hamburgs Gesundheitsbehörde mit knapp 300 000 Euro an dem Projekt -– aus einem einfachen Grund: Das Statistische Bundesamt und die OECD weisen seit Jahren darauf hin, dass die Alten in Deutschland immer mehr werden. So steige der Anteil der über 65-Jährigen bis 2030 wohl auf fast ein Drittel, 20 Jahre später werde jeder Sechste sogar über 80 Jahre alt sein – und sie zu betreuen ist teuer. Sozialverbände warnen schon jetzt vor einem finanziellen Kollaps und auch die Politik fürchtet, dass eine Heim-Betreuung bald nicht mehr bezahlbar sein könnte.

Für Projektkoordinator Bernd Hillebrand ist das „Vernetzte Wohnen“ dennoch „kein gerontologisches Projekt“. Denn im Grunde seien die technischen Helferlein für jede Altersgruppe interessant. Während sie bei den Jüngeren eher Wellness-Charakter hätten, böten sie den in der Regel längst internet-affinen Älteren tatsächliche Lebenshilfe – wenn auch derzeit noch eine kostspielige, wie der Geschäftsführer des Hamburger Informations- und Elektrotechnikunternehmens Q-Data Service, Reinhard Heymann, einräumt. Er geht jedoch davon aus, dass die Preise mit der Nachfrage purzeln – sofern die Wohnungswirtschaft bereits beim Neubau entsprechende Umrüstmöglichkeiten vorsehe.

Die Parchmanns sind von einem Heimaufenthalt weit entfernt. Dennoch sind sie bei ihrem Besuch etwas ins Grübeln geraten, wenn sie sich ihr Leben in 20 Jahren im zweiten Stock ohne Aufzug vor Augen führen. Gut, der in der Musterwohnung unter dem Parkett verlegte Sensorboden zum externen Erkennen möglicher Stürze der Bewohner geht ihnen doch zu weit. Und das dem Wohlbefinden dienende LED-Lichtspektakel halten sie für etwas übertrieben. Doch ansonsten ist Gisela Parchmann schon beeindruckt von den Möglichkeiten: „Das stelle ich mir toll vor“, lautet ihr Resumee. (tmn)

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